"Es
ist so dunkel! Zu dunkel für meine Hoffnung." Jonas saß
nur da. Er weinte nicht, er fühlte in sich hinein. Kein
Lachen war da zu sehen, kein Licht. Alles nur so dunkel.
Lange
war keine Zeit mehr gewesen, einfach nur so zu sitzen. Das
Leben mit seinen vielen Anforderungen hatte auch Jonas erreicht.
Er hatte erst kürzlich sein Studium abgeschlossen. Stand
nun vor einer schwierigen Berufswahl, hatte sich eine neue
Wohnung suchen müssen und litt unter einer nicht enden
wollenden Auseinandersetzung mit seiner Freundin.
An
alledies dachte er nicht in diesen Stunden. Es war präsent
und auch belastend, aber er spürte es nicht, sah es nicht,
es hatte keine Bedeutung.
Er
horchte weiter. Nicht doch ein Lachen? Irgendwo? Oder wenigstens
ein Weinen?
Nichts.
Jonas
war lange weg gewesen von seiner Heimat, hatte im Ausland
studiert. Manchmal machte er das für seine Leere verantwortlich.
Er war schon früh aufgebrochen fremde Länder zu
erkennen. Hatte er über dem seine Heimat vergessen? Kannte
er sich nicht, weil er seine Heimat nicht kannte?
Auf
vielen Wegen hatte er versucht das Glück zu finden. Nun
war er in seinen besten Jahren und unglücklicher denn
je. Jonas hatte gesucht. Immer vertrauend, daß der Suchende
eines Tages auch finden wird. Er hatte nicht gefunden. Kein
Glück. Hatte die Menschen, die ihm glücklich schienen
nachzueifern getrachtet, wollte auch, konnte nie.
Nun
saß er da.
"Habe
ich einen glücklichen Menschen getroffen?" Er verneinte
eifrig. Waren die nicht alle nur glücklich erschienen.
Hatte sich bei näherem Hinsehen nicht immer wieder das
selbe mittelmäßige Drama gezeigt. Manche hatten
sich einfach als glücklich definiert und letztlich waren
sie doch nur zu faul und feige gewesen ihr Unglück zu
sehen. Andere waren da ehrlicher und zeigten ihr Unglücklichsein
auch ganz offen nach außen.
Manche
hatten Geld und manche waren arm, manche hatten Freunde und
andere waren allein, die einen hatten eine erfüllende
Arbeit, die anderen waren arbeitslos. Nur glücklich war
keiner gewesen.
Alle
erschienen ihm so hilflos. Oft hatte Jonas nach einem Vorbild
gesucht und oft auch hatte er es zu finden gemeint. War nur
der Funken einer Hoffnung auf das Ziel, hatte er sich mit
seiner ganzen Kraft hineingestürzt, hatte probiert und
geschafft, letzlich immer nur gelitten.
Heute
hatte er resigniert. Resigniert hatte er eigentlich schon
länger. Es war nach einer großen Auseinandersetzung
mit seiner Freundin gewesen, auf die er so viel Hoffnung gesetzt
hatte. "Durch sie werde ich glücklich werden! Mit ihr
allein!" Sie hatten sich wie oft gestritten, nur war es ihm
dann aufgegangen, daß auch sie ihn nicht glücklich
machen konnte, für einige Momente zwar, doch nicht dauerhaft.
Glückliche Augenblicke waren teuer erkauft mit vielen
Kompromissen.
"Einmal
nur glücklich sein und ruhig. Länger als ein paar
Stunden, eine Woche vielleicht." Noch länger wagte er
gar nicht zu denken. Nicht das überstürmende Gefühl
des Verliebtseins oder die Freude über ein Geschenk.
Glück ist Ruhe. Ruhe ist Glück.
