Ein trüber Tag. Es hat aufgehört zu regnen,
doch die Wolken hängen noch tief. Er saß da. Reglos, in die Ferne
glotzend, denkend und doch leer. Manchmal richtete er sich auf und zog an
seiner Zigarette, dazu ein Schluck Kaffee. Im Hintergrund immer wieder die
selbe Musik. Sie störte ihn nicht, er hörte sie kaum.
Immer wieder kehrten seine Gedanken an den selben Punkt
zurück. Er fühlte sich hilflos. Übermannt. Noch ein Schluck
Kaffee, noch ein Zug. Was ändert es?
Es war kalt. Der Sommer neigte sich dem Ende, der Herbst
kündigte sich mit windigen Tagen an. Er saß.
Die Wände waren so weiß. Keine Farbe, nur
weiß. Warum? Hatten sie sich verändert? Oder er?
Die Tage blieben die selben und hatten doch gerade
erst begonnen. Was füllt die Leere?
Es war nicht sein Schmerz. Er hatten ihn sich geliehen.
Er wollte ihn, suchte ihn. Er nutzte ihn.
Ein anderer Tag. Sonnig und heiß. Ein Tag im
Mai. Wonnemonat, wie sie ihn nennen. Viel zu heiß. Und doch freute er
sich. Er mochte die Hitze. Der Kaffee schmeckte besser dann, die Zigaretten
eher schlechter.
Wo war der Schmerz? War er wirklich fort, oder nur
tiefer vergraben? Er wußte es nicht und wußte es doch. Er war
da. Tief unten, kaum sichtbar und doch so da. Mochten die anderen lachen.
Belügen sie sich nicht nur selbst?, fragte er sich, was ist das Lachen?
Er wollte nicht mehr. Ja, es gab Zeiten, da hatte auch er viel gelacht. Laut
und oft. Doch das war schon lange her. So lange nicht, er war ja selbst noch
jung, doch viel zu lange um noch umdrehen zu können. Eines Tages hatte
er damit aufgehört. Nicht ganz, freilich, doch immer anders. Nicht wirklich
bitter, eher ent-täuscht, der Wahrheit näher. Was gab es zu lachen
? Er lachte nicht mehr. Er fühlte den Schmerz, er erfüllte sich
damit, er wurde damit erfüllt. Nicht dieser gefühlige Schmerz, keine
Tränen, keine Verzweiflung. Einfach nur Schmerz. Da.
Es mochten zwei, drei Jahre nun sein, daß er
angefangen hatte zu schmerzen, nicht zu lachen. Nicht das Mitleid mit dem
eigenen Sein, das Leid am eigenen Sein, ja das Leid am Sein und letztlich
doch das Leid des Seins waren nun seine Gefährten.
Er war viel alleine. Meistens gerne, nur selten übermannte
ihn dieses Gefühl der Einsamkeit. Oft jedoch liebte er die Ruhe. Ganz
alleine mit Gott. War das nicht auch schon eine Sünde? Es gab viel zu
tun, die tägliche Arbeit schrie nach Erledigung. Seinen Kollegen war
er angenehm, meist hilfsbereit und freundlich, ja ab und an scherzte er gar
ein wenig mit ihnen. Sie lachten doch gerne, er wollte es ihnen nicht nehemen.
Doch er selbst blieb allein, vom Schmerz erfüllt
Der Schmerz durchzuckte ihn, wenn er seine Patienten
sah. Aus dem Leben gerissen, einmal schneller, ein ander mal langsam und siechend.
Hinein in ein neues Sein. Ein Leben mit dem Leid. Viele wollten es nicht sehen,
andrere konnten nichts anderes mehr. Sie fühlte sich so unnormal. Ein
Lächeln umspielte sein Herz. Unnormal! War das nicht eher die Normalität?
Wer ist gesund?
Ist der Gesunde nicht eher der, der die eigene Krankheit
nicht sehen kann, nicht sehen will?
Dunkle Nacht am helllichten Tag. Er mag und kann doch
nicht. Er will wollen. Mehr nicht. Megr geht nicht, mehr kann
er nicht zustande bringen. Dunkel, ganz dunkel - und doch
hell. Was? Die Tage vergehen in Leere und Einsamkeit. Kein
Licht am Ende des Tunnels, kein Funken und doch ist es hell.
Ist es nun hell ode dunkel, er weiß es nicht. Leben
lebt vor sich hin, unerfüllt und doch. Pferde grasen
geruhsam. Ein trüber Tag, eine trübe Woche. Leid,
Leid, warum liebst du mich so sehr. Oder liebe ich dich?
mjk 1998