author: dr. max-joseph kraus
Zuletzt geändert am: 18.06.2001 21:17
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Beitrag zum Thema: Europa 10 Jahre nach Öffnung des Eisernen Vorhangs

Befreit! - Budapest 1999.

Wir sind glücklich! Endlich haben wir alles was wir brauchen!

Heute gehen wir ohne zu zögern in eines der über 40 völlig überteuerten McDonalds Restaurants und wenn es uns da nicht schmeckt eben zu Wendy‘s oder Burger King.

Alles was wir brauchen, gibt es jetzt hier, bald auch noch viel mehr.

Ab September könnten wir uns nicht nur in den mehr als 10 seit 1996 eröffneten Einkaufszentren alles notwendige beschaffen, nein wir könnten auch in Europas größtem Konsumtempel direkt am Ost-Bahnhof flanieren. Flanieren können wir dann wohl tatsächlich, einkaufen eher nicht. Es sei denn, wir gehören zu den wenigen, die ihr Schäflein seit der Wende ins Trockene gebracht haben. Dann aber würde wir wohl auch nicht flanieren gehen, zu gefährlich. Vielleicht war ja eine der vier in der letzten Woche explodierten Bomben für uns gedacht? Letztlich würden wir dann aber doch flanieren, man möchte ja auch gesehen werden, und einen Ferrari oder Mercedes kauft man sich ja auch nicht nur wegen dem tollen Fahrgefühl. Und wir hätten ja unsere Leibwächter.

Auch so eine Segnung des Westens: das Fitnesscenter. An allen Ecken sind sie aus dem Boden gesprossen, Brutstätten dieser freundlichen jungen Männer mit kurzgeschorenen Haaren und Muskeln wie Dampfhämmern. Wer kein Geld hat, wie die meisten, braucht im Kapitalismus zumindest Kraft um sich nach oben zu kämpfen. Es gibt ja Leute, die vertrauen ihre Leben eher der Polizei an, aber die leben sicher nicht in Budapest. 50 Mark sind eben reichlich wenig um einen Polizisten zu bestechen, hier reichen sie auf jeden Fall.

Bunt ist unsere Stadt geworden, seit der Wende. Wie grau und duster war hier doch früher alles, erst seit es diese riesigen Reklamewände an jeder großen und kleinen Straße in Budapest gibt, ist es hier so richtig schön geworden. Sie lachen uns an von ihren Plakaten, mit weißen Zähnen und glücklich rauchend, voller Stolz und Zufriedenheit über ihr neues Westprodukt. Manchmal, so fürchte ich nur, lachen sie uns aus.

Nach der Wende haben wir uns alle erstmal ein paar dicke Kredite gegönnt. Erst für ein Auto, dann den Ferseher und dann alles andere Lebensnotwendige. Ich habe gehört, man müsste die auch zurückzahlen. Ich kann nicht gemeint sein. Mit meinem durschnittlichen ungarischen Monatsgehalt von etwa 500.- Mark geht das doch gar nicht.

Aber die Öffnung hat uns mehr gebracht als teures Benzin und unbezahlbare Gasrechnungen. Denn jetzt sind wir alle so glücklich. Besonders auch die Jugend. Sie hat das neue Grundgesetz am besten verstanden: Glücklichsein kann man kaufen. Seit Technoparties und Dauer-Raves ist das ja auch recht einfach geworden, mit der Musik kam ja nicht nur Speed und Hasch, sondern auch Exctasy und LSD. Und das macht eben nicht nur müde Tänzer munter, sondern auch ziemlich glücklich. Manchmal reicht uns allerdings auch hier das Geld nicht, haben wir doch unser Gehalt schon lange für die neuesten Klamotten ausgegeben, das gehört doch schließlich dazu.

Das Beste von allem ist aber: Wir sind jetzt sicher. Gut geschützt von unserem neuen großen Bruder, der NATO, und mit besten Aussichten auf einen Beitritt in die EU. Wovor da noch Angst haben?

Endlich haben wir alles, was wir brauchen, und noch vielmehr. Nur manchmal, da fühle ich mich so leer.

 

mjk 1999

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