Sich
einmal ausruhen, nicht weiter getrieben werden von den eigenen
Gedanken und Gefühlen. Nicht gehetzt von Schuldgefühlen
und Minderwertigkeitskomplexen, nicht gedrängt von Erwartungen
und Ansprüchen. "Nur einmal sein. Einfach so." Diese
einfache sein erschien ihm so fern, so unmöglich, leichter
wäre es gewesen reich zu sein oder erfolgreich oder berühmt.
Aber nur so zu sein. Ohne irgendetwas. Ohne Drängende
Gedanken. Ohne Qual. Ohne Freude und ohne Leid. Einfach sein.
Zu schwierig für ihn. Er konnte es nicht, glaubte nicht,
daß andere es konnten, wußte nicht ob es überhaupt
möglich sei.
Er
wünschte es sich. Er sehnte sich danach. Unablässig.
Immer wieder. Nichts erstrebte er so sehr.
Jonas
hatte sich in diesen Gedanken geradezu verstiegen, so weit,
daß nun dieser Gedanke selbst ihn auch zu drängen
begann, er nicht mehr von ihm lassen konnte, wie schon von
so vielen anderen.
Wenn
er so da saß und aus dem Fenster in die schwarze Nacht
blickte hätte er gern geweint. Er konnte nicht. Es war
nichts da und trotzdem war da nichts. Er fühlte sich
so leer und war nicht leer. Er wäre gerne leer gewesen
und hatte doch Angst davor.
Jonas
war ein ängstlicher Mensch. Im täglichen Leben merkte
man es ihm kaum an, er hatte viele Strategien entwickelt,
selbstbewußt und mutig zu erscheinen, in manchen Fällen
konnte er es sogar sein, wenn es die Situation von ihm verlangte
und er so einem anderen helfen konnte. Aber er war feige.
Er hatte Angst vor der Wahrheit.
Heute
spürte er die Verzweiflung an seinem Leben. Erkannte
dieses Gefühl mittlerweilen gut, früher war es ihm
völlig fremd gewesen.
Er
dachte zurück. An Glück aus Unwissenheit. An Kinderjahre.
An Kinderqualen.
Er
war weit weg. Schwebte durch einen Raum aus Glück und
Licht. Es waren nicht die Erinnerungen an seine eigene Jugend,
es waren Erinnerungen an einen Wunsch. Viel Grün war
da und viel Blau. Die Farben deutlich und leuchtend, ohne
Träger, frei im Raum und überall. Das Blau war so
tief und doch leuchtend, er hatte nie ähnliches gesehen.
Es erinnerte ihn an einen Tauchgang vor Südafrika und
doch waren die Farben damals nur blaß gewesen. Dieses
Blau war rein und ganz, nichts mangelte ihm. Es wirkte auf
die Sinne wie ein leichter Hauch ätherischen Öls,
es durchdrang ihn ganz, war da. Es war ein gutes Gefühl.
Das Blau nur so anzuschauen.
Getrennt
davon und nicht durchmischt füllte ein dunkles Grün
die weite Halle. Blau und Grün reflektierten von den
glatten Wänden, waren überall und nie vermischt.
Jonas
stand lange. Er blickte und war ruhig. Endlich! Blau und Grün,
Wechselspiel der Farben, reine Faszination. Fröhlich
und frei begann Jonas den Raum zu durchwandern. Begeisterung
füllte sein Herz. Immer wieder diese Farben! Dieses Licht.
Er konnte die Blicke in alle Richtungen wenden, überall
war nur Glück und Helligkeit und Freude und Ruhe.
Auf
einen Schlag kam er zurück. Er wurde gerissen. Zurück
in sein Grau und Schwarz. In seinem Zimmer hatte sich nichts
verändert. Er saß immer noch so da wie zuvor, wußte
nicht wie lange er fort gewesen war. Es blieb eine verschwommene
Erinnerung.
Jonas
war groß gewachsen, hatte dunkles Haar und tiefe Augen.
Er war nicht häßlich. Doch man begann seine innere
Vereinsamung auch von außen zu erkennen. Seine Gesichtszüge
wurden langsam schärfer, akzentuierter, trauriger. Die
Augen blickten manchmal so leer.