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Niels Stensen in Leiden
Inaugural – Dissertation
zur Erlangung der Würde eines Doktors der Medizin der
Semmelweis Universität für Medizinische Wissenschaften
Budapest
vorgelegt von
Max-Joseph Kraus
aus München
Budapest im Januar 1999
1997 wurde das letzte eigenständige Institut für Geschichte
der Medizin Ungarns geschlossen. Meinem Lehrer der Medizingeschichte im
Wintersemester 1996, Prof. Dr. Emil Schultheisz, danke ich für die Überlassung
des Themas, die vielen Hilfen und Anregungen und die immer großzügig
geschenkte Zeit.
Seit dem Studienjahr 1998/99 erfolgt die Betreuung der Medizinhistorik vom
Institut für Hygiene aus. Dem Leiter dieses Instituts, Prof. Dr. Endre
Morava, sei für sein Interesse und alle gewährte Unterstützung
gedankt.

Herz und Kreuz: Auszug aus Briefsiegel
und Bischofswappen Niels Stensens.
Gewidmet
MARIA
Brennende Hoffnung,
Feuer im Herzen.
Mit Dank.
Inhalt:
Vorweg *
1 Zur Entstehung dieser Arbeit *
1.1 Geschichte und Medizin *
1.2 Absicht *
1.3 Aufgabenstellung *
2 Einführung *
2.1 Europa im 17. Jahrhundert *
2.2 Stand der Wissenschaft *
2.3 Stationen auf Stensens Weg *
2.3.1 Jugendjahre und Studium in Kopenhagen 1638-59 *
2.3.2 Vier Monate in Amsterdam 1660 *
2.3.3 Anatomische Studien in Leiden 1660-63 *
2.3.4 Ein Jahr in Frankreich 1664-65 *
2.3.5 Pisa-Rom-Florenz 1666-69 *
2.3.5.1 Muskelforschung-Geologie-Paläontologie *
2.3.5.2 Konversion *
2.3.5.3 Geologische Forschung in der Toskana *
2.3.5.4 Prodromus *
2.3.5.5 Aufbruch aus Italien *
2.3.6 Die Reise nach Österreich und Ungarn 1669 *
2.3.7 Glaubensgespräche in Holland 1670 *
2.3.8 Pisa und Florenz 1670-1671 *
2.3.9 Als Katholik in Kopenhagen 1672-74 *
2.3.10 Erzieher des Erbprinzen und Priesterweihe in Florenz
1675-77 *
2.3.11 Als Priester in Deutschland 1677-86 *
2.3.11.1 Apostolischer Vikar in Hannover 1677-80 *
2.3.11.2 Weihbischof von Münster 1680-83 *
2.3.11.3 Zwei Jahre in Hamburg 1683-85 *
2.3.11.4 Schwerin 1686 *
3 Niels Stensen in Leiden *
3.1 Anatomie und Naturwissenschaft *
3.1.1 Wissen der Zeit *
3.1.2 Umfeld *
3.1.3 Überblick *
3.1.4 Drüsen und ihre Ausführungsgänge *
3.1.4.1 Ductus parotideus stenonianus *
3.1.4.1.1 Entdeckung in Amsterdam *
3.1.4.1.2 Der Prioritätenstreit mit Blasius *
3.1.4.2 Über die Drüsen des Mundes *
3.1.4.3 Tränenapparat und Drüsen der Nasenhöhle *
3.1.4.4 Zum Ursprung anderer Körperflüssigkeiten *
3.1.5 Zur Muskelstruktur des Herzens *
3.1.5.1 Rückblick Stensens *
3.1.5.2 Ansichten zur Funktion des Herzens *
3.1.5.3 Über Muskel und Herz *
3.2 Philosophie und Religion *
3.2.1 Philosophie im 17. Jahrhundert *
3.2.1.1 Überblick *
3.2.1.2 Descartes *
3.2.1.3 Spinoza *
3.2.2 Prägungen der Weltanschauung Stensens *
3.2.2.1 Religiöse Erziehung *
3.2.2.2 Cartesianismus *
3.2.2.3 Ole Borch *
3.2.3 Wege zur Bildung einer eigenen Weltanschauung *
3.2.3.1 Konfessionelle Vielfalt in Holland *
3.2.3.2 Anatomische Kritik des Cartesianismus *
3.2.3.3 Stensen und Spinoza *
4 Zur Stellung Niels Stensens in der Geschichte
der Medizin *
5 Zusammenfassung *
6 Anhang *
6.1 Literaturverzeichnis *
6.1.1 Orginalausgaben und Übersetzungen der Werke
Stensen: *
6.1.2 Sekundärliteratur: *
6.2 Zu Material und Methodik *
6.2.1 Orginaltexte und ihre Translation *
6.2.2 Quellen zu Stensens Biographie *
6.2.3 Zu Fussnoten und Paginierung *
6.2.4 Zu den Datumsangaben *
6.2.5 Zu den Verschiedenen Namensformen Stensens *
6.3 Danksagung *
Vorweg
Niels Stensen, der Herkunft nach Däne, gehört zu den herausragenden
Persönlichkeiten seiner Zeit. Mitten im 17. Jahrhundert, das durch seine
tiefgreifenden Änderungen menschlicher Sichtweisen die Weichen bis in
unsere Zeit hinein gestellt hat, lebt Stensen ein vorbildhaftes Leben, das
auch, oder vielleicht sogar gerade, in unseren Tagen nichts an seiner Aktualität
eingebüßt hat. Stensen ist Wissenschaftler im modernen Sinn, kritisch
und sein Urteil auf experimentelle Erfahrung bauend, bestrebt, die den Sinnen
erreichbare Wahrheit zu erforschen. Nicht als eifriger Verfechter der Cartesischen
Methode, sondern als deren konsequenter Nutzer, nicht durch ruhmheischende
Spekulationen, sondern durch klare Darlegung der ihm erkennbaren Tatsachen,
nicht nach Ehre und Macht strebend, sondern der Wahrheit verpflichtet, löst
Stensen über Jahrhunderte bestehende Fehlinterpretationen im Bereich
der Anatomie und Physiologie von Drüsen und Lymphe, befreit das Herz
von allen mystisch-religiösen Deutungsversuchen, bereitet den Weg der
Neuroanatomie zu einem tieferen Verständnis von Struktur und Funktion
des menschlichen Gehirns, erkennt auf wahrhaft geniale Weise die Grundlagen
von Paläontologie, Geologie und Mineralogie.
Stensen ist aber auch Christ, unabhängig von seiner Konfession, in beachtenswerter
Weise. Er ist nicht, wie zu seiner Zeit so häufig anzutreffen, kirchlicher
Würdenträger mit weltlichen Aufgaben, die ihn ganz einzunehmen drohen,
er ist weltlicher Würdenträger mit einem tiefen kirchlichen Verständnis,
das ihm die wahre Berufung jedes menschlichen Lebens offenbart: die konsequente
und unermüdliche Heiligung des eigenen Tuns. Nicht erst nach seiner Konversion,
auf dem Höhepunkt seiner wissenschaftlichen Erkenntnis, oder, wie man
vielleicht denken mag, nach seiner Ordination zum katholischen Priester beginnt
dieser Weg der eigenen Heiligung, sondern schon in seinen Jugendjahren, als
Schüler und Student in Kopenhagen, Amsterdam und Leiden. Die asketischen
Priesterjahre als Missionar im Norden Deutschlands bilden dann den dornengekrönten
Abschluß eines Lebens in Verantwortung und Liebe dem eigenen Schöpfer
gegenüber, das durch Papst Johannes Paul II. mit der Seligsprechung 1988
geehrt und bestätigt worden ist.
In unserer Zeit, in der dem Einzelnen auf Grund des ungeheuren Fortschrittes
von Technik und Naturerkenntnis ein bislang ungeahntes Maß an Macht
überantwortet wird, in der dem Arzt auf Grund eines weitgehenden Verlustes
von Einfluß und Ansehen kirchlicher Stellen auch in zunehmenden Maße
seelsorgerische Aufgaben zu Teil werden, in einer Zeit aber auch, in der sich
die Ausbildung heranwachsender Mediziner nahezu ausschließlich auf fachliche
Fragen beschränkt, ist Niels Stensen wegweisende Persönlichkeit
und die nähere Auseinandersetzung mit seinem Denken dem Arzt hilfreiches
Mittel auf dem Weg hin zu einer humanen Medizin.
- Zur Entstehung dieser
Arbeit
- Geschichte und Medizin
Wenn sich ein Studierender der Medizin heute aufmacht, die Wurzeln und
Gründe seines Faches näher kennenzulernen, dann stößt
er unaufhörlich an die Grenzen des eigenen Wissens, an die Mauern
der eigenen Halbbildung. All die in sechs mühsamen Jahren gesammelten
Fakten sind nur erreichte Spitze eines jahrtausendealten Berges, von den
ersten Schritten des Aufstieges hört und weiß er so gut wie
nichts. Ein Trimester Vorlesung aus der "Geschichte der Medizin" reicht
gerade aus zu erfahren, daß die Heilkunst über den ganzen uns
bekannten Abschnitt der Menschheitsgeschichte bestand und mit ihr aufs
engste verwoben ist. Ein tieferes Verständnis muß verwehrt
bleiben. Das angehäufte medizinische Wissen ist komplex und - wie
uns die zunehmende Spezialisierung der Heilberufenen deutlich zeigt -
nicht mehr in der Person eines einzelnen zu vereinen. Wie dann auch die
historische Entwicklung der Auseinandersetzung des Menschen mit seinem
Leiden und möglichst noch die vielen dort begangenen Irrwege kennen?
Im vorgegebenen Curriculum bleibt aus der Vielfalt des zu erwerbenden
Wissens ein Thema allein im Rahmen der Promotion zur tieferen Betrachtung.
Die Wahl ist frei und dadurch nicht leichter, alles mag erkannt und gewußt
werden, reizt den Geist und stimuliert die Sehnsucht nach Erkenntnis:
die Grundlagen des Zusammenspiels menschlicher Organe in der Physiologie,
die atemberaubenden Erkenntnisse der modernen Molekularbiologie und Genetik,
die neu gewonnenen Möglichkeiten zur Einwirkung auf Krankheitsgeschehen
in der Pharmakologie, das tiefere Wissen um einzelne Krankheiten und ihre
Behandlung in den verschiedenen klinischen Fachgebieten, die Mehrung der
Kenntnisse um Funktionsweise und Ausfälle von Seele und Geist in
Psychiatrie und Neurologie. Die materiellen Vorgaben des Lebens zeigen
sich in der Anatomie und Biologie, ihre Zerstörung durch krankhaftes
Geschehen in der Pathologie, die Gerichtsmedizin mag durch die gewährten
Einblicke in gesellschaftliche Krankheitsprozesse faszinieren, die Epidemiologie
durch eine Feststellung des erreichten Status quo.
Warum also dann Geschichte der Medizin? Bei der Eröffnungsrede zum
Wiesbadener Kongreß 1986 betont Prof. Zöllner : Für
sie [die Medizin] gelten alle Grundlagen der Naturwissenschaften, und
eine Ausbildung in Mathematik, Logik und Erkenntnistheorie ist genauso
wie Ethik und Morallehre an den Anfang des Medizinstudiums zu stellen.
In der heute (noch) gültigen siebten Novelle der Approbationsordnung
für Ärzte von 1989 ist keine dieser Forderungen erfüllt.
Aus dem breiten Spektrum des Angebots ist aber kein Fach so wie die Medizinhistorik
geeignet, dem Studierenden zumindest einen Einblick in Fragen vornehmlich
der ärztlichen Ethik und Erkenntnistheorie zu gewähren und ihn
zu eigenen Gedanken über die ihm bevorstehende immense Verantwortung
und moralische Verpflichtung anzuregen.
- Absicht
Bei den sich nun über fast drei Jahre erstreckenden Vorarbeiten
zu dieser Arbeit konnte also nicht zurückgegriffen werden auf detailliertes
Wissen um Politik und Gesellschaft, geistes- und naturwissenschaftliche
Strömungen zur Mitte des 17. Jahrhunderts, konnte nicht auf eine
ausgefeilte Methode zur Bearbeitung historischer Schriften gebaut werden
und auch nicht auf eine vollzogene Einordnung medizinischen Handelns in
den Lauf der Geschichte. Recherche und Materialsammlung dienten vornehmlich
zu dem einen: dem Autor selbst Einblick zu geben in ethische und philosophische
Grundlagen des auszuübenden Berufes, im Nachvollzug des Lebensweges
eines ethisch verantwortungsvoll handelnden Wissenschaftlers Bereicherung
in der eigenen moralischen Leere zu erfahren, besonders auch unterstützend
die Synthese der eigenen christlichen Gedankenwelt mit den zu erwerbenden
Handlungsfreiheiten zu fördern.
- Aufgabenstellung
Nun, gegen Ende der Studienzeit, naht auch der Zeitpunkt der Niederschrift,
Abgabe und Verteidigung der eigenen Arbeit. Gänzlich Neues kann hier
nicht dargestellt werden, existieren doch zu Stensen bereits eine kaum mehr
zu überblickende Anzahl an Veröffentlichungen. Stensens Leben im
Speziellen und das 17. Jahrhundert im Allgemeinen sind Gegenstand zahlreicher
Abhandlungen und vieler Jahre aufwendiger Forschung gewesen. Die von Michael
JENSEN als Abschlußarbeit für die Königlich Dänische
Bibliotheksschule ausgearbeitete Bibliographia Nicolai Stenonis , in
der die Werke von und über Stensen bis zum Jahr 1986 zusammengestellt
sind, verzeichnet etwa 2600 Einträge; besonders in unserem Jahrhundert
sind eine große Anzahl von Publikationen zu Stensen herausgegeben worden,
in Verbindung mit dem schon vor dem II. Weltkrieg eingeleiteten Kanonisationsprozesses,
der 1988 mit der Seligsprechung einen ersten Abschluß fand, ist Stensens
Leben nach vielerlei Hinsicht durchleuchtet worden, Gustav SCHERZ, aber auch
viele andere haben mit großer Mühe selbst kleinste Einzelheiten
zusammengetragen. Begabtere und mit Wissen Begütertere haben also Stenos
Leben zu beschreiben versucht, es existieren kurze Handschriften wie umfangreiche
Biographien, Übersetzungen großer Teile des hinterlassenen Schriftwerkes
Stensens in das Dänische, Deutsche, Italienische, Englische, Russische
und Französische, illustrierte Lebensbeschreibungen und aus den Jahren
1956-95 auch sieben akademische Dissertationen aus Dänemark, Holland
und Deutschland, Italien, Kanada und den U.S.A.
Stenos Lebensgeschichte ist komplex. Er wirkt als Anatom, Geologe und Bischof,
ist Naturwissenschaftler und Philosoph, Protestant und Katholik. Aus der Fülle
des Interessanten heraus mußte der Blick weiter eingeengt werden auf
Stensens erste Schritte als junger Anatom in Amsterdam und Leiden. In diesen
vier Jahren gelingen dem Studenten seine wohl bedeutendsten anatomischen Entdeckungen,
führt die Konfrontation mit einer schon weitgehend pluralistischen Gesellschaft
in Holland zu einer tiefgreifenden Erschütterung der eigenen Religiosität,
leitet die kritische Auseinandersetzung mit dem Cartesianismus zur Formierung
einer wissenschaftlichen Methode und eines in sich schlüssigen Welt-
und Gesellschaftsbildes.
Im Anschluß an eine kurze Einführung in das Weltbild des 17. Jahrhunderts
und einen Überblick über Stensens Lebensweg, soll hier also eine
Darstellung Stensens anatomischen Werkes in Leiden erfolgen, sowie auf die
weltanschaulichen Impulse eingegangen werden, die Philosophie und Religiosität
des jungen Dänen in diesen Jahren prägen.
- Einführung
- Europa im 17. Jahrhundert
Je nach Perspektive des Betrachters ist das 17. Jahrhundert auf ganz
verschieden Weise bezeichnet worden: Vom Zeitalter der Entdeckungen und
der Weltfahrer, vom Jahrhundert der Genies in Kunst und Malerei ist ebenso
gesprochen worden wie von dem Jahrhundert des Dreißigjährigen
Krieges, der Gegenreformation, aber auch der großen Heiligen, von
den anni mirabilis oder schlicht von der Frühen Neuzeit.
Am Beginn des Jahrhunderts stehen die Auseinandersetzungen im Zuge der
Glaubenspaltung. Ausgelöst durch den Prager Fenstersturz beginnt
der Dreißigjährigen Krieg, in dessen Verlauf die ursprünglich
religiösen Interessen bald von sehr weltlichen Machtansprüchen
verdrängt werden. Im Kampf um mehr Land und mehr Macht stehen sich
nun weite Teile des Abendlandes feindlich gegenüber. Der 1648 in
Münster und Osnabrück geschlossene Westfälische Frieden
beendet zwar die Regionalkriege in Europa, das Geschehen bleibt aber weiterhin
von kämpferischen Auseinandersetzungen geprägt. So sucht Schweden
im Ersten Nordischen Krieg gegen Dänemark und Polen die Vormachtstellung
zu erlangen, Frankreich fällt wiederholt in die Rheinprovinzen ein
und verwüstet weite Landstriche bis nach Bayern, Holland und England
kämpfen um die Vormachtstellung auf den Weltmeeren, ebenso wie Frankreich,
Spanien und Portugal. Im Osten bedrängen die Türken Kultur und
Integrität des gesamten Abendlandes, in England führt die Uneinigkeit
zwischen König und Parlament durch den Sieg Cromwells letztlich zur
Gründung des Commonwealth.
Die weiträumige Verwüstung, die Minderung der Bevölkerungszahl
auf fast ein Drittel der 18 Millionen Einwohner vor 1618 und die religiöse
Uneinigkeit begünstigen das Entstehen absolutistischer Herrschaftsformen.
In Frankreich wird der, im selben Jahr wie Stensen geborene, von seinen
Eltern nach zwanzigjähriger kinderloser Ehe dankbar Louis Dieudonné
getaufte Ludwig XIV. diese Herrschaftsform zu einer unerreichten Größe
führen, aber auch über ganz Europa hinweg streben Könige,
Fürsten und Herzöge nach einer vermehrten Konzentration und
Zentralisation der Macht in ihrer Person. Die Finanzierung eines kostspieligen
Lebensstils erfolgt durch einen konsequenten Merkantilismus, der durch
Interessen und wohlwollender Unterstützung der Machthaber letztlich
auch die kulturellen und wissenschaftlichen Blüten dieses Jahrhunderts
ermöglicht.
1621 feiern aber auch die Pilgerväter ein erstes Erntedankfest auf
amerikanischem Boden, aus den neu erschlossenen Kolonien kommen Tee, Kaffee,
Gewürze und andere Genußmittel nach Europa, mit der aus Peru
eingeführten Chinarinde steht zum ersten Mal ein für die weitere
Kolonisierung unerläßliches Mittel zur Bekämpfung der
"schlechten Luft" (ital. mala aria) zur Verfügung. Franzosen gründen
Quebec und die in den amerikanischen Südstaaten beginnende Plantagenwirtschaft
führt zu einem sprunghaften Anstieg des Sklavenhandels.
Das 17. Jahrhundert bringt den heiligen Franz von Sales hervor, der mit
seinen Werken bis in unsere Zeit hinein Hilfe und Anleitung zu einem gelebten
Glauben geben kann, in bewußter Abgrenzung zu der befürchteten
Trivialisierung des Glaubens durch die Reformation, entwickeln sich Herz-Jesu-
und Herz-Mariä-Verehrung, der heilige Vinzenz von Paul legt, beseelt
von der Idee, die christliche Nächstenliebe zu organisieren, die
Grundlagen der modernen Caritas, der heilige Papst Innozenz XI. stellt
sich öffentlich gegen Ludwig XIV. und versucht so der Hugenottenverfolgung
und der fortschreitenden Einschränkung kirchlicher Rechte in Frankreich
entgegenzuwirken
- Stand der Wissenschaft
Auch und vielleicht besonders in der Geschichte der Wissenschaften nimmt
das 17. Jahrhundert eine herausragende Stellung ein. Grundsätzliche
Änderungen der Weltsicht, ein vermehrtes Selbstbewußtsein und
die durch Reformation und Freikirchen forcierte Besinnung auf ein aktiveres
diesseitiges Leben öffnen die Tore zu unserer heutigen säkularisierten,
rationalisierten und technisierten Welt.
Hatte man erst in der Zeit von Renaissance und Humanismus gelernt, wieder
den eigenen Sinnen mehr zu vertrauen als den überlieferten Autoritäten,
begann man nun sein Wissen durch aktives Experimentieren zu erweitern.
Die großen Erfolge der neuen messenden, auf reiner Außenerfassung
beruhenden Physik Galileis (1564-1642), die tiefen physikalischen und
astronomischen Erkenntnisse Johannes Keplers (1571-1630), die außerordentlichen
theoretischen und experimentellen Arbeiten eines Gottfried Wilhelm Leibniz
(1646-1716), Christiaan Huygen (1629-1695) oder Isaac Newton (1643-1727)
rückten die mathematische Methode als hervorragendes Instrument zur
Welterkenntnis in den Vordergrund. Die großen Philosophen dieser
Zeit, allen voran Descartes, Spinoza und Leibniz, versuchten durch eine
Mathematisierung des menschlichen Denkens zu einem rationellen Weltverständnis
zu gelangen. Der der Barockzeit eigene Einbruch des Dynamischen in die
mehr von statischen Formen geprägte Welt der Renaissance kennzeichnet
sich ebenso in den von Kraft durchpulsten und von Spannungen erfüllten
Schöpfungen der Kunst wie in der neuen Dynamik Galileis, der Blutkreislauflehre
William Harveys (1578-1657), der analytischen Geometrie Fermats und Descartes’,
dem Leibnizschen Infinitesimalkalkül und den Newtonschen Bewegungsgesetzen.
Johann Baptista van Helmont (1579-1644), Wegbereiter der Iatrochemie,
unterscheidet als erster zwischen Luft und Gas und erkennt in seinen Versuchen
das Gesetz der Massenerhaltung, Boyle und Mariotte entdecken unabhängig
voneinander das nach ihnen benannte Gesetz zur Zustandsbeschreibung idealer
Gase. Aus der aufblühenden experimentellen Forschung erwachsen eine
Reihe wissenschaftlicher Instrumente und Apparate wie Fernrohr, Mikroskop,
Barometer, Rechenmaschine, Luftpumpe, Pendeluhr und Thermometer. Dieses
neue Instrumentarium, verbunden mit den gefundenen mathematischen Grundsätzen,
wird vor allem der Entwicklung der Technik in der zweiten Hälfte
des 18. Jahrhunderts unerläßliche Hilfe sein.
Während die Universitäten weitgehend im allgemeinen mittelalterlichen
Weltbild verharren und sich den raschen wissenschaftlichen Veränderungen
der Zeit nicht anzupassen vermögen, werden die großen Gelehrten
und ihre Entdeckungen in den sogenannten Akademien und gelehrten Gesellschaften
betreut. Zumeist unter königlicher Schirmherrschaft wird hier zu
Forschung angeregt, Erfahrung ausgetauscht und für eine weitere Verbreitung
und Publikation des Wissens gesorgt. In allen großen Städten
werden spätestens ab der Mitte des Jahrhunderts Akademien der Wissenschaften
gegründet, 1635 durch Richelieu die Académie française,
1652 die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina und 1662 die Royal
Society in London, als erste Akademie der Neuzeit die Accademia platonica
schon 1459 in Florenz durch Cosimo d. Ä. de Medici - 1657 wiedererweckt
von Ferdinando II. de Medici als Accademia del Cimento.
Auch der Medizin hatte das 16. Jahrhundert einen Neuanfang in zunehmender
Emanzipation von der überlieferten Lehre gebracht. Die Einführung
des Unterrichtes am Krankenbett, die Gründung neuer Universitäten,
die grundlegenden Erneuerung der Anatomie durch Andreas Vesal und die
damit verbundene Wiedergeburt der ärztlichen Chirurgie, der Angriff
auf die Humoraltheorie des Galen durch Paracelsus und die durch Fracastoro
begründete epidemiologische Betrachtungsweise der Infektionskrankheiten
bereiteten einen reichen Nährboden für die medizinischen Erkenntnisse
der Barockzeit. Aktives Experimentieren ergänzt nun die rein passive
Beobachtung des vorangegangenen Jahrhunderts, die Anatomie wird zur "belebten
Anatomie", zur Physiologie, die Einführung des Mikroskops eröffnet
eine neue Dimension der Betrachtung. Die wohl größte Entdeckung
des Jahrhunderts ist die Beschreibung des Blutkreislaufes 1628 durch William
Harvey (1578-1657). Neben konzeptuellen Vorstellungen tritt dieser große
englische Physiologe den Beweis seiner Behauptungen sowohl durch gründliche
anatomische Studien als auch experimentelle Untersuchungen und vom naturwissenschaftlichen
Standpunkt des Messens, Zählens und Wägens an.
- Stationen auf Stensens Weg
- Jugendjahre und Studium in
Kopenhagen 1638-59
Über mehrere Generationen hinweg sind Stensens Väter als
lutherische Prediger in dem damals noch dänischen Schonen bezeugt,
auch die beiden Brüder Sten Pedersens, des leiblichen Vaters Niels
Stensens, haben diesen Weg eingeschlagen. Pedersen selbst gelangt um
1620 nach Kopenhagen, wo er sich als erfolgreicher und angesehener Goldschmied
erweist.
Niels Stensen, geboren am 1.1.1638 (jul. Kalender) durchlebte das,
was wir heute vielleicht als eine schwierige Kindheit bezeichnen würden.
Beide Elternteile waren verwitwet, der Vater brachte zwei wesentlich
ältere Kinder mit in die Ehe, Niels selber litt als kleines Kind
an einer schweren, nicht näher bezeichneten Krankheit, einem morbus
satis difficilis, der ihn vom Umgang mit Gleichaltrigen abhielt
und nach eigener Aussage schon früh den Wert des Umganges mit Älteren
und Reiferen zu suchen lehrte. Zwei Wochen nach Stensens sechstem Geburtstag
stirbt sein leiblicher Vater und so ist die Mutter, Anne Nielsdatter,
gezwungen, nach dem Trauerjahr zum finanziellen Erhalt ihrer Familie
ein weiteres Mal zu heiraten, nun Peder Lesle, der von jetzt an die
Kopenhagener Goldschmiede übernehmen soll. Doch Lesle erlebt nicht
seinen zweiten Hochzeitstag und etwa 1650 vermählt sich Frau Nielstochter
mit ihrem vierten Mann, dem Goldschmied Johann Stichmann.
Über Stensens Jugendjahre sind uns nur wenige Nachrichten erhalten.
Scheinbar gibt das Schicksal dem Heranwachsenden ausreichend Gelegenheit,
seine Wertvorstellungen und Prioritäten im Angesicht des Todes
zu überdenken und zu relativieren. Sei es durch den frühen
Tod des Vaters, sei es durch die Ruhr, die der 14jähriger Lateinschüler
durch Kopenhagen ziehen sieht, oder die Pest, an die er als 16jähriger
ein volles Drittel seiner Mitschüler verliert.
Durch die Umstände einer kontinuierlichen väterlichen Erziehung
beraubt, findet Stensen im Vater seines Jugendfreundes Jakob Henrik
Paulli einen väterlichen Freund und Lehrer. Dieser berühmte
Kopenhagener Arzt und humanistische Denker, Simon Paulli, ist dem jungen
Schüler wohlgesonnen, und Stensen wird ein gern gesehener Gast
in dessen Haus. Paulli lehrt damals noch als Vorgänger Bartholins
an der Kopenhagener Universität und gilt zu seiner Zeit als Inspirator
der Naturwissenschaft in Dänemark. Als Stensen 1661 eine erste
größere Schrift sechs für ihn besonders bedeutungsvollen
Professoren widmet, nennt er Simon Paulli an erster Stelle, zwei Jahre
später bezeichnet er ihn als praeceptori parentis venerando
loco - einen Lehrer, den ich wie einen Vater zu verehren habe.
An der Liebfrauenschule, an der neben den klassisch-humanistischen
Bildungsinhalten und Grundlagen der Naturwissenschaften auch religiöses
Wissen und Übungen der praktischen Frömmigkeit im Sinne des
dänischen Pietismus vermittelt wurden, begegnet Stensen auch dem
jungen Humanisten und Botaniker Ole Borch, mit dem ihn eine lebenslange
Freundschaft verbinden soll. Von diesem hervorragenden Lateiner und
Verfechter der experimentellen Naturwissenschaften wird Stensen nicht
nur umfassend über die wertvollen Inhalte des tradierten Wissens
unterrichtet, sondern auch in stundenlangen Exkursionen und unternommenen
Versuchen behutsam auf den Weg der Erfahrung als Königsweg der
Erkenntnis geführt.
Am 27. November 1656 immatrikuliert sich Niels Stensen als 18jähriger
an der Universität Kopenhagen. Aus der Lateinschule brachte er
das zur Immatrikulation benötigte testimonium eruditionis
über Kenntnisse und Reife, als auch das testimonium vitae
über Glauben und sittlichen Wandel mit. Noch vor der endgültigen
Einschreibung erfolgte damals üblicherweise die Deposition, ein
Ritual mit drastischen Symbolen, bei dem der Anwärter in abstoßender
Narrentracht im Hof der Hochschule erschien, um dann von dem ebenfalls
maskierten Depositor unter Schlägen und Scheltworten der Narrensymbole
entledigt zu werden, worauf der Deponent dann demütig um die Aufnahme
in die akademische Bürgerschaft bitten durfte. Zum Zeichen der
Freude goß der Depositor dann Wein über den Kopf des Deponenten
und legte ihm zum Zeichen der Weisheit Salz in den Mund.
Die heimatliche Hochschule bot sicher nicht die besten Voraussetzungen
für eine naturwissenschaftliche Ausbildung. Das Lehrkollegium umfaßte
damals 17 Professoren, davon nur 3 Mediziner, und diente vor allem einer
Heranbildung der Geistlichkeit. Weiterhin hatte König Friedrich
III. am 1.Juni 1657 Schweden den Krieg erklärt, was auch dazu führte,
daß der Student im dritten Jahr seiner Ausbildung die Nacht vom
10. zum 11. Februar 1659 zur Verteidigung seiner Heimatstadt gegen das
anstürmende Heer des Schwedenkönigs Karl Gustav auf der Stadtmauer
verbrachte. Der Angriff wurde zurückgeschlagen, und die ungünstigen
Bedingungen hinderten Stensen nicht, sich schon in seiner Kopenhagener
Zeit ein reiches Wissen anzueignen.
Thomas Bartholin (1616-1680), berühmtester Anatom aus einer Familie
von Ärzten und Gelehrten, wurde zu Stensens Präzeptor, jenem
Mentor in Gestalt eines Professors, der Fleiß und Fortschritte,
sittlichen Wandel und ökonomische Verhältnisse des Studenten
zu überwachen hatte. Bartholin hatte freilich zum Studienbeginn
Stensens den Höhepunkt seines Ruhmes schon erreicht. Nach zehnjährigem
Aufenthalt im europäischen Ausland, nach Studien in Leiden und
Padua und großen Reisen, die ihn nach Paris, Montpellier, Rom,
Neapel, Sizilien und Malta geführt hatten, war er 1648 an die Universität
Kopenhagen zurückgekehrt. Dort zeigte er sich seiner Familie, die
schon mehr als ein Jahrhundert das heimatliche Universitätsleben
dominiert hatte, würdig, indem er als Professor der Anatomie besonders
durch die Entdeckung und Beschreibung der Lymphgefäße der
Universität zu Ruhm und Ansehen verhalf. Allein als Stensen sein
Studium begann, zog sich Bartholin mehr und mehr aus dem medizinischen
Unterricht zurück und bekundete so vorerst nur ein mäßiges
Interesse an dem ihm überantworteten Studenten. Mit der zunehmenden
Reife des jungen Anatomen wächst aber auch das Interesse Bartholins
für den ihm anvertrauten, das Wissen um Stenos anatomische Fertigkeiten
verdanken wir nicht zuletzt einem reichhaltigen Briefwechsel mit seinem
Präzeptor, der bis in unsere Zeit erhalten geblieben ist.
Einen wertvollen Einblick in Stensens Gedankenwelt zu jener Zeit erhalten
wir durch das von ihm in seinen letzten Kopenhagener Monaten verfaßten
Chaos-Manuskript. Auf 23 engbeschriebenen Folio-Seiten zeichnet
der Student hier in lateinischer Sprache Gedanken und Zitate zu Wissenschaft
und Forschung auf. Unter den Worten In nomine Jesu finden wir
als Titel das griechische Wort Chaos, mit dem sowohl die unermeßliche
Weite des Weltenraums als auch die gestaltlose Urmasse, aus der das
Weltall entstanden ist, bezeichnet wird. Mit einem treffenden Wort hat
Stensen hier wohl anzudeuten versucht, was folgen wird: eine Sammlung
verschiedenartiger und ungeordneter Gedanken und Fragen, Auszüge
aus wissenschaftlichen Werken, Notizen und Anregungen zu durchzuführenden
Experimenten, unterbrochen durch kurze religiöse Betrachtungen
und Gebete. Neben den zahlreichen Auszüge aus medizinischen Fachbüchern
wie Bartholins "Historiarum anatomicarum centuriae" und "De lacteis
thoracicis", Henri de Roys "Medicina et praxis medica", Cornelius Schylanders
"Practica chirurgiae brevis et facilis" und Pierre Morels "Methodus
praescribendi formulas remediorum", finden sich hier auch Zitate aus
Tycho Brahes "Epistolae astronomicae", Athanasius Kirchers "Magnes sive
de arte magnetica" und Francis Bacons "De augmentis et dignitate scientiae".
Das Chaos-Manuskript ist uns Beweis für die vielfachen und allseitigen
Interessen des jungen Studenten. Der Nachvollzug und die Auseinandersetzung
mit den großen Gedanken seiner Zeit, seien sie nun von Galilei
oder Kepler, Descartes oder Pascal, formen und prägen das Weltbild
des Studenten.
Neben zahlreichen Aufzeichnungen zu Iatrochemie und Iatrophysik finden
sich hier auch methodologische Bemerkungen im Sinne der exakten, auf
Beobachtungen sich stützenden neuen Naturwissenschaft. So bemerkt
der Student: In physischen Dingen ist es gut, sich an keine Wissenschaft
zu binden, sondern alles, was beobachtet werden kann, unter bestimmten
Rubriken zu ordnen und auf eigene Faust etwas herauszufinden - wenn
nicht anderes, dann wenigstens eine teilweise sichere Erkenntnis. Und
an anderer Stelle: Es sündigen gegen Gottes Größe
diejenigen, die nicht die Werke der Natur selbst betrachten wollen,
sondern, mit der Lektüre anderer zufrieden, sich verschiedene Einbildungen
erdichten und fabrizieren und so nicht bloß die liebliche Betrachtung
der Wunder Gottes entbehren, sondern auch Zeit, die man auf Nötiges
und zum Wohl des Nächsten verwenden könnte, verlieren, und
vieles Gott Unwürdiges behaupten. ... So sind jene Scholastiker,
viele Philosophen, und jene, welche die ganze Zeit auf das Studium der
Logik verwenden. Man soll die Zeit also nicht zum Verteidigen und Erklären
von willkürlichen Meinungen, ja kaum zu ihrer Untersuchung verwenden,
und auch im Hinblick auf eine Beobachtung soll man nichts kühn
und übereilt behaupten, noch die Zeit auf Spekulation verwenden,
sondern nur auf das eigene Sehen, die Erfahrung, die Aufzeichnung von
Naturphänomenen und Eindrücken, die von den Alten beobachtet
wurden, und einige, wenn möglich, näher untersuchen.
Auch läßt sich hier schon ein Charakterzug Stensens entdecken,
dem er später den Verdienst sämtlicher anatomischen wie geologischen
Entdeckungen zuschreiben wird, sein Vertrauen auf die göttliche
Vorsehung: Gott sieht alles und sieht alles voraus; alles was geschieht,
kommt von ihm und gereicht seinem Namen zur Ehre.
Im Herbst 1659 beendet Stensen sein Studium in Kopenhagen, um spätestens
Anfang 1660 seine Heimatstadt zu verlassen und sich auf eine, letztlich
sein ganzes weiteres Leben andauernde, Reise zu begeben. Von Dänemark
führt ihn sein Weg zuerst nach Amsterdam und Leiden, den wohl wichtigsten
Stationen seines anatomischen Schaffens.
- Vier Monate in Amsterdam 1660
Im Winter 1659/60 bricht Stensen aus Kopenhagen zu der damals durchaus
üblichen peregrinatio academica auf, er gelangt, wahrscheinlich
nach einem kürzeren Aufenthalt bei Johan Bacmeister d.J. (1624-1686)
in Rostock, Ende März 1660 nach Amsterdam.
Den Holländern gilt das 17. Jahrhundert als "De gouden eeuw",
das goldene Jahrhundert. Dank einer gewaltigen Entwicklung von Handel
und Seefahrt beherrscht Holland mit seiner Ost- und Westindischen Companie
die Küsten Ostasiens wie Nord- und Südamerikas. Amsterdam
gilt als Zentrum des Welthandels und durchlebt eine Blütezeit von
Kunst, Kultur und Wissenschaft. Viele ausländische Studenten suchen
dort in diesen Jahren ihre Ausbildung zu vervollkommnen, Stensen findet
jedoch sogleich, dank eines Empfehlungsschreibens seines Lehrers Thomas
Bartholins, Unterkunft und Ausbildung bei dem Arzt und Professor der
Anatomie, Gerard Blaes (ca.: 1625-1692), latinisiert Blasius.
Nach den mehr theoretischen Studienjahren und den ungünstigen
Sektionsvoraussetzungen in Kopenhagen findet Stensen hier nun in dem
großen Stadthospital "Het gasthuis" mit seinen Abteilungen für
Männer und Frauen, für Soldaten und Seeleute, Verwundete,
Fremde und Arme, sowie in der in einem der vier großen Fleischhäuser
der Stadt eingerichteten Anatomiekammer beste Bedingungen für einen
Anatomen vor. In diesem Klima soll dem 22-Jährigen gleich zu Beginn
seines Aufenthaltes eine erste große Entdeckung gelingen, die
Beschreibung des Ausführungsganges der Ohrspeicheldrüse, der
noch heute die Eponymbezeichnung "Ductus stenonianus" trägt.
Trotz der insgesamt günstigeren Verhältnisse entschließt
sich Stensen aber bald, Amsterdam wieder zu verlassen. Das akademische
Leben des erst 1632 zur Universität bestimmten Athenäums stand
noch in den Anfängen, es gab weder eigentliche Prüfungen noch
Promotionen. Blasius, der sich später durch seine "Anatome animalium"
(Amsterdam, 1681), eine wertvolle Übersicht der Literatur zu 119
Tierarten, verdient machen sollte, war wohl in erster Linie Compilator,
seine Vorlesungen müssen weniger überzeugend gewesen sein.
Gemäß scholastischen Brauches disputiert Stensen am 8. Juli
1660 bei dem "professor primarius" für Physik und Metaphysik, Arnold
Senguerd oder Senkward (1610-1667). In dieser Disputatio physica
de Thermis wird nach einer Worterklärung die Frage über
den Ursprung der Wärme in heißen Quellen diskutiert, ob es
sich um Reibung, brennenden Schwefel oder unterirdisches Feuer handle
und eine kurze Zusammenstellung des Wissens der damaligen Zeit zur chemischen
Beschaffenheit der Quellen geboten.
- Anatomische Studien in Leiden 1660-63
Nach viermonatigem Aufenthalt verläßt Stensen Amsterdam
und immatrikuliert sich am 27. Juli 1660 an der Universität zu
Leiden. Fast vier Jahre wird er hier bleiben und in 13 wissenschaftlichen
Abhandlungen sein Wissen und das Wissen seiner Zeit um Kenntnisse vor
allem der Drüsen - und Muskellehre und der Muskelstruktur des Herzens
bereichern. Stark beeinflußt wird er in dieser Zeit durch seinen
Professor der praktischen Medizin, dem bedeutenden Iatrochemiker und
Gehirnforscher Franz de la Boë, latinisiert Sylvius (1614-1672),
der in seinen anatomischen Vorlesungen den Studenten wie Stensen, Reinieer
de Graaf und Jan Swammerdam gegenüber den Grundsatz vertritt: "In
der Medizin und in den Naturwissenschaften darf nichts als wahr angenommen
werden, außer was die Erfahrung mit Hilfe der äußeren
Sinne als wahr gezeigt oder bestätigt hat." Beliebt durch sein
stattliches Äußeres sowie durch seine oratorische Begabung
wußte Sylvius seine Studenten durch den Unterricht am Krankenbett,
zu dem er die jungen Mediziner als einer der ersten täglich führte,
durch sein umfassendes Wissen und durch seinen aufgeschlossenen Sinn
für das Neue zu begeistern.
In Johannes van Horne (1621-1670), Dozent für Anatomie, Chirurgie
und Botanik an der Universität Leiden, der 1653 unabhängig
von Pecquet den Ductus thoracicus beschrieben hatte, erhielt Stensen
einen weiteren hervorragenden Lehrer. Horne wird in seinem 1662 in Leiden
erscheinendem Anatomiebuch dem Ausführungsgang der Ohrspeicheldrüse
als erster den Namen "Ductus Stenonianus" geben.
In Leiden gehört Stensen aber auch zu dem Kreis um den Philosophen
Benedictus de Spinoza (1632-1677). Das Haus dieses "Schöpfers des
liberalen Menschenbildes der Aufklärung" in Rijnsburg bei Leiden
ist Ort zahlreicher Diskussionen von Studenten und Professoren der Universität.
Angeregt durch Spinoza, mit dem Stensen über viele Jahre admodum
familiaris - gut befreundet bleibt, wird er in eine ernste
religiöse Krise gestürzt und beginnt an der lutherischen Orthodoxie
zu zweifeln. Während Spinoza jedoch die cartesianische Philosophie
zu erweitern und zu vervollständigen sucht, um so ein neues Weltbild
zu schaffen, wird sich Stensen der philosophia perennis zuwenden,
um in der christlichen Wahrheit seine ganze Erfüllung zu finden.
Nachdem Stensen im Herbst 1663 seine universitäre Ausbildung mit
dem Ablegen seines Examens beendet hatte - der akademische Grad eines
"Doktors der Medizin" wird ihm jedoch erst am 4. Dezember 1664 in absentia
verliehen -, erreicht ihn die Nachricht des Todes seines Stiefvaters,
Johann Stichmann. Er reist nun nach Kopenhagen zurück, einmal um
seine familiären Angelegenheiten zu ordnen, zum anderen sicher
auch mit einer begründeten Hoffnung auf eine Berufung an die heimatliche
Universität.
Im halben Jahr seines Aufenthaltes in Kopenhagen sammelt Stensen im
Hinblick auf eine mögliche Professur die in Leiden gewonnenen Erkenntnisse
in seiner König Friedrich III. gewidmeten Schrift De musculis
et glandulis observationum specimen, die er im Sommer 1664 drucken
läßt. Nachdem jedoch im Juni auch seine Mutter verstorben
und am 29. August Matthias Jakobsen (Jacobaeus) als Professor berufen
worden war, verläßt Stensen Kopenhagen und reist über
Köln nach Paris, wo er spätestens am 7. November 1664 eintrifft.
- Ein Jahr in Frankreich 1664-65
Als Stensen 1664 nach Paris gelangt, zählt die französische
Weltstadt über eine halbe Millionen Einwohner, vor drei Jahren
hatte der nun 21jährige Ludwig XIV. seinen berühmten Satz:
"L’état c’est moi" zu praktizieren begonnen, außerhalb
der Mauern erstand Versailles, schon bald sollten die europäischen
Nachbarn die machtheischenden Interessen des jungen Sonnenkönigs
zu spüren bekommen. Die französische Vormachtstellung verbunden
mit einer literarischen Blüte durch ein "Siebengestirn klassischer
Schriftsteller" machen den Franzosen das 17. Jahrhundert zum "Le grand
siècle"
Ole Borch, der Lehrer und Freund aus Kopenhagen war schon 1663 in Paris
eingetroffen, ebenso wie Jan Swammerdam, der Mitstudent aus Leiden.
In Melchisedec Thévenot (1620-1694), dem allseitig gelehrten
Bibliothekar Ludwig XIV., in dessen Haus sich ein Kreis von Wissenschaftlern
versammelt aus dem 1665 die "Académie Royal des Sciences"
hervorgehen wird, finden Stensen und Swammerdam einen wohlwollenden
Gastgeber und Förderer ihrer Arbeit. Aber auch im Kreis um den
Mathematiker und eifrigen Anhänger Descartes, Jacques Rohault (1620-1675)
können wir Stensen antreffen, wie auch bei den täglichen öffentlichen
Sektionen vor den Mitgliedern der "Ecole de médecine".
In den ersten Monaten vornehmlich mit Fragen der Embryologie beschäftigt,
die schon seit der Dissektion eines Rochens in Kopenhagen Stensens Interesse
erweckt hatten, stellt das wissenschaftliche Hauptereignis dieser Pariser
Zeit sicher der Discours sur l’anatomie du cerveau dar. Dieser
im Frühjahr 1665 im Hause Thévenots gehaltene Vortrag entpuppt
Stensen, in dessen Schriften sich sonst nur ein sporadisches Interesse
an der Anatomie des Gehirns findet, als umfassenden und aufrichtigen
Kenner der Materie. Schon 1662 durch Descartes Abhandlung De Homine
auf das Gebiet der Hirnanatomie hingelenkt, präsentiert Stensen
hier ein Musterbeispiel seines klaren, analytischen Verstandes und seines
Mutes zur Wahrheit. Von HERRLINGER als eines der großen "Ignoramus"
- Bekenntnisse der Weltliteratur bezeichnet, gesteht Stensen gleich
zu Anfang: Statt Ihnen Befriedigung Ihrer Wißbegierde bezüglich
der Anatomie des Gehirns zu versprechen, lege ich hiermit das aufrichtige
und öffentliche Geständnis ab, daß ich davon nichts
verstehe. Ich möchte von ganzem Herzen wünschen, der Einzige
zu sein, der so zu sprechen genötigt ist, denn ich könnte
mit der Zeit von dem Wissen der anderen profitieren, und das würde
ein großes Glück für das Menschengeschlecht sein, wenn
dieser Teil [das Gehirn], der am empfindlichsten von allen ist und sehr
häufigen und sehr gefährlichen Krankheiten ausgesetzt ist,
so gut bekannt wäre, wie viele Philosophen und Anatomen sich einbilden.
Wiederholt auf die Vorrangigkeit der persönlichen Beobachtung
über die Spekulation hinweisend, entwickelt Stensen in diesem Referat
über den Stand des Wissens der Zeit um Bau und Funktion des Gehirns
eine ausführliche Kritik an den überlieferten Lehrmeinungen
und besonders auch den hirnanatomischen Vorstellungen Descartes.
Verbringt Stensen den Sommer noch in Paris und beschreibt dort unter
anderem auch die später nach L.A. Fallot (1850-1911) benannte Tetralogie
der Herzmißbildungen in seiner erst 1673 veröffentlichten
Schrift Embryo monstro affinis Parisiis dissectus, verläßt
er am 16. September 1665 zusammen mit dänischen Freunden die damals
größte Metropole Europas und verbringt nach dem Besuch mehrere
französischer Städte die Wintermonate in der ältesten
Universitätsstadt Frankreichs, in Montpellier. Angeregt durch das
Zusammentreffen mit großen englischen Gelehrten wie dem Arzt und
Gründungsmitglied der "Royal Society", William Croone
(1633-1684), und den Naturforschern John Ray (1627-1705) und Martin
Lister (1639-1685), die zu den Begründern der systematischen Zoologie
gehören, wendet Stensen sein Interesse mehr zoologischen und chemischen
Problemen zu, und vielleicht beruht auch seine Aufmerksamkeit für
geologische Fragen auf diesen Begegnungen.
Zu Beginn des Jahres 1666 nimmt Stensen sein Reise wieder auf und erreicht
im Frühjahr Italien, das ihm zu einer zweiten Heimat werden soll.
- Pisa-Rom-Florenz 1666-69
Als 28jähriger erreicht Steno die führende Kulturnation Europas,
dieses von wechselnden Herrschaftsansprüchen Spanien-Habsburgs
und Frankreichs gebeutelte, in Klein- und Kleinststaaten aufgesplitterte
Land, das dem Abendland und der Welt so vielfältige Schätze
aus Kunst und Wissenschaft geschenkt hat. Seit dem Frieden von Lodi
(1454) besteht ein labil balanciertes Gleichgewicht zwischen den fünf
Politik und Wirtschaft des Landes bestimmenden Mächte, es sind
dies neben dem überall führendem Florenz noch Mailand, der
Kirchenstaat, Venedig und Neapel. Florenz erlebt die letzten Blüten
einer über mehr als 200 Jahre andauernden Leitung durch das Geschlecht
der Medici. Geschickter Handel und Finanzierung der Päpste hatten
dieser Familie zur Macht verholfen, umsichtige Führung sicherte
die Zustimmung des Volkes, ein großzügiges Mäzenatentum
hatte Florenz zu einem Brennpunkt von Kunst und Wissenschaft gemacht.
1628 trat Ferdinando II. (1610-1670) nach dem frühen Tod des Vaters
die Regierung als Großherzog an, der künstlerisch Interessierte
und wissenschaftlich Begeisterte eroberte durch sein kluges und mutiges
Verhalten vor allem zu Zeiten der Pest von 1630 und sein offenes und
wohlwollendes Wesen bald die Herzen aller. Sein Bruder, Fürst und
später Kardinal Leopoldo de Medici (1617-1676), förderte Handel
und Gewerbe, war Mitglied der schon 1582 zur Pflege und Reinigung der
italienischen Sprache gegründeten Accademia della Crusca und treibende
Kraft und Leiter der 1657 von Ferdinando II. gegründeten Accademia
del Cimento. Galileo Galilei (1564-1642) und seine Schüler wie
Evangelista Torricelli (1608-1647) und Vincentino Viviani (1622-1703)
selbst hatte in den Brüdern als Lehrer die Begeisterung für
Mathematik und Naturwissenschaft geweckt und gebildet, die Gründung
der Cimento-Akademie erfolgt im Geist Galileis in der Tradition der
Platonischen Akademie. Als Stensen Ende März 1666 Pisa erreicht
und dort aufs freundlichste und mit großem Interesse für
sein anatomisches Wissen in der Winterresidenz der Medici empfangen
wird, trifft er auch zum ersten Mal den jungen Prinz Cosimo (1642-1723),
Sohn Ferdinandos, der später bis zu Stenos Tod diesem als treuer
Freund und Gönner zur Seite stehen wird. Erste italienische Freundschaften
knüpft der Däne in diesen Tagen auch zu dem jungen Professor
der Anatomie in Pisa, Lorenzo Bellini (1643-1704), zu Carlo Fracassati
(gestorben 1672), Freund von Malpighi und Mitarbeiter von Borelli und
auch zu dem Mathematiker und später zum Kardinal gekürten
Angelo Ricci (1619-1682). Noch vor der Abreise der Medicis Ende April
aus ihrer Winterresidenz verläßt Steno - im sicheren Bewußtsein
einer herzlichen Aufnahme in Florenz - Pisa und zieht weiter nach Rom.
Über diesen ersten Aufenthalt in der Ewigen Stadt wissen wir nur
wenig, aus den Aufzeichnungen Marcello Malpighiis (1628-1694) ist jedoch
zu entnehmen, daß hier zwischen den beiden Gelehrten ein erster
Austausch stattfindet, der sich von nun an in einem herzlichen und fruchtbaren
Briefwechsel fortsetzen wird. Im Juni treffen wir Steno, oder Niccolo
Stenone, wie er in Italien häufig genannt wird, in Livorno, wo
die Teilnahme an einer feierliche Fronleichnamsprozession Stensen zu
einem neuen Überdenken der Wahrheit und Wirklichkeit der Eucharistie
anregt. So schreibt er in einem Brief an Lavinia Arnolfini, die in langen
Glaubensgesprächen wesentlichen Einfluß auf seine Zuwendung
zur katholischen Kirche nehmen wird: Ich befand mich zum Fronleichnamsfeste
in Livorno, und als ich die Hostie mit so großer Prachtentfaltung
durch die Stadt getragen sah, stieg in mir dieser Gedanke auf: Entweder
ist diese Hostie ein einfaches Stück Brot und diejenigen sind Toren,
die ihm soviel Ehre erweisen, oder es ist der wahre Leib Christi, und
warum verehre ich ihn dann selbst nicht?
- Muskelforschung-Geologie-Paläontologie
Im Anschluß an diese ersten Schritte in Italien findet Stensen
durch die wohlwollende Unterstützung der Brüder Medici eine
feste Bleibe in Florenz. Die erlesene Geisteskultur der Stadt, die
hervorragenden Möglichkeiten zu anatomischen Studien und Sektionen,
die sich im Hospital Santa Maria Nuova bieten, die uneingeschränkte
Förderung durch die Medici und der zahlreiche Kontakt zu anderen
Wissenschaftlern bilden ein fruchtbares Klima, das der Däne wohl
zu nutzen weiß. Vorerst vervollständigt Steno seine schon
in Leiden begonnenen Studien zur Geometrie der Muskelkontraktion,
seine Ergebnisse, die sicher auch Frucht einer anregenden Freundschaft
zum Hofmathematicus Vincentino Viviani sind, liegen noch im Oktober
1666 druckfertig vor und erscheinen gedruckt im Frühjahr 1667.
Dieser Abhandlung Elemente der Muskellehre oder geometrische Muskelbeschreibung
sind Berichte über zwei Sektionen angefügt, die die wohl
genialste Forscherperiode Stensens einleiten sollten. Im Oktober 1666
und dann noch einmal im März 1667 hatte die Fügung dem Anatomen
die Möglichkeit zur Sektion zweier Haifische geboten. Neben einer
mit gewohnter Gründlichkeit ausgeführten Beschreibung von
Schleimkanalsystem, Lorenzinischen Ampullen, Seitenliniensystem, Auge
und Augenhöhle, Gehör und Gehirn in Zerlegung eines Carcharias-Haifischkopfes
und einer Darstellung der Genitalorgane von Dalatias Licha in
Beschreibung einer Haifischsektion führen vor allem die
Beobachtungen an dem Carcharias-Schädel Stensen zu Folgerungen
und Schlüssen, die ihm letztlich den Weg zu Paläontologie
und Geologie eröffnen, als deren Begründer er heute gilt.
Auf Malta hatte man in großer Zahl sogenannte Glossopetren oder
Zungensteine gefunden, die man als Produkte einer "vis plastica" zu
deuten versucht hatte. Steno erkennt nun, daß es sich bei diesen
Zungensteinen tatsächlich um fossile Haifischzähne handelt
und entwickelt hiervon ausgehend ein abgeschlossenes Konzept zur Erforschung
der Erdkruste und ihrer Schichten. Von nun an wird Stensen sein Interesse
vornehmlich erdgeschichtlichen Fragen zuwenden und seine diesbezügliche
Forschung erst im Jahr 1669 mit der Herausgabe des Prodromus de
solido intra solidum beschließen.
- Konversion
In dieser Zeit fruchtbarster naturwissenschaftlicher Forschung findet
aber auch eine Entwicklung einen ersten Abschluß, die Stenos
Leben noch einmal von Grund auf wenden und neu ordnen wird. Von Geburt
her im Geiste der pietistischen Renovation zu einem gelebten Glauben
gedrängt, in Holland durch das Erleben der religiösen Zersplitterung
und in Leiden durch den materialistischen Pantheismus Spinozas herausgefordert,
setzt Stensen zunächst seine Hoffnung auf den Cartesianismus
als gesicherte Weltanschauung. Eklatante anatomische Irrtümer
Descartes führen Steno jedoch bei der Untersuchung von Herz und
Gehirn zu einer weit kritischeren Bewertung, die zum einen die cartesische
Methode verinnerlicht, zum anderen jedoch ihre Grenzen deutlich erkennt.
Angeregt durch das gute Beispiel katholischer Christen zuerst in Paris
und dann vor allem in Italien beginnt Steno sich zunehmend mit der
katholischen Glaubenslehre auseinanderzusetzen. Erste Glaubensgespräche
unbekannten Inhalts sind uns aus Rom bezeugt, wo Stensen wiederholt
mit den Jesuiten am Collegium Romanum diskutiert, ein prägendes
Erlebnis muß die schon oben erwähnte Fronleichnamsprozession
in Livorno gewesen sein. In Florenz findet der Däne dann vor
allen in der Sankt-Klara-Schwester Flavia del Nero und der Edeldame
Lavinia Felice Cenami Arnolfini, Ehefrau des Gesandten von Luca, katholische
Ansprechpartner und Vorbilder, die seinen schwierigen Weg zur katholischen
Kirche begleiten. Im Anschluß an ein ausführliches Studium
katholischer wie protestantischer Schriften entschließt sich
Steno dann am Allerseelentag 1667 zur Konversion, am 7. November findet
die offizielle Aufnahme in die Kirche statt, am 8. Dezember erhält
Stensen durch den Apostolischen Nuntius L. Trotti das Sakrament der
Firmung.
- Geologische Forschung in der Toskana
Am Tage der Firmung erreichte Steno die Berufung heim an den königlichen
dänischen Hof durch Frederik III.. Eine wohl begründete
Vorsicht veranlaßt den Dänen jedoch, zunächst in einem
Schreiben an seinen König die Konversion bekanntzugeben und um
die Erlaubnis zu bitten, trotzdem der Berufung folgen zu dürfen.
Katholiken waren im Dänemark des 17. Jahrhunderts nicht willkommen.
Christian V. erließ 1683 ein Gesetz, das bis zur Konstitution
von 1849 gelten sollte, durch das alle Anhänger der "papistischen
Religion" enterbt und des Landes verwiesen wurden, Geistlichen gegenüber
sogar das Verhängen der Todesstrafe gestattet wurde. Professor
Johann Wandal, Bischof von Seeland, hatte es kurz nach seiner Ernennung
1666 als vornehmste Königspflicht erklärt, im Reich nur
das orthodoxe Luthertum zu beschützen, alle anderen Religionen
zu verbieten und des Landes zu verweisen und jede freie Religionsausübung
zu verweigern. Trotz des großen wissenschaftlichen Interesses
Frederik III. und der wohlwollenden Fürsprache durch einen Jugendfreund
Stensens, Peder Schumacher, mittlerweile zum Reichskanzler Griffenfeld
geadelt, erfolgt tatsächlich die endgültige Berufung nach
Kopenhagen erst mehr als vier Jahre später, am 13. Februar 1672.
In ständiger Erwartung des Rufes aus der Heimat beginnt Stensen
nun aufs eifrigste die Vorarbeiten zu einem Ferdinand II. versprochenen
Werk zu beenden. Mit einer "Dissertatio de solido" wollte Steno dem
Großherzog durch eine Zusammenstellung seiner erdgeschichtlichen
Erkenntnisse für dessen Wohlwollen und Unterstützung danken.
Als der toskanische Hof zu seiner Winterresidenz aufbricht, beginnt
Steno die erste von drei Reisen, in denen er die Toskana durchkreuzen
wird, um Forschungsmaterial zur weiteren Ausarbeitung seiner geologischen,
paläontologischen und mineralogischen Thesen zu sammeln. Ist
uns nur wenig über diese Reisen erhalten, so ermöglicht
die sorgsam geführte Katalogisierung der Fundstücke in Stenos
Indice eine weitgehende Rekonstruktion ihres Verlaufes, wie
sie Scherz in einer erweiterten Ausgabe seiner Doktorarbeit vorgenommen
hat. Steno sammelte die verschiedensten Materialien, Quarzkristalle,
Smaragde und Diamanten, Steine und Erze, Muscheln, Schnecken und Fossilien.
Auf seinen geologischen Expeditionen durchstreift Steno die gänzlich
aus Flußablagerungen gebildeten Ebenen des Arnogebietes, er
besteigt die an Mineralien so reichen Höhen der Apuanischen Alpen
und Apeninnen und bereist die Insel Elba, diese "geologische Perle
des Mittelmeeres", wie sie PRELLER genannt hat. In einem Brief vom
18. Mai 1668 an den Sekretär der Cimento-Akademie, dem gelehrten
Mitglied der Crusca und Londoner Kgl. Akademie, Lorenzo Magalotti
(1637-1712), gibt Steno über seine weiteren Pläne Auskunft:
Ich bin ganz sicher, daß ich Florenz nicht in diesem Jahr
verlassen werde, da ich Seiner Hoheit versprochen habe, meinen Traktat
über die Erde und die in ihr gefundenen Körper zu vollenden,
und ebenso gewisse Experimente über das Blut.
- Prodromus
Doch wie so oft widersetzt sich der Fluß des Lebens dem menschlichen
Planen. Letztlich nicht geklärte Gründe zwingen Steno dazu,
Florenz baldmöglichst zu verlassen. Vermutlich kam im Juni eine
erneute Aufforderung aus Kopenhagen, das tatsächliche weitere
Verweilen Stensens in Florenz bis November läßt sich möglicherweise
durch das Abwarten auf die Zusicherung freier Religionsausübung
in seinem Heimatland erklären. Um zumindest Teile seines Versprechens
einzuhalten, beginnt Stensen im Juli und August mit der eiligen Niederschrift
einer "vorläufigen Mitteilung", die er noch später zu vervollständigen
beabsichtigte. Obwohl, oder vielleicht gerade weil, es nie zu dieser
Vervollständigung kam, ist uns in diesem Prodromus de solido
intra solidum contentur ein Werk gegeben, das damals wie heute
in seiner Fülle bahnbrechender Erkenntnisse auf so engem Raum
wohl unübertroffen ist. Nicht einzelne Entdeckungen unter einer
Menge von Irrtümern sind hier zusammengestellt, sondern bei einer
verschwindend kleinen Anzahl von Fehlern, die zum Teil methodisch
unanfechtbar und damals unvermeidbar waren, finden sich die Grundlinien
und der Grundriß einer Wissenschaft, die von Stensen noch als
Einheit gesehen, heute geteilt ist in Geologie, Paläontologie
und Mineralogie.
- Aufbruch aus Italien
Eine endgültige Bestätigung aus Kopenhagen ließ weiter
auf sich warten, und so beginnt Steno im Spätherbst 1668 mit der
Verwirklichung seiner Reisepläne im Dienste der Erdenwissenschaft.
Das noch unveröffentlichte Manuskript des Prodromus bleibt bei
Viviani, der es im Frühjahr 1669 dem Druck übergeben wird.
Von Florenz aus möchte Stensen zunächst Süditalien bereisen,
um dann, im Falle immer noch ausbleibender Nachrichten aus Kopenhagen,
die geplante große Studienreise durch Südosteuropa zu verwirklichen.
Mitte November ist Stensen im Rom des kurzen Pontifikats Clemens’ IX.
bezeugt, nach kurzem Aufenthalt reitet er weiter nach Neapel und trifft
dort wahrscheinlich den Arzt und Praktiker Lucantonio Porzio (1639-1723),
Mittelpunkt einer Akademie von Naturforschern und Mathematikern, der
Accademia degli Investigamenti, Hauptsitz des italienischen Cartesianismus.
Noch vor Weihnachten kehrt Steno aber nach Rom zurück, um Mitte
Januar 1669 seine Reise in Richtung des Marienheiligtums in Loreto fortzusetzen,
so wohl seine wissenschaftlichen Interessen wie einst Descartes mit
einer Wallfahrt verbindend. Im Februar untersuchen die alten Freunde
Stensen und Malpighi Muskelstruktur und Drüsen einer Henne sowie
Ovar und Uterus eines Fisches in Bologna, im März beherbergt Venedig
den berühmten Forscher, am 20. April unterrichtet Steno Viviani,
daß er noch bis nach Ostern auf das Eintreffen weiterer Briefe
aus der Heimat warten wolle, um dann Italien in Richtung Norden und
Osten zu verlassen.
- Die Reise nach Österreich und
Ungarn 1669
Ganz sicher kam Steno zuerst nach Innsbruck, wo er bei der Schwester
Ferdinand II., Anna de Medici, Witwe Erzherzog Ferdinand Karl von Österreichs,
Statthalter von Tirol, eine gewohnt herzliche Aufnahme findet. Gerührt
schreibt er nach Florenz: Ich kann nur sagen, daß die Freigebigkeit
Eurer Hoheit sich um so edelmütiger zeigt, je weniger die Person
es verdient, an der sie geübt wird, und daß ich zeit meines
Lebens die göttliche Majestät anflehen werde, dies mit allem
erwünschten Glück sowohl Ihrer Person selbst als dem erlauchten
Hause der Medici zu vergelten. Von Innsbruck aus beginnen nun erste
Exkursionen zu den Salzlagern und Silbergruben der alten Salinen-Stadt
Hall, wo schon die Römer Salz gewonnen hatten, auch eine "Smaragdreise"
ist erwähnt, die nach Scherz nur in das Halbachtal im Salzburgerland
geführt haben kann.
Am Hofe der Erzherzogin findet noch die Dissektion eines mißgebildeten
Kalbes mit Wasserkopf statt. In einem Brief an Ferdinand II., der später
auch in der lateinischen Übersetzung als De vitulo hydrocephalo
epistola gedruckt worden ist, faßt Steno seine Ergebnisse
zusammen: Berichte, nach denen ein Gehirn ganz oder teilweise in Wasser
aufgelöst, oder teilweise durch die Nasen ausgetreten sei, müßten
bezweifelt werden und er habe gezeigt, wie das Gehirn, obwohl es
der edelste und feinste Teil ist, den größten Zufällen
widerstehen kann und wie manchmal die Anlage des Fötus selbst die
Ursache jener Deformitäten ist, von denen man sagt, daß sie
durch die Einbildung der Mutter hervorgerufen seien.
Wohl gegen Ende Juni 1669 bricht Stensen auf und wandert durch die
bayerischen Alpen über München oder Augsburg nach Nürnberg,
das trotz schwerer Beschädigungen im Dreißigjährigen
Krieg nach wie vor eine der schönsten und reichsten Städte
des Reiches war. Hier bespricht er sich mit den Ärzten und Gelehrten
des Nürnberger Collegium Medicum und der Leopoldina. Am 14. August
wird der Patrizier Johann Georg Volckamer der Ältere (1616-1693),
selber Arzt und physikalisch interessiert, Steno einen Dankesbrief nach
Wien senden: Ich habe oft an Dich gedacht und mich wunderbar gerührt
gefühlt, über das große Wohlwollen, das Du mir und den
Meinen erwiesen hast ... Noch immer freue ich mich über die Verbindung
der Blutgänge, des Ductus chyliferus und lymphaticus, welche Du
uns an einem Lamm gezeigt hast.
Erstmals am 3. August ist Steno im Wien Kaiser Leopolds I. bezeugt.
Hatte die Stadt damals auch kaum mehr Einwohner als Kopenhagen, so war
sie doch das letzte Bollwerk des christlichen Abendlandes gegen die
Türken. Nur fünf Jahre früher war nach dem Sieg des kaiserlichen
Generals Montecuccoli ein zweijährigen Krieg mit den Türken
im Frieden von Eisenburg (Vasvár) beendet worden, 14 Jahre später
sollte der Aufstand des Grafen Tököly gegen die österreichische
Vorherrschaft in Nordwest-Ungarn zum Ausbruch des großen Türkenkrieges
von 1683-1699 führen. Stensen, dem in Wien eine durch Ferdinand
II. hinterlegte Unterstützung von 400 Gulden übergeben worden
war, reist nun, um alles, was ich nur irgendwie tun kann, zu tun,
um die begonnenen Arbeiten zu beschleunigen und, wenn es mir nicht gelingt,
sie zur Vollkommenheit zu führen, so sie wenigstens auf eine Art
und Weise zu tun, daß es allen klar wird, mit welcher Großzügigkeit
Eure Durchlaucht zu ihrer Vollendung beigetragen haben, als bald
als möglich in das Gebiet der Militärgrenze. So findet sich
auf dem Weg in ihr oberungarisches Gut Murany im Wagen der Gräfin
Katharina Zrínyi, Gattin des Banus von Kroatien, Peter Zrínyi,
neben der jungen Tochter auch der Gelehrte aus Dänemark, der von
dem seine Gastgeberin bevorstehendem Schicksal noch nichts ahnen konnte.
Schon ein halbes Jahr später sollten Gemahl und Bruder der Gräfin,
die sich der Adelsverschwörung unter Ferenc Wesselényi gegen
den Wiener Hof angeschlossen hatten, gefangengenommen und im folgenden
Jahr hingerichtet werden.
Etwa zwei Monate bleibt Stensen in Ungarn, gesichert ist nur sein Besuch
in den beiden größten Bergwerksstädten des Landes, Schemnitz,
ungarisch Selmecbanya, mit seinem großen Silberbergwerk und Kremnitz,
ungarisch Körmöcbanya, älteste Goldgrube Ungarns, die
beide heute als Banská Štiavnica und Kremnica in der Republik
Slowakei gelegen sind. Der einzige Bericht zu diesem Aufenthalt in Ungarn
ist ein Brief, den Steno gleich nach seiner Rückkunft nach Wien
an Malpighi geschrieben hatte. Wenn auch die neuen Beobachtungen sehr
wenige waren so sei er doch sehr zufrieden, da er zum einen Gelesenes
angewandt, zum anderen eigene Anschauungen bestätigt gesehen habe.
- Glaubensgespräche in Holland 1670
Den selben Brief beendet Steno mit einem Hinweis auf die Enttäuschung
über die weiterhin ausstehenden Nachrichten aus Dänemark:
Ich hoffte, meine Reise in diesem Herbst zu beendigen, aber bin jetzt
ebensoweit mit meinem Anliegen, als da ich bei Euer Wohlgeboren war,
d.h. es fehlt wenig, daß ich jeden Gedanken, in die Heimat zurückzukehren,
aufgebe. Warum Steno nun nicht nach Italien zurückkehrt, sondern
seine Schritte durch Böhmen nach Holland lenkt, läßt
sich heute nicht mehr genau rekonstruieren. Möglicherweise geschah
es im Auftrag der Medici, hatte doch schon Großfürst Cosimo
bei einer ersten Reise in die Niederlande erfolglos versucht, Vater
und Sohn Swammerdam samt ihrer Sammlung naturwissenschaftlicher Raritäten
gegen eine Summe von 12 000 Gulden zur Übersiedlung nach Florenz
zu bewegen. Vielleicht wollte Steno aber auch nur mit Thévenot
zusammentreffen, der sich gerade in Holland aufhielt, oder aber er hatte
eine Einladung von den vielen holländischen Freunden erhalten.
Vielleicht aber wollte sich Stensen auch nur persönlich den vielen
Fragen stellen, die durch seine Konversion bei den Freunden und ersten
Begleitern entstanden waren, und möglicherweise suchte er auch
die Herausforderung in dem protestantischen Land als Feuerprobe für
den eigenen Glauben.
Fest steht zumindest, daß, auch wenn Steno wohl die meisten seiner
wissenschaftlichen Freunde angetroffen hatte, sich dafür kaum Zeugnisse
finden lassen, wogegen er uns selbst über die zahlreichen Glaubensdebatten
dieser Tage in seinen Schriften gründlich unterrichtet. Hier in
Holland begegnet Stensen zum ersten Mal jenem unwiderstehlichen Drang
der Kinder Gottes, andere zu der erkannten Wahrheit zu führen und
hier beginnt auch sein Kampf gegen Selbstüberhebung und Verblendung,
der Anfang jeder apostolischen Arbeit sein muß.
Bald hatten Swammerdam und andere gelehrte Mitglieder einer Gesellschaft
von Ärzten und Naturforschern in dem hinzugezogenem Prediger der
Amsterdamer deutschen reformierten Gemeinde, Johannes Sylvius (gest.
1699), ihren Sprecher gefunden, und Steno gibt in erschöpfenden
Diskussionen Rechenschaft ab über seinen Glaubenswechsel, muß
dann jedoch feststellen, daß die Wahrheit durch Dispute eher
verdunkelt als aufgehellt wird, da die Sätze vielfach verändert
und mit Abschweifungen vermischt werden, und dies die Reihe der Schritte
nicht bloß unterbricht, sondern sie fast immer in der Mitte abbricht
und kaum jemals Klarheit auch nur über einen einzigen diskutierten
Satz erreicht wird. Es fällt Stensen somit nicht schwer, die
bei seiner Abreise geäußerte Bitte nach einer schriftlichen
Fortsetzung der Gespräche zu erfüllen, erhält er doch
so die Möglichkeit zu einer methodisch aufgebauten und schlüssigen
Argumentation.
Im Mai 1670 wird der Aufenthalt in Holland jäh abgebrochen durch
das Eintreffen der Nachricht von der schweren Erkrankung Ferdinands
II. Am 25. Mai schreibt Stensen Viviani von seiner Absicht, noch diese
Woche nach Florenz aufzubrechen. Als er die zweite Heimat schließlich
im Juli erreicht, war es freilich schon zu spät: bereits am 24.
Mai war Großherzog Ferdinand, bis zuletzt durch seinen Leibarzt
Francisco Redi betreut, seinem Leiden erlegen.
- Pisa und Florenz 1670-1671
Mit Cosimo III. (1642-1723), Sohn und Nachfolger Ferdinandos II., beginnt
der Abstieg der Großherzogen von Toskana, der sich unter dessen
Sohn, Gian Gastone (1671-1737), weiter vollziehen und letztlich 1737
mit der Übergabe der Herrschaft an Franz Stephan von Lothringen
(später Kaiser Franz I.) die 300jährige Herrschaft der Medici
beenden wird.
Als Stensen im Juli 1670 nach Florenz zurückkehrt, sind die Zeichen
des späteren Verfalls und Untergangs freilich noch nicht ausgeprägt,
die Achtung vor der Persönlichkeit des Herrschers ist weiterhin
erhalten, der Hof betreut noch immer Kunst und Wissenschaft. Cosimo
setzt die freundschaftlichen und großzügigen Beziehungen
zu Steno weiter fort und unterstützt die Vollendung der begonnenen
geologischen Arbeiten. Steno dankt in einem Brief an Kardinal Leopoldo:
Nach Florenz zurückgekehrt, höre ich von Herrn Vincenzo
Viviani von der Liebe, die Eure Hochwürdigste Durchlaucht mir bewahren,
sowohl dadurch, daß Sie sich meiner, Ihres unwürdigen Dieners,
erinnern, als auch durch die Besorgung des Hauses, dessen ich mich jetzt
erfreue, wofür ich Ihnen, hochwürdigster und durchlauchtigster
Herr, demütigsten Dank sage. Der durchlauchtigste Großherzog
hat mir die Pension angewiesen, die mir früher von seinem durchlauchten
Vater, dem der Herr seine Herrlichkeit schenke, gewährt wurde,
und hat seinen Wunsch ausgedrückt, ich möge die begonnene
Arbeit De solido intra solidum weiterführen.
Zwei wesentliche Aufgaben stellt sich der Däne für die folgenden
zwei Jahre. Es ist dies zum einen die weitere Ausarbeitung seines geologischen
Hauptwerkes, des Prodromus, zum anderen die versprochene schriftliche
Fortsetzung der begonnenen Gespräche über Glaubensfragen mit
den in Holland Zurückgebliebenen.
Gleich nach seiner Ankunft in Florenz beginnt Stensen die briefliche
Auseinandersetzung mit seinem Amsterdamer Diskussionsgegner Sylvius.
In einer ersten Schrift, die er bereits am 15. Juli Sylvius zusendet
und die uns heute nur noch in einer für die spätere Drucklegung
erweiterten Fassung vorliegt, versucht Stensen die Kontroverse zunächst
auf eine einzige, freilich sehr wesentliche Frage, die Prüfung
der richtigen Auslegung der Heiligen Schrift, zu reduzieren. Dieses
Examen objectionis bildet für Sylvius aber nicht, wie sich
Stensen vielleicht erhofft hatte, die Grundalge einer Diskussion, sondern
ist diesem vielmehr Anlaß zu Verdächtigungen und weiteren
Fragen. Sylvius bezeichnet seinen Gegner gleich zu Beginn als des
Briefverkehrs unwürdig, er wirft ihm blinden Gehorsam vor und
bestreitet die Ansicht Stensens, daß Protestanten und Reformierte
mehr dem eigenen Urteil als der Autorität der Kirche Folge leisteten.
Mit einer Reihe von Schriftstellen greift er dann katholische Glaubenslehren
von der Messe, den guten Werken, Maria, der Mittlerschaft Christi und
der Kirche an, um sich dann wiederholt auf die Schrift als einzige Glaubensquelle
zu berufen.
Stensen sieht sich nun vor einen inneren Konflikt gestellt. Einerseits
hatte er Cosimo III. die Fortführung der geologischen Arbeiten
versprochen, anderseits standen hinter dem Prediger Sylvius ja eine
Reihe lieber Freunde, deren Seelenheil er in Gefahr sah. Mit einem schriftlichen
Bericht der Situation wendet sich Steno deshalb an Cosimo III., der
dann dem Forscher nicht nur die Unterbrechung der übrigen Arbeiten
gestattet, sondern [er] hielt dafür, daß diese als die
allein höchst notwendige Aufgabe zuerst zu lösen sei. Zu diesem
Zwecke bot er mir seine Bibliothek an, und bei dieser günstigen
Gelegenheit zur Ruhe und zu Büchern verfaßte ich mehrere
Schriften, wobei ich mehr auf die Wahrheit als auf den Stil bedacht
war...
Bis zum Frühjahr 1671 widmet sich Stensen nun ganz dieser Aufgabe,
den Freunden in Holland aus der Ferne mit auf den Weg zum katholischen
Glauben zu helfen. Aus einem gründlichen Studium der entsprechenden
Literatur erwachsen zunächst eine Reihe irenischer Schriften an
den Kreis in Holland, dann wendet sich Stensen aber auch in seinem Brief
an den Reformator der neuen Philosophie über die wahre Philosophie
an den ehemaligen Freund, Benedictus Spinoza, dessen 1670 anonym verfaßten
Tractatus theologico-politicus Steno wohl schon während
seines Hollandaufenthaltes kennengelernt hatte. Spinozas Streben, eigene
und öffentliche Sicherheit durch eine freie, von der Religion unabhängige,
philosophische Warheitserkenntnis zu erlangen, stellt Stensen die Kirche
als Schule der eigenen Vervollkommnung entgegen, die so die wahre ewige
Sicherheit und den mit der Wahrheit verbundenen Frieden anbiete. Der
Zweck dieser Herrschaft [der Kirche] ist, daß der Mensch alle
seine Handlungen, nicht bloß die äußeren, sondern auch
die geheimsten Gedanken, nach der vom Schöpfer des Universums bestimmten
Ordnung lenke, oder was dasselbe ist, daß die Seele in jedem Werk
Gott, ihren Schöpfer und Richter, betrachte.
Etwa gegen Mitte des Jahres 1671 beginnt Steno aber auch wieder seine
naturwissenschaftlichen Arbeiten. Vor allem die Systematisierung und
Katalogisierung der großherzoglichen Mineraliensammlungen in Pisa
und Florenz, wobei er auch das eigene Material einarbeitet, nimmt einen
großen Teil seiner Zeit in Anspruch. Auch unternimmt Steno im
Juni 1671 eine Reise zu den Grotten von Gresta und Moncodeno, um im
Auftrag der Cimento-Akademie Beweise gegen die seit Aristoteles persistierende
Theorie der Antiperistasis zu sammeln. Hierunter verstand man eine Verstärkung
der eigenen Kräfte, um den Angriff entgegengesetzter Kräfte
abzuwehren, womit man dann verschiedenste Erscheinungen vom Fieber bei
Lungenentzündung bis zum Keller, der im Winter warm und im Sommer
kalt ist, zu erklären versucht hatte. Besonders berichte über
Alpengrotten, die gerade im Sommer Eis lieferten, waren immer wieder
als Beweis für diese Antiperistasis herangezogen worden. Nach einer
Untersuchung der örtlichen Begebenheiten stellt Stensen seine Argumente
gegen die Antiperistasis in vier Punkten zusammen und sendet sie an
die Cimento-Akademie.
Mit Marcello Malpighi führt Stensen weiterhin einen regen Austausch.
Besonders ein Brief soll hier nicht unerwähnt bleiben, da er den
einzigen uns erhaltenen ärztlichen Ratschlag Stensens enthält.
Malpighi hatte viel unter einer hartnäckigen Nierenaffektion,
die mir immer wieder trüben und sehr oft blutigen Urin verursacht
zu leiden. Stensen verweist nun in einem Brief vom 24. November 1671
auf die Bedeutung der Ernährung: Ich würde deshalb nicht
absolut an Ihrer vollständigen Genesung verzweifeln, wenn Sie sich
einfach daran machen würden, über die Diät nachzudenken.
Er selbst kenne drei Fälle von Menschen, welche die Ärzte
aufgegeben hatten, wo die Diätveränderung zu einer vollkommenen
Gesundung geführt habe. Er solle sich nur aller Speisen enthalten,
die die Säfte aufregen könnten, und er rate ab von Milch,
Käse und Molkenkäse. Im Brief vom 22. Dezember weitet Stensen
dann seine Diätratschläge noch aus, er rät ab vom Genuß
von Wein und sauren Früchten und weist zuletzt auch auf den Trost
des Glaubens hin: Und dann hilft manchmal der oberste Arzt dem Wenigen,
worin wir mit ihm auch im Bereich der Natur zusammenarbeiten, durch
seinen außergewöhnlichen Beistand, wenn durch eine solche
Hilfe auch dem Wohl der Seele gedient ist.
Zur geplanten Fortsetzung der Arbeit am De solido finden sich
freilich in diesen zwei Jahren keine Anzeichen. Nach GARBOE erwähnt
Leibniz Jahre später, daß Stensen seine geologischen Aufzeichnungen
einem Schüler, Holger Jakobsen, überlassen habe, der 1676
ein halbes Jahr bei Stensen in Florenz verbracht und ihn auch im Februar
1677 in Pisa besucht hatte. Über Art, Umfang und Verbleib dieser
Aufzeichnungen haben wir jedoch keine Nachricht.
Fast auf den Tag genau vier Jahre nach einem ersten Ruf in die Heimat,
scheinen nun die durch die Konversion aufgebauten Schranken weitgehend
überwunden zu sein. Am 23. Dezember 1671 erhält Stensen einen
Brief von "den Seinen", womit wohl die Schwester Anne mit ihrem Mann
Jakob Kitzerow gemeint sein dürfte. Sogleich schreibt er an Cosimo
III.: Heute morgen habe ich aus Kopenhagen Briefe empfangen, die
mich einer Mitteilung Sr. Majestät an die Meinen versichern, man
wolle mich durch einen Brief ins Vaterland rufen, sobald man wüßte,
daß ich geneigt wäre, die Berufung anzunehmen, und daß
man den Brief mit der gleichen Post gesandt hätte, wenn die Schwierigkeiten,
die ich der Berufung durch den Vater des gegenwärtigen Königs
vor vier Jahren entgegengesetzt hätte, sie nicht auch diesmal etwas
Ähnliches hätten befürchten lassen. Die Ursache zu dieser
Schwierigkeit sei jedoch behoben, nachdem am 16. des vergangenen Monats
in Kopenhagen Gewissensfreiheit für jeden publiziert worden sei,
der in der Stadt zu wohnen gedenke, wobei man hoffen darf, daß
aus dem politischen Motiv, die Stadt zu vergrößern, göttliche
Wirkungen zum Wohl der Kirche erwachsen können. Weiterhin heißt
es: Wäre dieser Vorschlag mir von irgendeiner anderen Seite
gekommen, so hätte ich ihn zurückgewiesen, aber da er mir
von dem Fürsten kam, zu dessen Untertanen mich Gott durch die Geburt
gemacht hat, und da ich so zwischen zwei Fürsten gestellt bin,
von denen ich dem einen infolge der Natur zu dienen verpflichtet bin,
dem anderen wegen seiner Wohltaten gegen mich, erkühne ich mich
nicht selbst, einen Entschluß zu fassen, sondern erwarte von dem
Gutachten desjenigen, dessen Wohltaten ich zur Zeit genieße, einen
Bescheid, wie ich mich gegen jenen benehmen soll, zu dessen Untertanen
mich die Geburt gemacht hat ...
Cosimo III. zeigt Verständnis für die Situation, sichert
die Möglichkeit eines weiteren Verbleibens in Florenz oder auch
einer möglichen Rückkehr dorthin zu und überläßt
Stensen in freundschaftlicher Zuneigung die Freiheit, selbst die nach
seinem Ermessen richtige Entscheidung zu treffen. Noch 1671 sendet Stensen
seine Einwilligung an den Hof in Kopenhagen, am 13. Februar 1672 erfolgt
ein Kgl. Reskript, das ihm eine jährliche Pension von 400 Reichstalern
vom Tage seiner Rückkunft nach Dänemark an zuweist. Dieses
Reskript erreicht Stensen am 25. April, bis zum 7. Mai benötigt
Stensen noch, um den begonnen Katalog der Sammlung in Pisa fertigzustellen,
nach Ordnung der übrigen Angelegenheiten verläßt Steno
am 19. Mai 1672 Florenz.
- Als
Katholik in Kopenhagen 1672-74
Als 21jähriger hatte Stensen Kopenhagen verlassen, 1664 noch einmal
kurz Abschied genommen von der verstorbenen Mutter, am 3. Juli 1672
kehrt der 34jährige nun zurück, auf dem Höhepunkt seiner
wissenschaftlichen Laufbahn, als durch ganz Europa hindurch gefeierter
und geachteter Forscher, aber auch als der gerade in seiner Heimat Unverstandene,
Abtrünnige, dem falschen Glauben Anhängende.
Auch wenn die kleine, zum großen Teil aus Ausländern bestehende
katholische Gemeinde in Kopenhagen eine Zeit ungewohnter Freiheit der
Religionsausübung durchlebt, sind die aufgebrochenen Abgründe
zwischen den Konfessionen doch bei weitem nicht überbrückt.
Die von dem jungen König Christian V. den Katholiken zugebilligten
Rechte gründen sich mehr in politischen Motiven und auch einer
gewissen Indifferenz als einer Zunahme der Toleranz Andersgläubigen
gegenüber. Steno bleibt von Anfang an in engem Kontakt zu den wenigen
Katholiken, nimmt Teil an den Meßfeiern in der kleinen Kapelle
des Gesandten Ludwig XIV., Hugues de Terlon, übernimmt die Patenschaft
für mehrere in eben dieser Kapelle Getaufte und stellt sich der
mündlichen und schriftlichen Kontroverse mit Lutheranern.
Stensens weiteres Aufgabenfeld bleibt zunächst einmal unklar.
Am 6. August schreibt Steno an Cosimo III.: Über meine Stellung
hat man noch nichts beschlossen, da die Person, die es auf sich genommen
hat, einen Ausweg zu meiner Befriedigung zu finden, sehr beschäftigt
ist. Und am 5. Oktober: Meine Verwandten und Freunde erweisen
mir bis jetzt alle Liebenswürdigkeit, und niemand befehdet mich
wegen meiner Religion. Doch ist es richtig, daß sie keinen Weg
finden, um mich anzustellen, aber ich achte nicht darauf und plage sie
nicht mit Bitten, sondern überlasse alles ihrem Gutdünken,
ganz überzeugt davon, daß, wenn die Stunde Gottes kommt,
sich die Stellung finden wird, die für mich die beste ist.
Hier bestätigt sich durch die Tat, was der Student 13 Jahre zuvor
im Chaos-Manuskript notiert hatte: Überlassen wir alles der
göttlichen Vorsehung, seien wir nicht über das Morgige besorgt
, und zweifeln wir nicht an Seiner Hilfe, aber meiden wir jeden Aberglauben
und suchen wir durch unsere Arbeit den Lebensunterhalt für uns
und die Armen zu erwerben! Nutzen wir also die Gaben Gottes und mißbrauchen
sie nicht!
Die Situation der Universität ist aus medizinischer und besonders
anatomischer Sicht gesehen desolat. Die von Stensens väterlichem
Freund Simon Paulli 1644 eingerichtete Domus Anatomica war jetzt meist
geschlossen und dem zunehmenden Verfall preisgegeben, die an sich durchaus
geeigneten Professoren der Universität, wie Thomas und Rasmus Bartholin,
Jakob Henrik Paulli, Vilhelm Worms und Ole Borch waren durch andere
Aufgaben in Anspruch genommen, die medizinischen Ausbildung drohte gänzlich
zu sistieren. Stensen, der es als seine Aufgabe empfindet, dem medizinischen
und naturwissenschaftlichen Studien an der heimatlichen Universität
zu der gebührenden Ehre zu verhelfen, scheitert an den weiterhin
bestehenden konfessionellen Differenzen, die ihm einen geregelten akademischen
Lehrbetrieb an der Universität unmöglich machen. Von 1625
an und formell bis 1872 mußten sich die Professoren der Universität
Kopenhagen ja schriftlich zur evangelisch-lutherischen Religion bekennen.
Stensen, vom Wunsch beseelt, dem Vaterland sein Wissen zu teilen, beginnt
trotzdem seine anatomische Lehrtätigkeit, zumeist im kleinen Kreise,
im Hause seines Schwagers oder bei Borch, nur dreimal vor einer größeren
Öffentlichkeit in der Domus Anatomica. In den Aufzeichnungen eines
Neffen Thomas Bartholins, dem schon oben erwähnten Holger Jakobsen
(lat. Jacobaeus, 1650-1701), der Steno später als Schüler
bis nach Florenz folgen wird, sind eine Vielzahl von Sektionen genannt,
die von Stensen selbst oder unter seiner Aufsicht durchgeführt
worden sind. In vergleichend anatomischen Studien versucht Stensen,
hier das selbst Entdeckte zu verbreiten und Anregung zu selbstständigem
Weitersuchen zu geben. Menschliches Sektionsmaterial war auf Grund der
unklaren Anstellungsverhältnisse nur schwer zu erlangen, Steno
verhilft sich mit den Körpern von Tieren, die ihm von verschiedener
Seite zugedacht werden. Bei Jacobaeus ist die Sektion einer Haselmaus
ebenso erwähnt wie die eines Bären, Igels, Hasen oder Rehs,
eines Adlers, Papageis, Schwans und Reihers, eines Hundes, Kalbes, einer
Meerkatze und eines Rentiers.
Mehr als ein halbes Jahr nach seiner Ankunft in Kopenhagen erhält
Stensen im Februar 1673 die Einladung zu einer großen öffentlichen
Sektion im Theatrum anatomicum. Als Dekan der medizinischen Fakultät
bezeichnet es Thomas Bartholin als ungeheure Wohltat des ewigen und
hocherhabenen Königs, daß das Anatomische Theater nun wieder
zum Leben erwacht sei. Zusammen mit Simon Paulli hätte er immer
den Wunsch gehegt, daß die Anatomie in Dänemark wieder auflebe,
nun gehe dieser Wunsch endlich in Erfüllung. Durch die Gnade des
Königs sei Dr. Nicolaus Stenonius, der neue Demokrit des Jahrhunderts,
heimgekehrt, um dem Vaterland zu bezeugen, daß er den Ruhm,
den er durch herrliche Entdeckungen und Schriften, die seinen Eifer
atmeten, in der Gelehrtenwelt erworben, nicht als sein persönliches,
sondern als öffentliches Gut betrachtet. Nachdem sich Stensen
gleich nach seiner Ankunft mit anatomischen Dissektionen eifrig beschäftigt
hätte und der akademischen Jugend die Geheimnisse des Körpers
zu enthüllen gesucht habe, wolle er nun die Anatomie an der Leiche
einer Frau aufzeigen und dann ein Rentier anatomisch vorführen.
Das Jahrhundert sei reich an Entdeckern: Unter ihnen hat unser Stensen,
der keinem Prosektor nachsteht an Geschicklichkeit im Sezieren und an
Leichtigkeit im Entdecken, dies Gebiet daheim und draußen mit
so fruchtbarem Geist bearbeitet, daß er die Gelehrtenwelt zu Bewunderung
hingerissen hat.
Seine letzte große öffentliche anatomische Demonstration
beginnt Stensen mit einer Eröffnungsrede, die in ihrer sprachlichen
Schönheit und ihrer teleologischen Sinnerfülltheit die Schnittstelle
bildet zwischen einem Leben als Forscher und Anatom und einer Zukunft
als Priester und Missionar: Gott hat es gefallen, mir, der nicht
danach suchte, ja Widerstand leistete, so Großes in der Anatomie
zu offenbaren, was anderen viel Würdigeren vor mir versagt war.
Dem König hat es gefallen, heute das schon viele Jahre hindurch
geschlossene Anatomische Theater unseres Landes zu eröffnen, damit
die Beobachtungen anderer zugleich mit den meinigen vorgelegt werden
können. Möge es euch nun gefallen, achtzugeben nicht auf Hand
und Mund, die zeigen, sondern auf die Wunder der Werke Gottes, die hier
gezeigt werden sollen. Der Anatom selbst sei ja nur ein Stab in
Gottes Hand, der die seltenen Dinge im Körper zeige. Durch die
ersten üblen Sinneseindrücke beim Anblick einer Leiche dürften
sich die Anwesenden nicht beirren lassen. Die Natur enttäusche
nicht: Nur die Welt verspricht mehr und Größeres, als
sie gibt. Die Natur gibt mehr und Größeres, als sie verspricht.
Wie bei den Perlen, die aus den stinkenden Fleischteilen der Austern
herausgeschält werden müßten, sei die äußere
Schönheit oft nur ein Bruchteil der inneren. Eine Wiese erfreue
das Auge wohl auch aus der Ferne, aber wenn man dann auf der Wiese selbst
sich bückt, um die Blüten und Blätter der einzelnen Pflanzen
näher zu betrachten, da zeigt sich der Unterschied und die Lieblichkeit
der Formen so deutlich, daß man unwillkürlich ausspricht:
In der Ferne scheinen sie schön, aber in der Nähe noch
weit schöner. So sei es nun aber auch mit der Schönheit
des menschlichen Körpers: Aber wenn nun diese Hand, deren äußere
Form und Farbe so oft den Sinn des Beschauers ganz fesselt, gleichzeitig,
klar wie ein Kristall, sowohl die perlenartige Farbe der darin verborgenen
Sehnen und das Kunstwerk, das die sinnreichsten Erfindungen übertrifft,
offenbarte, wer würde sich davon nicht eine viel größere
Lust für den Geist des Beschauers versprechen. Und könnte
man noch tiefer eindringen in die einzelnen Teile von Haut und Sehnen
und in das kunstvolle Gewebe der Fasern und die sinnvollen Krümmungen
und Labyrinthe der Gänge, die sich allen Sinnen entziehen, ja,
wer würde nicht nach Überwindung aller Sinnestäuschungen
immer wieder sagen: Schön ist, was den Sinnen ohne Sektion zugänglich
ist, schöner was die Sektion aus dem verborgenen Inneren hervorschafft,
aber weitaus am schönsten, was den Sinnen entgeht, aber mit Hilfe
der Sinneseindrücke durch die Vernunft erkannt wird. ... Wir haben
in der Vernunft einen Richter über die Sinneseindrücke. Wir
sollten durch häufiges Erwägen folgender ganz sicherer Wahrheit
von der Unwissenheit zum Wissen, vom Unvollkommenen zum Vollkommenen
aufsteigen und würdige Gedanken über die wahre Menschenwürde
in uns erwecken. Wenn ein kleiner Teil der Oberfläche des menschlichen
Körpers so lieblich ist und den Beschauer so tief beeindrucken
kann, welche Reize würden wir da nicht zu sehen bekommen, welches
Entzücken würden wir da nicht fühlen, wenn wir den ganzen
kunstvollen Bau des Körpers schauen könnten oder die Seele,
der so viele und so kunstvolle Werkzeuge gehorchen, und die Abhängigkeiten
aller dieser Dinge von der Ursache, die alles weiß, was wir nicht
kennen: Schön ist, was wir sehen, schöner, was wir wissen,
weitaus am schönsten ist, was wir nicht fassen. ... Denn dies ist
der wahre Zweck der Anatomie, die Zuschauer durch das wunderbare Kunstwerk
des Körpers zur Würde der Seele und folgerichtig durch das
Bewundernswerte an beiden zur Kenntnis und Liebe des Schöpfers
emporzuheben.
Doch auch nach dieser über zehn Tage andauernden öffentlichen
Sektion bleibt Stensens Position in Kopenhagen weiterhin schlecht. Der
Hof kann keine geregelte Anstellung für ihn finden, die königliche
Order besteht allein in der Erlaubnis, sich trotz der katholischen Konfession
in Kopenhagen aufhalten zu dürfen, privat Anatomie zu betreiben
und ein Jahresgehalt von 400 Talern zu beziehen. Stensen arbeitet aber
unbeirrt weiter, untersucht bei zahlreichen Sektionen die Struktur des
Muskelsystems verschiedenerer Tiere, teilt sein Wissen weiterhin neidlos
an Freunde und mögliche Nachfolger mit. Mit seiner Abhandlung über
die Muskulatur des Adlers, die Stensens letzte wissenschaftliche Publikation
werden soll, verfaßt Stensen nicht nur die erste größere
Monographie in der zoologischen Literatur über die Muskeln eines
Vogels, sondern auch, wie COLE sagt, eines der bemerkenswertesten
Essays, die bisher in der Zootomie veröffentlicht sind.
Mittlerweile hatte man aber auch in Florenz von der unsicheren Stellung
Stensens in Kopenhagen erfahren und Großherzog Cosimo zeigte im
Frühjahr 1674 sein weiterbestehendes Wohlwollen Stensen gegenüber
in einer Einladung zurück an den Hof in Florenz, verbunden mit
dem Angebot, dort als Erzieher des jungen Erbprinzen arbeiten zu können.
Stensen nimmt diese Einladung dankbar an, im Juni 1674 genehmigt Griffenfeld
sein Abschiedsgesuch.
Stensen verläßt Dänemark bald, und er verläßt
auch –vielleicht ohne sich dessen wirklich bewußt zu sein- seinen
Beruf als Naturforscher. Denn von nun an wird er kein wissenschaftliches
Werk mehr publizieren, und die Eröffnungsrede im Theatrum anatomicum
war Stensens letzte große Rede zu einem wissenschaftlichen Thema.
Er reist über Hamburg, Hannover und Köln zuerst nach Amsterdam
zu seinem Freund Swammerdam, und nachdem er diesen vergeblich zur Mitreise
nach Italien zu bewegen versucht hatte, weiter nach Florenz, wo er zu
Ende des Jahres 1674 eintrifft.
- Erzieher des Erbprinzen und Priesterweihe
in Florenz 1675-77
Gleich zu Beginn des Jahres 1675 tritt Steno seine Stellung am Hof
der Medici als Erzieher des Erbprinzen Ferdinand an. Für die Ausbildung
seines 12-jährigen Sohnes bestellte Cosimo III. die bestmöglichen
Lehrer. Neben Stensen sind das Männer wie der Hofmeister Marchese
Luca degli Albizi, der spätere Erzbischof G. A.. Morigia, Redi
und Viviani, die Gebrüder Lorenzini und der spätere Kardinal
Noris. Stensens Aufgabe bestand darin, dem Erbprinzen die philosophie
naturelle darzulegen, was wohl die gesamte Naturwissenschaft, aber
darüber hinaus überhaupt die Vermittlung eines soliden Gedankengebäudes
auf christlicher Grundlage umfassen sollte.
Auch wenn sich Stensen der Erziehung des ihm Anvertrauten mit großer
Mühe widmet, beginnt er doch auch gleich zu Anfang des Jahres eine
Aufgabe, die ihm viel größeren Einsatz und Verantwortung
abverlangt: Er nimmt seine theologischen Studien, die er schon vor seiner
Konversion begonnen hatte, mit neuer Kraft auf und arbeitet hin auf
die Ordination zum Priester. Seine Primizmesse kann Stensen schon am
Ostersonntag, dem 14. April 1675 vor dem Gnadenbild der Santissima Annunziata
in der gleichnamigen Kirche in Florenz feiern. In einem Brief an P.
Athanasius Kircher vom 25. Mai 1675 schreibt Steno über seine Beweggründe:
Wahrlich, nachdem ich Gottes Wohltaten gegen mich gebührend
erfahren hatte (und ich werde sie nicht gebührend erwägen
können), fand ich sie so groß, daß ich nicht umhin
konnte, ja mit aller Sehnsucht mich angetrieben fühlte, ihm soviel
meine Gebrechlichkeit es gestattete, das beste auf die beste Weise zu
bieten. Da ich nun die Würde des Priestertums erkannte und daß
in ihm täglich sowohl Danksagungen für Wohltaten, als Verzeihung
für Sünden, als anderes Gott sehr Wohlgefälliges am Altare
dargebracht wird, bat ich darum und erlangte auch, daß mir gestattet
wurde, dem ewigen Vater das unbefleckte Opferlamm für mich und
andere darzubringen. Die schnelle Ordination zum Priester schon
nach höchstens vier Monaten ist in der katholischen Kirche ungewöhnlich.
Bei Stensen mögen der tadellose Lebenswandel, das schon lange begonnene
Studium theologischer Schriften und eine lebenslange christliche Grundhaltung
den Weg zur Priesterweihe beschleunigt haben. So betonen BIERBAUM und
FALLER: Nach der Konversion hatte sich Stensen immer tiefer eingelebt
in die Welt des Glaubens und der Kirche, verstandesmäßig
durch das Studium theologischer Schriften, willensmäßig durch
ein verstärktes Streben nach christlicher Vollkommenheit, gnadenhaft
von der inneren Stimme sich führen lassend, auf die er von Jugend
an zu hören gewohnt war. ... Denn er hatte sich von Jugend an einen
lebendigen Glauben an Gott und seine Führung sowie ein Verlangen
nach Erkenntnis des Willens Gottes bewahrt.
War der vollzogenen Berufswechsel auch eine Sensation, erregt er Aufsehen
und Verwunderung bei den Gelehrten über ganz Europa hinweg, so
ist er doch kein Bruch im Lebensweg Stensens: Katholik geworden,
schrieb er, der auch in der falschen Sekte unschuldig gelebt und viele
moralische Tugenden erworben hatte, sich eine sehr strenge Lebensweise
vor und beobachtete sie so getreu, daß er in kurzer Zeit zu einem
hohen Grad der christlichen Vollkommenheit gelangte und gar bald als
ein Mann des Gebets, vieler Tränen und beständiger Vereinigung
mit Gott bekannt wurde. Er war sich selbst ganz abgestorben, voll Liebe
zu dem Mitmenschen, besonders jenen in Spitälern und Gefängnissen,
denen er sowohl in ihren geistigen wie leiblichen Nöten beistand.
... Durch seine angenehmen Manieren und seine wirkungsvolle, wahrhaft
bewunderungswürdige Art zu überzeugen gelang es ihm, einige
Juden und viele Häretiker zu bekehren. ... Diese Lebensweise hatte
ihm die Liebe und Achtung aller erworben, ohne jedoch in ihm die schlechte
Meinung zu verringern, die er von sich selber hatte. Durch seine große
Demut wußte er zu bewirken, daß niemand, obgleich er nach
dem Urteil der Sachkundigen der erste Anatom Italiens war, einer der
hervorragendsten Philosophen, ein großer Sprachkenner und darum
zum Lehrer des Fürsten ernannt worden war, selbst nach so langem
persönlichen Verkehr geglaubt hätte, daß der Mann, welcher
so demütig von sich sprach, überhaupt etwas wisse. Verkehrte
er mit Religiösen oder schrieb er an Freunde, so bezeichnete er
sich stets als den elendsten Sünder, welcher des Gebetes aller
bedürfe. Und doch sind jene, die lange mit ihm umgingen oder mit
ihm zusammenlebten, bereit, einen Eid zu schwören, nie auch nur
die geringste Leidenschaft an ihm wahrgenommen zu haben. Dieses
plastische Bild, das Kardinal Francesco Nerli (1636 – 1708), der wegen
seiner Strenge bekannte Erzbischof von Florenz, bald nach der Ordination
von Stensen zeichnet, führt SCHERZ dazu, die Worte, die einst Gregor
von Nazianz über seinen Freund Basilius sprach, auch auf Stensen
anzuwenden: Er war Priester, bevor er Priester wurde.
Und nach dem Urteil des dänischen Philosophen und Religionswissenschaftlers
Anton THOMSEN (gest. 1915) erscheint hier vor uns nicht der Müde,
der Ruhe sucht, nicht der Blasierte, der alles aufgibt, oder der Sterbende,
der zusammenbricht. Hier ist ein Mann, der auf der Höhe seines
Wirkens steht – Stensen hatte gerade vor wenigen Jahren den Grund zur
wissenschaftlichen Geologie gelegt -, ein Mann, angesehen als einer
der Größten Europas, der alles aufzugeben wagte, um das zu
gewinnen, das alles für ihn geworden war. Er warf alles weg, Ehre,
Macht und Gold, um in Armut und Elend zu enden ... So konsequent er
früher in der Wissenschaft seine Methode durchgeführt hatte
und zum Kern der Probleme vorstieß, so ernst führte er nun
sein Christentum durch bis zum Äußersten. Er adelte Armut
und Elend, er erfüllte haarscharf die Gebote des ursprünglichen
Christentums; selbst Kierkegaard müßte ihn als ein Glied
in der heiligen Kette der Wahrheitszeugen anerkennen.
Noch fast zwei Jahre kann sich Stensen in Florenz, neben der Erziehung
Ferdinands, dem widmen, was er selber als seine eigentliche priesterliche
Berufung ansieht: der individuellen Seelsorge besonders im Umgang mit
Nicht-Katholiken. Im Spätherbst 1676 endet aber für Stensen
mit der Berufung zum Apostolischen Vikar der Länder des Nordens
die stille Erzieher- und Priestertätigkeit in Florenz und beginnt
der Kreuzweg seiner neunjährigen Bischofsarbeit in Deutschland.
- Als Priester in Deutschland 1677-86
- Apostolischer Vikar in Hannover 1677-80
Stensens Weg als Priester und Bischof in der Diaspora des Deutschen
Nordens, der hier nur in Ansätzen skizziert werden kann, ist
ein Weg der freiwilligen und unfreiwilligen Entbehrungen, gezeichnet
von großer Strenge gegenüber sich selbst, ein Weg der unbedingten
Demut. Er führt Stensen von Florenz zunächst zur Bischofsweihe
nach Rom, von dort dann mitten hinein in die Deutsche Diaspora. Auf
Wunsch Herzog Johann Friedrichs von Hannover beginnt Steno seine Arbeit
als Apostolischer Vikar in dem weit ausgedehnten Gebiet von Braunschweig
und Bremen über Magdeburg und Halberstadt bis nach Hamburg, Glückstadt
und Schleswig-Holstein. Er predigt auf Deutsch, Italienisch und Französisch
und führte in Nahrung und Kleidung eine Lebensweise, als ob
er die ärmste Person in der Welt wäre. Bei seiner Ankunft
in Hannover lehnte er die vom Herzog geschickten Reiter und Wagen
ab und wollte nach apostolischer Art zu Fuß seinen Einzug halten;
er verlangte, sofort nach der herzoglichen Kirche geführt zu
werden, und verrichtete dort Dankgebete zu Gott. In Hannover trifft
Stensen auch auf Freiherr Gottfried Wilhelm von Leibniz (1646-1717),
den berühmten Mathematiker und Philosophen, der von 1676 bis
zu seinem Tod eine Stellung als Bibliothekar und Hofrat am Hof des
Herzogs innehatte. Zwischen den beiden Gelehrten entwickelt sich eine
heftige Diskussion vornehmlich über die Frage der Wiedervereinigung
aller Christen. Den synkretistischen Bestrebungen Leibniz‘ tritt Stensen
entgegen, er lehnt eine äußerliche Einheit bei innerer
Glaubensverschiedenheit auch in unwesentlichen Dingen ab und ermahnt
Leibniz, darauf zu achten, daß er, während nach seiner
Versicherung fast in allen Religionen der wahre Glaube gefunden werden
könne, sich nicht von der Gesellschaft aller ausgeschlossen finde
und unter Vermeidung der Skylla der Skeptiker nicht in die Charybdis
der Indifferenz gerate: Nirgendwo ist, wer überall sein will.
Nach dem plötzlichen Tod des Herzogs von Hannover am 28. Dezember
1679 übernahm dessen protestantischer Bruder Ernst August die
Regierung. Nach dem im Westfälischen Frieden bestätigten
Grundsatz des Augsburger Religionsfriedens, Cuius regio, eius religio,
wurde die Ausübung des katholischen Bekenntnisses im Herrschaftsgebiet
verboten. Obwohl Stensen vorerst noch in Hannover bleiben und auch
die heilige Messe feiern kann, führt die veränderte politische
und kirchenpolitische Situation doch letztlich zu einer Versetzung
Stensens, nun als Weihbischof nach Münster.
- Weihbischof von Münster 1680-83
In der ihm zugeteilten Diözese findet Stensen reichlich Arbeit.
Über lange Zeit vernachlässigt, mangelt es in dem großen
Gebiet an grundlegender seelsorgerischen Versorgung. Zahlreiche Kirchen
und Kapellen müssen geweiht werden, in 3 Jahren spendet Stensen
in über 200 Gemeinden das Sakrament der Firmung, Priesterweihe
und Vergabe kirchlicher Ämter orientieren sich mehr an weltlichen
Interessen als göttlicher Berufung. Besonders gegen den letztgenannten
Mißstand wendet sich Stensen mit aller Kraft. Bei Kandidaten,
deren offensichtlichen weltlichen Interessen einer göttlichen
Berufung entgegenstehen, weigert er sich, sie durch die Handauflegung
zum Priester zu weihen, es ist ja alles so käuflich geworden,
daß man, ohne sich der Sünde mitschuldig zu machen, nicht
mehr zögern darf. Der Priester sei doch zur Vollkommenheit
berufen, er solle in Erfüllung dieser Berufung über alle
anderen hinausragen: Aber nicht durch Reichtum, Stellung, Pracht,
Gelage sollen sie andere übertreffen, sondern durch Bußgeist,
Frömmigkeit, guten Gebrauch aller Talente, Bescheidenheit, Eingezogenheit,
Haltung bei Tisch, im Chor und an anderen Orten. In bezug auf die
äußerliche körperliche Haltung sei im Antlitz Würde,
in der Kleidung Ärmlichkeit, aber reinliche, im Auftreten Reife.
Und in bezug auf den inneren Menschen: im Glück Demut, im Unglück
Festigkeit, in allem Maß. Aber wie seien doch viele Priester
voll von Unvollkommenheiten! Betrachte den Geistlichen an den Tischen
der Weltleute. Er ißt gerade so und mehr als die übrigen,
er trinkt ebenso viel und mehr als die übrigen, er wählt
die feinen Sachen mehr als die übrigen, er spricht von eitlen
und eingebildeten Dingen mehr als die anderen. Was aber ist die
Wurzel dieses Elendes? Die Eltern, und nicht Gott berufen zum geistlichen
Stande. ... Ich habe die Schäden der Kirche bisweilen untersucht,
aber dies ist wohl der allererste und der allerschwerste, daß
man bei der Standeswahl nicht auf die göttliche Berufung Rücksicht
nimmt, sondern auf Ehren, Reichtümer, Gunst und Macht.
In Bewußtsein der eigenen göttlichen Berufung und mit
dem Wissen, daß alle Worte ihre Wirkung nur ganz entfalten können,
wenn sie mit Haltung und Verhalten des Sprechenden im Einklang stehen,
bemüht sich Stensen im Kampf gegen verkommene Moral und mangelnde
Disziplin in den Reihen der Geistlichen auch in besonderer Weise,
selbst Vorbild zu sein: Als er [Stensen] Priester wurde und zum
Bischof konsekriert worden war – er erhielt den Titularsitz von Titiopolis
-, verteilte er seine Güter an die Armen. Er war unermüdlich
im Betrachten, ganz geistig, ein Sieger über sich selbst, der
immer im Gleichgewicht war, immer derselbe. Er war ein Mann von wunderbarer
Demut und Enthaltsamkeit. Wie St. Nicolaus wollte er sich jeden Mittwoch
und Freitag bis zum Abend jeder Speise und jeden Trunkes enthalten,
worauf er ein Stück trockenen Brotes und einen Schluck Bier genoß.
Zu diesen beiden Tagen fügte er den Montag als einen Tag gleicher
Enthaltsamkeit. Er war gegen alle gütig, gegen sich selbst aber
streng. Außer dem Fasten und anderen Bußübungen gab
er sich nur kurz dem Schlafe hin auf einem Schemel oder Stuhl, er
benützte kein Bett. Täglich trat er an den Altar heran.
Bei Tisch hielt er auf die Lesung der Hl. Schrift und anderer Bücher
und auf geistliche Gespräche. Wir beteten das Morgen- und Abendgebet,
und es war meine Aufgabe, am Abend die Exhortation zu geben und die
Betrachtung für den Morgen vorzulegen. Er liebte die Armut und
hatte weder daheim noch auswärts Geld bei sich.
Die Auseinandersetzung des Weihbischofs Stensen mit den höheren
kirchlichen Amtsstellen in Münster um die genannten Mißstände
eskalierte nach dem Tod Fürstbischofs Ferdinand von Fürstenberg
und der damit anstehenden Wahl eines Nachfolgers. Das aus 40 adeligen
Domherren bestehende Kathedralkapitel, das im Besitz des aktiven und
passiven Wahlrechts im Hinsicht auf den Landesherrn verfügte
und politisch und wirtschaftlich eine Macht darstellte, betrieb eifrig
die Wahl des Kurfürsten von Köln, Erzbischof Maximilian
Heinrich von Bayern. Diesem Kurfürsten unterstanden neben dem
Erzbistum Köln aber bereits die Bistümer Lüttich, Hildesheim
und Osnabrück. Im Falle einer Wahl wären die Bistümer
Paderborn und Münster noch dazugekommen. Der asketische Weihbischof
mit seinem Ideal urkirchlicher Einfachheit wendet sich nach erfolglosen
Interventionsversuchen in Münster in einem Brief vom 20. Juli
1683 an Papst Innozenz XI. gegen eine solche Kumulation kirchlicher
Ämter in einer Person wie auch gegen die Bestechungsgelder, die
an das Domkapitel ausbezahlt worden waren. Aber nicht einmal der Papst,
der sich ganz hinter Stensen stellt, kann die Wahl des Kurfürsten
verhindern. Trotz deutlicher Abmahnungen wird Maximilian Heinrich
von Bayern im September 1683 zum neuen Erzbischof von Münster
und Paderborn gewählt und leitet das Bistum dem Papst zum Trotz
von Köln aus bis zu seinem Tode 1688. Stensen, dem die Ereignisse
in Münster widerlich geworden sind und der seine Aufgaben im
offenen Konflikt mit dem Domkapitel nicht mehr befriedigend erfüllen
kann, erhält vom Papst die Erlaubnis, von seinem Bischofsamt
zurückzutreten und den Auftrag, als Apostolischer Vikar in Hamburg
zu wirken.
- Zwei Jahre in Hamburg 1683-85
In Hamburg war nach Einführung der lutherischen Religion 1529
das Bekenntnis zum katholischen Glauben unter Strafe gestellt. Trotzdem
war eine kleine katholische Gemeinde entstanden, die in den Kapellen
der Gesandten katholischer Fürsten den Gottesdienst besuchten
und von einer Gemeinschaft von Jesuiten seelsorgerisch betreut wurde.
Stensen sieht sich bald auf Grund der Größe des ihm anvertrauten
Gebietes, zu dem weiterhin auch Halberstadt, Bremen, Magdeburg, Schwerin
und Mecklenburg gehören, überfordert, denn Hamburg allein
würde es verdienen, daß ich mich dort für mein ganzes
Leben dem Wohl der Seelen widme. Bald sieht er sich überzählig,
da die Arbeitsmöglichkeit hier sehr begrenzt sei und alle
Stätten, wo man sich einer gewissen Freiheit erfreuen kann ...
genug Missionare der Gesellschaft Jesu haben, so daß hier kein
Mangel an Arbeitern herrscht. Auch ist Stensens ganzer Aufenthalt
in Hamburg von einem Streit mit den Jesuitenmissionaren geprägt,
die es nicht für notwendig erachten, sich außer ihrem Oberen
auch noch dem Apostolischen Vikar Stensen unterzuordnen. So bricht
in Stensen, wie schon seit Beginn seiner Tätigkeit in kirchlichen
Ämtern, immer wieder die Sehnsucht nach katholischer Atmosphäre
und seelischer Erneuerung hervor sowie der Wunsch nach ungestörter
Arbeit. Am 30. Mai 1685 bittet er den Papst zu diesem Zwecke für
einige Zeit nach Italien zurückkehren zu dürfen, nach einer
anfänglichen Abweisung dieses Wunsches wird Stensen dann doch
am 16. Juli 1685 die Erlaubnis zu einer Reise nach Italien erteilt.
Schon in den Vorbereitungen zu seiner Abreise begriffen, erreicht
Stensen die Bitte von Herzog Christian Louis I., als einfacher Seelsorger
nach Schwerin zu gehen, um dort in der Schloßkapelle des konvertierten
Herzogs den Gottesdienst einzurichten. Stensen möchte noch vor
seiner Abreise über Amsterdam und Paris nach Italien nach Schwerin
reisen, um an Ort und Stelle zu sehen, was man machen kann, was
mindestens drei Wochen dauern wird. Nach etwas mehr als zweijährigen
Aufenthalt in Hamburg, der arm an äußeren Erfolgen und
reich an Schwierigkeiten und Enttäuschungen gewesen war, zog
der unermüdliche Apostel der Diaspora im Winter 1685 in ein neues
Gebiet, wo sein oft geäußerter Wunsch, als einfacher Missionar
zu leben, in Erfüllung gehen sollte. Der Weg nach Schwerin wird
Stensens Weg in sein letztes Lebensjahr, der Traum von einem beschaulichen
und zurückgezogenen Leben in Italien bleibt ein Traum.
- Schwerin 1686
Als Stensen in Schwerin eintrifft, stößt er auf eine kleine
katholische Gemeinde, zu deren Gottesdiensten auch immer wieder Gläubige
aus der näheren und entfernteren Diaspora eintreffen. Der Hofgeistliche
P. Steffani, ein Augustiner-Karmelit aus Österreich, beabsichtigte
mit der Ankunft des Apostolischen Vikars seine Stelle zu verlassen und nach
Österreich zurückzukehren. Er erkrankt aber bald schwer und wird
bis zu seinem Tod im November 1686 von Stensen versorgt. Die religiös-kirchliche
Lage in Schwerin war, wie praktisch überall in der Diaspora, am Absterben.
Schuld daran waren nach den Berichten des Bischofs vor allem die Mischehen,
der Mangel an katholischen Schulen, erzwungene Arbeit an kirchlichen Festtagen
und die Verletzung des Abstinenzgebotes. Die Situation in Schwerin erweist
sich, wie Karen PLOVGAARD in ihrer Stensen-Biographie 1953 schreibt, als
die schwierigste von allen. Der einzige Priester am Ort., P. Steffani, war
krank, und offenbar nicht leicht mit ihm auszukommen, alle kirchlichen Aufgaben
lasteten auf Stensens Schultern, das zu betreuende Gebiet war sehr weiträumig.
Am 12. November stirbt P. Steffani, Stensen hatte die letzten acht Tage
und Nächte an seinem Krankenlager gewacht. Bald darauf erkrankt auch
Stensen selbst schwer, bei ihm ist Johannes von Rosen, ein ehemaliger Offizier
im Dienste des Herzogs von Hannover, der unter dem Einfluß von Stensen
1678 katholisch geworden und diesem mit seinem Neffen nach Schwerin gefolgt
war. Am 4. Dezember 1686 schreibt Stensen, nun schon auf das Sterbebett
gefesselt, einen Abschiedsbrief an Cosimo III. mit dem er über all
die Jahre verbunden geblieben war. Über Stensens Todesstunde am frühen
Morgen des 5. Dezembers 1686 schreibt von Rosen: Möge der Herr mir
die Gnade gewähren, auch ganz seinem heiligen Beispiel zu folgen, denn
in seiner letzten Krankheit hatte er stets Gottes Lob auf den Lippen. Er
gab uns immer das Beispiel einer völligen Hingabe an den Willen Gottes.
Er freute sich aus ganzem Herzen darüber, daß Gott ihm die große
Barmherzigkeit erwiesen hatte, ihn in den Schoß der katholischen Kirche
aufzunehmen. Zweimal legte er offen und selbst in der Gegenwart von Lutheranern
das katholische Glaubensbekenntnis ab, zweimal legte er ein allgemeines
Bekenntnis seiner Sünden ab, nannte sich den größten aller
Sünder und bat um den Schutz und die Fürsprache der Hl. Jungfrau,
der Hl. Apostel und aller Heiligen des Paradieses. Er ermahnte uns mehrere
Male, Gott für ihn um die Gnade zu bitten, einen wirklichen Akt der
Reue zu erwecken, und zwar einen solchen, der ohne priesterliche Absolution
notwendig ist zum Heil, da er keinen Priester zum Beistand in der Todesstunde
erhalten konnte. ... In seinen großen Schmerzen sagte er immer wieder
diese Worte: »Mein Gott, gib mir die heilige Geduld. Ich bitte Dich nicht,
die Schmerzen von mir zu nehmen, sondern sie nach Deinem heiligen Willen
bis zum Ende zu ertragen. Warum sollte ich nicht den Kelch meines Herrn
trinken.« ... Jesu heiliger Name war immer in seinem Herzen, weshalb er
immer bis zum Ende diese Worte wiederholte: »Jesus, sis mihi Jesus!«
- Niels Stensen in Leiden
- Anatomie und Naturwissenschaft
- Wissen der Zeit
"Das wichtigste Ereignis in der makroskopischen Anatomie des 17. Jahrhunderts
war vermutlich die Entdeckung des lymphatischen Systems" konstatiert
ACKERKNECHT in seiner Geschichte der Medizin. Noch bis zu Anfang des
17. Jahrhunderts war dieses System aus weitverzweigten Gängen und
Sammelknoten, das zum einem Ernährung und Abtransport von Stoffwechselschlacken
aus den Geweben in das venöse System und zum anderen der Zuführung
aus dem Darm resorbierter Fette als Chylus zum wichtigsten Stoffwechselorgan,
der Leber, dient, weder morphologisch noch funktionell erkannt und verstanden.
Gaspare Aselli war es 1622 in Padua gelungen, die Chylusgefäße,
also die Lymphgefäße des Darmes, darzustellen, erst dreißig
Jahre später konnte Jean Pecquet die Cysterna chylii (Receptaculum
Pecqueti) und, nahezu gleichzeitig mit Johannes van Horne, den Ductus
thoracicus nachweisen. Thomas Bartholin war der erste, der den Brustlymphgang
1652 in De lacteis thoracicis auch am Menschen beschrieb. Als
Bartholin im folgenden Jahr die Entdeckung der lymphatischen Gefäße
in seinen Vasa lymphatica publizierte, erregte er, noch gesteigert
durch einen sich anschließenden Prioritätenstreit mit dem
Schweden Olof Rudbeck, großes Aufsehen, vor allem auch dadurch,
daß er die alte galenische Lehre von der Entstehung des Blutes
in der Leber verließ und das Blut nun im Herzen gebildet dachte.
Lodewijk de Bils (1624-1671), ein holländischer Anatom ohne Universitätsausbildung,
aber mit großem Geschick im Sezieren und Balsamieren, behauptete,
daß die neue Lehre vom Chylus und Brustgang falsch sei, der Chylus
vielmehr durch sog. Venae mesaricae vermischt mit Blut der Leber
zugeführt werde, während der Ductus thoracicus, von Bils Ductus
roriferus genannt, nur eine wäßrige Lymphe enthielte
und in kleineren Kanälen direkt im Leibe herumführe um diese
dann als Speichel, Tränen etc. abzugeben. Unterstützt wurde
Bils auch von Anton Deusing (1612-1666), einem gelehrten Orientalisten,
nach dem der Speichel sich zusammensetze zum einem aus dem mehr wäßrigen
Teil des Serums, vom ductus roriferus durch sog. ramuli roriferi
zu den größeren Kieferspeicheldrüsen geleitet, zum anderen
aus einer wäßrigen Masse, die durch die foramina sphenoidales
aus dem Gehirn in die Speicheldrüsen und auch direkt in die Mundhöhle
ausgeschieden würde.
Ähnlich ungewiß war das Wissen der Zeit um die großen
und kleinen Körperdrüsen, die auf Grund ihrer dem Lymphsystem
vor allem in den Ausführungsgängen ähnlichen Morphologie
nicht weiter von demselben getrennt werden konnten und somit zumeist
von einem gemeinsamen System ausgegangen wurde, terminologisch also
nicht zwischen Lymphgang und Drüsenausführungsgang, Lymphknoten
und Drüse, Lymphe und Sekret unterschieden wurde. Zwar hatten Moritz
Hofmann 1641 und Johann Georg Wirsung 1643 den nach dem letzteren benannten
Ausführungsgang der Bauchspeicheldrüse beschrieben, diese
Entdeckung führte sie aber nicht zu weiteren Gedanken über
die Bedeutung der Drüsen. Von den Drüsen der Mundhöhle
waren schon bei Galen Unterzungen- und Unterkieferdrüse mit ihren
Ausführungsgängen beschrieben worden, und dieses Wissen hatte
auch nach dem Untergang des Römischen Reiches seinen weiten Weg
über den Nahen Osten und Nordafrika zurück in die abendländische
Kultur gefunden, doch da die von den Arabern überlieferten Hinweise
die Ärzte des späten Mittelalters nicht zu weiterer Forschung
angeregt hatten, war das Wissen um die Speicheldrüsen im Europa
der beginnenden Neuzeit völlig in Vergessenheit geraten.
Erst 1656 konnte durch Thomas Wharton (1614-1673) und Francis Glisson
(1597-1677) der Ductus submandibularis dargestellt und somit die innere
Maxillardrüse als Speicheldrüse charakterisiert werden.
Stensen Lehrer Sylvius ist 1661 der erste, der, geleitet durch die pathologischen
Veränderungen an Lymphknoten bei skrofulösen Patienten, eine
Unterscheidung trifft zwischen den eigentlichen sezernierenden Drüsen,
von ihm Glandulae conglomeratae genannt, und den Lymphknoten,
Glandulae conglobatae. Wharton kann in seiner Adenographia
zwar zum ersten Mal in der Geschichte der Medizin einen umfassenden
und detaillierten Überblick über die Drüsen vorlegen,
er erkennt die Notwendigkeit des Speichels für Schluckakt und Geschmack
und gibt sogar Hinweise auf die Bedeutung des Speichels für die
Fermentation der Nahrungsmittel im Magen, über den Ursprung der
saliva vermag er freilich nur Spekulationen anzustellen. Als
sogenannter succus nervosus sollte der Speichel durch die damals
gemeinhin hohl gedachten Nerven zu den Drüsen geleitet werden.
Richtigerweise stellt FORSTER fest, daß Wharton an diesem Punkt,
an dem er seine Drüsenforschungen beschließt, weit davon
entfernt war, den wahren Sinn seiner bemerkenswerten Entdeckung zu erfassen.
Man bedenke hierzu nur, daß Wharton auch das Gehirn und die Zunge
als Drüsen beschreibt. Erst Stensen wird ausgehend von der Entdeckung
des Ausführungsganges der Ohrspeicheldrüse und den sich daran
anschließenden Untersuchungen zu den Drüsen und Ausführungsgängen
praktisch aller befeuchteten Körperoberflächen zu einem weitergehenden
und umfassenden Verständnis des gesamten Drüsensystems geführt
werden. So betont SCHERZ , daß sich Whartons Adenographia
zu der im Folgenden zu beschreibenden Drüsenlehre Stensens verhalte
wie die Dämmerung zum Tag.
- Umfeld
Mit seinen 100.000 Einwohnern war Leiden zur Mitte
des 17. Jahrhunderts relativ sehr viel größer als heute.
Das akademische Leben an der schon 1575 gegründeten Universität
florierte, Studenten aus ganz Europa suchten hier ihre Ausbildung zu
vervollkommnen. Die medizinische Fakultät hatte vier Professoren;
mit den beiden älteren, Adolf Vorst und Jan Anton van Linden, scheint
Stensen nicht viel in Verbindung gekommen zu sein, um so mehr dafür
mit den bereits erwähnten Johannes van Horne und Franç
ois de la Boë
, latinisiert Sylvius.
Van Horne hatte in Utrecht studiert, die Schweiz, Italien und
Frankreich bereist und in Padua und Basel zum Doktor der Medizin promoviert.
Seit 1653 lehrt er in Leiden Anatomie, Chirurgie und Botanik, verfaßt
mehrere Lehrbücher und andere Schriften wie z.B. Novus ductus
chyliferus nunc primum delineatus, eine Beschreibung des Brustlymphganges.
Sylvius, Sohn aus Frankreich ausgewanderter Hugenotten, wurde
in Hanau geboren und studierte in Leiden, Wittenberg und Jena, promovierte
1637 in Basel und praktizierte dann in Hanau und Amsterdam. 1648 zum
Professor der Medecina practica an der Universität Leiden
erhoben, erlangt er Berühmtheit durch seine Erforschung des Gehirns
(fossa Sylvii) und der Klassifikation der Drüsen in glandulae
conglobatae und conglomeratae, durch seine Tuberkeltheorie
zur Erklärung der Phthisis und besonders als hervorragender Vertreter
der neuen chymischen Medicin (Iatrochemie). Als einer der ersten,
mehr als 50 Jahre vor Boerhaave (1668-1738), führt er seine Studenten
zum Unterricht ans Krankenbett. Er gilt als Verfechter der Harvey’schen
Kreislauflehre und als kritischer Betrachter des cartesischen Systems,
von dessen Begründer er gesagt haben soll, daß dieser unter
der Mechanik nichts anderes verstünde als die Erklärungen
seiner Philosophie. François de la Boë ist im übrigen
nicht zu verwechseln, wie bei SCHERZ geschehen, mit einem anderen berühmten
Sylvius, Jacques Dubois, dem ersten Lehrer von Vesal.
1661 kommt auch Jan Swammerdam (1637-1680) zum Studium nach
Leiden, er hört mit Stensen dieselben Vorlesungen und freundet
sich hier sowohl mit ihm als auch mit seinem späteren Konkurrenten
und Feind Reinieer de Graaf an. Swammerdam, dessen gesammelte Werke
von Boerhaave postum unter dem Titel Biblia naturae veröffentlicht
wurden und der heute als einer der größten Naturforscher
des 17. Jahrhunderts überhaupt gilt, verfällt gegen Ende seines
Lebens dem schwärmerischen Mystizismus der Antoinette Bourignon
de la Porte, die in seinem Leben nichts anderes sieht als Vergnügungen
des Satans und aus deren Einfluß Stensen ihn in einem Gespräch
1674 - erfolglos - zu befreien versucht.
Regnier de Graaf (1641-1673) wird am 5. April 1663 in Leiden
immatrikuliert und bleibt für ein Jahr. 1663 veröffentlicht
er seine Schrift De succo pancreatico und erwähnt darin
auch die Entdeckung der Ductus salivales durch Stensen, amico
meo integerrimo, sowie die anderen von seinem Freund gefundenen
Drüsen in Nase und Mund. 1672, als gesuchter praktischer Arzt in
Delft, veröffentlicht er sein Hauptwerk De mulierum organis
generationi..., auf Grund dessen er heute als Erstbeschreiber der
bekannten Graaf-Eifollikel gilt. Dieser berühmte Traktat führt
zu einer scharfen Kontroverse mit Swammerdam, der die Priorität
der Entdeckung für sich zu beanspruchen sucht. In deren Verlauf
wird von beiden Seiten auch immer wieder auf die Bedeutung der Forschungen
Stensens auf diesem Gebiet hingewiesen.
Nach seiner Berufung zum Professor der Philosophie und zum Professor
extraordinarius in Botanik und Chemie an der Universität Kopenhagen
war Oluf Borch (1626-1690) auch als Dank für sein tapferes
Verhalten im Schwedenkrieg die Möglichkeit zu einer sechsjährigen
Bildungsreise gegeben. Auf seinem Weg über Amsterdam und Leiden
nach England, Frankreich und Italien trifft er auch wiederholt mit seinem
ehemaligen Schüler Stensen zusammen, mit diesem weiterhin in Freundschaft
verbunden. Er trifft Stensen in Amsterdam, Leiden und Paris, nimmt an
Sektionen und Untersuchungen teil und berichtet in Briefen an Thomas
Bartholin über die Entdeckungen des gemeinsamen Schülers.
Nach der Series lectionum zu urteilen, die vom September für
das Winterhalbjahr 1660 galt, war der Tag eines Leidener Medizinstudenten
voll besetzt. Beginnend mit einer Demonstration im Botanischen Garten
um 7 Uhr morgens setzte sich der Vormittag mit einer Vorlesung über
das Epitome anatomicum des Vesalius fort, um 9 Uhr folgte eine
mathematische Vorlesung Professor J. Golius’, um 10 Uhr eine medizinische
Vorlesung und darauf eine weitere Vorlesung über die Methoden zur
Feststellung und Heilung von Krankheiten. Am frühen Nachmittag
begannen dann die anatomischen Übungen, die sich van Horne und
Sylvius als Lehrer teilten.
Ähnlich wie in Amsterdam müssen den Studenten in Leiden beste
Arbeitsbedingungen zu ihren anatomischen Studien zur Verfügung
gestanden haben. Während im Sommer der Sektionsbetrieb im Theatrum
anatomicum ausgesetzt war, waren in den Wintermonaten zahlreiche
Möglichkeiten zu durchzuführenden Sektionen gegeben. So notiert
Borch in seinem Tagebuch, daß Stensen gleich am ersten Tag des
Jahres 1661 eine Mannesleiche sezierte, am 5., 6. und 7. Januar je einen
lebenden Hund und am 14. Januar einen schwangeren Hund, am 27. stand
die Leiche einer Frau Helene zur Verfügung, am 7. Februar die eines
Janicke Jansen, der an der Lues verstorben war, am 24. Februar erhielt
das anatomische Theater einen geköpften Mörder zur Demonstration.
- Überblick
Als Stensen im Juli 1660 in Leiden eintrifft, kommt er in dem Bewußtsein,
bei Blasius nichts als vulgares et nudas operationes Chymicas gesehen
zu haben, von dem sich anbahnenden Prioritätenstreit um den Ductus
parotideus weiß er noch nichts. Er möchte die Gelegenheit
nutzen und den berühmten Sylvius um Rat fragen, ob der Bedeutung
seiner Amsterdamer Entdeckung. Sylvius nimmt diese Frage gerne auf,
demonstriert besagten Gang auch am Menschen und van Horne benennt ihn
als Ductus stenonianus. