author: dr. max-joseph kraus
Zuletzt geändert am: 18.06.2001 21:17
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Leid

Ein trüber Tag. Es hat aufgehört zu regnen, doch die Wolken hängen noch tief. Er saß da. Reglos, in die Ferne glotzend, denkend und doch leer. Manchmal richtete er sich auf und zog an seiner Zigarette, dazu ein Schluck Kaffee. Im Hintergrund immer wieder die selbe Musik. Sie störte ihn nicht, er hörte sie kaum.

Immer wieder kehrten seine Gedanken an den selben Punkt zurück. Er fühlte sich hilflos. Übermannt. Noch ein Schluck Kaffee, noch ein Zug. Was ändert es?

Es war kalt. Der Sommer neigte sich dem Ende, der Herbst kündigte sich mit windigen Tagen an. Er saß.

Die Wände waren so weiß. Keine Farbe, nur weiß. Warum? Hatten sie sich verändert? Oder er?

Die Tage blieben die selben und hatten doch gerade erst begonnen. Was füllt die Leere?

Es war nicht sein Schmerz. Er hatten ihn sich geliehen. Er wollte ihn, suchte ihn. Er nutzte ihn.

Ein anderer Tag. Sonnig und heiß. Ein Tag im Mai. Wonnemonat, wie sie ihn nennen. Viel zu heiß. Und doch freute er sich. Er mochte die Hitze. Der Kaffee schmeckte besser dann, die Zigaretten eher schlechter.

Wo war der Schmerz? War er wirklich fort, oder nur tiefer vergraben? Er wußte es nicht und wußte es doch. Er war da. Tief unten, kaum sichtbar und doch so da. Mochten die anderen lachen. Belügen sie sich nicht nur selbst?, fragte er sich, was ist das Lachen? Er wollte nicht mehr. Ja, es gab Zeiten, da hatte auch er viel gelacht. Laut und oft. Doch das war schon lange her. So lange nicht, er war ja selbst noch jung, doch viel zu lange um noch umdrehen zu können. Eines Tages hatte er damit aufgehört. Nicht ganz, freilich, doch immer anders. Nicht wirklich bitter, eher ent-täuscht, der Wahrheit näher. Was gab es zu lachen ? Er lachte nicht mehr. Er fühlte den Schmerz, er erfüllte sich damit, er wurde damit erfüllt. Nicht dieser gefühlige Schmerz, keine Tränen, keine Verzweiflung. Einfach nur Schmerz. Da.

Es mochten zwei, drei Jahre nun sein, daß er angefangen hatte zu schmerzen, nicht zu lachen. Nicht das Mitleid mit dem eigenen Sein, das Leid am eigenen Sein, ja das Leid am Sein und letztlich doch das Leid des Seins waren nun seine Gefährten.

Er war viel alleine. Meistens gerne, nur selten übermannte ihn dieses Gefühl der Einsamkeit. Oft jedoch liebte er die Ruhe. Ganz alleine mit Gott. War das nicht auch schon eine Sünde? Es gab viel zu tun, die tägliche Arbeit schrie nach Erledigung. Seinen Kollegen war er angenehm, meist hilfsbereit und freundlich, ja ab und an scherzte er gar ein wenig mit ihnen. Sie lachten doch gerne, er wollte es ihnen nicht nehemen. Doch er selbst blieb allein, vom Schmerz erfüllt

Der Schmerz durchzuckte ihn, wenn er seine Patienten sah. Aus dem Leben gerissen, einmal schneller, ein ander mal langsam und siechend. Hinein in ein neues Sein. Ein Leben mit dem Leid. Viele wollten es nicht sehen, andrere konnten nichts anderes mehr. Sie fühlte sich so unnormal. Ein Lächeln umspielte sein Herz. Unnormal! War das nicht eher die Normalität?

Wer ist gesund?

Ist der Gesunde nicht eher der, der die eigene Krankheit nicht sehen kann, nicht sehen will?

 

Dunkle Nacht am helllichten Tag. Er mag und kann doch nicht. Er will wollen. Mehr nicht. Megr geht nicht, mehr kann er nicht zustande bringen. Dunkel, ganz dunkel - und doch hell. Was? Die Tage vergehen in Leere und Einsamkeit. Kein Licht am Ende des Tunnels, kein Funken und doch ist es hell. Ist es nun hell ode dunkel, er weiß es nicht. Leben lebt vor sich hin, unerfüllt und doch. Pferde grasen geruhsam. Ein trüber Tag, eine trübe Woche. Leid, Leid, warum liebst du mich so sehr. Oder liebe ich dich?

 

mjk 1998

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