Beitrag zum Thema: Europa 10 Jahre nach Öffnung des
Eisernen Vorhangs
Befreit! - Budapest 1999.
Wir sind glücklich! Endlich haben wir alles was wir
brauchen!
Heute gehen wir ohne zu zögern in eines der über
40 völlig überteuerten McDonalds Restaurants und
wenn es uns da nicht schmeckt eben zu Wendy‘s oder Burger
King.
Alles was wir brauchen, gibt es jetzt hier, bald auch noch
viel mehr.
Ab September könnten wir uns nicht nur in den mehr als
10 seit 1996 eröffneten Einkaufszentren alles notwendige
beschaffen, nein wir könnten auch in Europas größtem
Konsumtempel direkt am Ost-Bahnhof flanieren. Flanieren können
wir dann wohl tatsächlich, einkaufen eher nicht. Es sei
denn, wir gehören zu den wenigen, die ihr Schäflein
seit der Wende ins Trockene gebracht haben. Dann aber würde
wir wohl auch nicht flanieren gehen, zu gefährlich. Vielleicht
war ja eine der vier in der letzten Woche explodierten Bomben
für uns gedacht? Letztlich würden wir dann aber
doch flanieren, man möchte ja auch gesehen werden, und
einen Ferrari oder Mercedes kauft man sich ja auch nicht nur
wegen dem tollen Fahrgefühl. Und wir hätten ja unsere
Leibwächter.
Auch so eine Segnung des Westens: das Fitnesscenter. An allen
Ecken sind sie aus dem Boden gesprossen, Brutstätten
dieser freundlichen jungen Männer mit kurzgeschorenen
Haaren und Muskeln wie Dampfhämmern. Wer kein Geld hat,
wie die meisten, braucht im Kapitalismus zumindest Kraft um
sich nach oben zu kämpfen. Es gibt ja Leute, die vertrauen
ihre Leben eher der Polizei an, aber die leben sicher nicht
in Budapest. 50 Mark sind eben reichlich wenig um einen Polizisten
zu bestechen, hier reichen sie auf jeden Fall.
Bunt ist unsere Stadt geworden, seit der Wende. Wie grau
und duster war hier doch früher alles, erst seit es diese
riesigen Reklamewände an jeder großen und kleinen
Straße in Budapest gibt, ist es hier so richtig schön
geworden. Sie lachen uns an von ihren Plakaten, mit weißen
Zähnen und glücklich rauchend, voller Stolz und
Zufriedenheit über ihr neues Westprodukt. Manchmal, so
fürchte ich nur, lachen sie uns aus.
Nach der Wende haben wir uns alle erstmal ein paar dicke
Kredite gegönnt. Erst für ein Auto, dann den Ferseher
und dann alles andere Lebensnotwendige. Ich habe gehört,
man müsste die auch zurückzahlen. Ich kann nicht
gemeint sein. Mit meinem durschnittlichen ungarischen Monatsgehalt
von etwa 500.- Mark geht das doch gar nicht.
Aber die Öffnung hat uns mehr gebracht als teures Benzin
und unbezahlbare Gasrechnungen. Denn jetzt sind wir alle so
glücklich. Besonders auch die Jugend. Sie hat das neue
Grundgesetz am besten verstanden: Glücklichsein kann
man kaufen. Seit Technoparties und Dauer-Raves ist das ja
auch recht einfach geworden, mit der Musik kam ja nicht nur
Speed und Hasch, sondern auch Exctasy und LSD. Und das macht
eben nicht nur müde Tänzer munter, sondern auch
ziemlich glücklich. Manchmal reicht uns allerdings auch
hier das Geld nicht, haben wir doch unser Gehalt schon lange
für die neuesten Klamotten ausgegeben, das gehört
doch schließlich dazu.
Das Beste von allem ist aber: Wir sind jetzt sicher. Gut
geschützt von unserem neuen großen Bruder, der
NATO, und mit besten Aussichten auf einen Beitritt in die
EU. Wovor da noch Angst haben?
Endlich haben wir alles, was wir brauchen, und noch vielmehr.
Nur manchmal, da fühle ich mich so leer.
mjk 1999