author: dr. max-joseph kraus
Zuletzt geändert am: 18.06.2001 21:17
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Jonas

"Es ist so dunkel! Zu dunkel für meine Hoffnung." Jonas saß nur da. Er weinte nicht, er fühlte in sich hinein. Kein Lachen war da zu sehen, kein Licht. Alles nur so dunkel.

Lange war keine Zeit mehr gewesen, einfach nur so zu sitzen. Das Leben mit seinen vielen Anforderungen hatte auch Jonas erreicht. Er hatte erst kürzlich sein Studium abgeschlossen. Stand nun vor einer schwierigen Berufswahl, hatte sich eine neue Wohnung suchen müssen und litt unter einer nicht enden wollenden Auseinandersetzung mit seiner Freundin.

An alledies dachte er nicht in diesen Stunden. Es war präsent und auch belastend, aber er spürte es nicht, sah es nicht, es hatte keine Bedeutung.

Er horchte weiter. Nicht doch ein Lachen? Irgendwo? Oder wenigstens ein Weinen?

Nichts.

Jonas war lange weg gewesen von seiner Heimat, hatte im Ausland studiert. Manchmal machte er das für seine Leere verantwortlich. Er war schon früh aufgebrochen fremde Länder zu erkennen. Hatte er über dem seine Heimat vergessen? Kannte er sich nicht, weil er seine Heimat nicht kannte?

Auf vielen Wegen hatte er versucht das Glück zu finden. Nun war er in seinen besten Jahren und unglücklicher denn je. Jonas hatte gesucht. Immer vertrauend, daß der Suchende eines Tages auch finden wird. Er hatte nicht gefunden. Kein Glück. Hatte die Menschen, die ihm glücklich schienen nachzueifern getrachtet, wollte auch, konnte nie.

Nun saß er da.

"Habe ich einen glücklichen Menschen getroffen?" Er verneinte eifrig. Waren die nicht alle nur glücklich erschienen. Hatte sich bei näherem Hinsehen nicht immer wieder das selbe mittelmäßige Drama gezeigt. Manche hatten sich einfach als glücklich definiert und letztlich waren sie doch nur zu faul und feige gewesen ihr Unglück zu sehen. Andere waren da ehrlicher und zeigten ihr Unglücklichsein auch ganz offen nach außen.

Manche hatten Geld und manche waren arm, manche hatten Freunde und andere waren allein, die einen hatten eine erfüllende Arbeit, die anderen waren arbeitslos. Nur glücklich war keiner gewesen.

Alle erschienen ihm so hilflos. Oft hatte Jonas nach einem Vorbild gesucht und oft auch hatte er es zu finden gemeint. War nur der Funken einer Hoffnung auf das Ziel, hatte er sich mit seiner ganzen Kraft hineingestürzt, hatte probiert und geschafft, letzlich immer nur gelitten.

Heute hatte er resigniert. Resigniert hatte er eigentlich schon länger. Es war nach einer großen Auseinandersetzung mit seiner Freundin gewesen, auf die er so viel Hoffnung gesetzt hatte. "Durch sie werde ich glücklich werden! Mit ihr allein!" Sie hatten sich wie oft gestritten, nur war es ihm dann aufgegangen, daß auch sie ihn nicht glücklich machen konnte, für einige Momente zwar, doch nicht dauerhaft. Glückliche Augenblicke waren teuer erkauft mit vielen Kompromissen.

"Einmal nur glücklich sein und ruhig. Länger als ein paar Stunden, eine Woche vielleicht." Noch länger wagte er gar nicht zu denken. Nicht das überstürmende Gefühl des Verliebtseins oder die Freude über ein Geschenk. Glück ist Ruhe. Ruhe ist Glück.

Sich einmal ausruhen, nicht weiter getrieben werden von den eigenen Gedanken und Gefühlen. Nicht gehetzt von Schuldgefühlen und Minderwertigkeitskomplexen, nicht gedrängt von Erwartungen und Ansprüchen. "Nur einmal sein. Einfach so." Diese einfache sein erschien ihm so fern, so unmöglich, leichter wäre es gewesen reich zu sein oder erfolgreich oder berühmt. Aber nur so zu sein. Ohne irgendetwas. Ohne Drängende Gedanken. Ohne Qual. Ohne Freude und ohne Leid. Einfach sein. Zu schwierig für ihn. Er konnte es nicht, glaubte nicht, daß andere es konnten, wußte nicht ob es überhaupt möglich sei.

Er wünschte es sich. Er sehnte sich danach. Unablässig. Immer wieder. Nichts erstrebte er so sehr.

Jonas hatte sich in diesen Gedanken geradezu verstiegen, so weit, daß nun dieser Gedanke selbst ihn auch zu drängen begann, er nicht mehr von ihm lassen konnte, wie schon von so vielen anderen.

Wenn er so da saß und aus dem Fenster in die schwarze Nacht blickte hätte er gern geweint. Er konnte nicht. Es war nichts da und trotzdem war da nichts. Er fühlte sich so leer und war nicht leer. Er wäre gerne leer gewesen und hatte doch Angst davor.

Jonas war ein ängstlicher Mensch. Im täglichen Leben merkte man es ihm kaum an, er hatte viele Strategien entwickelt, selbstbewußt und mutig zu erscheinen, in manchen Fällen konnte er es sogar sein, wenn es die Situation von ihm verlangte und er so einem anderen helfen konnte. Aber er war feige. Er hatte Angst vor der Wahrheit.

Heute spürte er die Verzweiflung an seinem Leben. Erkannte dieses Gefühl mittlerweilen gut, früher war es ihm völlig fremd gewesen.

Er dachte zurück. An Glück aus Unwissenheit. An Kinderjahre. An Kinderqualen.

Er war weit weg. Schwebte durch einen Raum aus Glück und Licht. Es waren nicht die Erinnerungen an seine eigene Jugend, es waren Erinnerungen an einen Wunsch. Viel Grün war da und viel Blau. Die Farben deutlich und leuchtend, ohne Träger, frei im Raum und überall. Das Blau war so tief und doch leuchtend, er hatte nie ähnliches gesehen. Es erinnerte ihn an einen Tauchgang vor Südafrika und doch waren die Farben damals nur blaß gewesen. Dieses Blau war rein und ganz, nichts mangelte ihm. Es wirkte auf die Sinne wie ein leichter Hauch ätherischen Öls, es durchdrang ihn ganz, war da. Es war ein gutes Gefühl. Das Blau nur so anzuschauen.

Getrennt davon und nicht durchmischt füllte ein dunkles Grün die weite Halle. Blau und Grün reflektierten von den glatten Wänden, waren überall und nie vermischt.

Jonas stand lange. Er blickte und war ruhig. Endlich! Blau und Grün, Wechselspiel der Farben, reine Faszination. Fröhlich und frei begann Jonas den Raum zu durchwandern. Begeisterung füllte sein Herz. Immer wieder diese Farben! Dieses Licht. Er konnte die Blicke in alle Richtungen wenden, überall war nur Glück und Helligkeit und Freude und Ruhe.

Auf einen Schlag kam er zurück. Er wurde gerissen. Zurück in sein Grau und Schwarz. In seinem Zimmer hatte sich nichts verändert. Er saß immer noch so da wie zuvor, wußte nicht wie lange er fort gewesen war. Es blieb eine verschwommene Erinnerung.

Jonas war groß gewachsen, hatte dunkles Haar und tiefe Augen. Er war nicht häßlich. Doch man begann seine innere Vereinsamung auch von außen zu erkennen. Seine Gesichtszüge wurden langsam schärfer, akzentuierter, trauriger. Die Augen blickten manchmal so leer.

mjk 1998

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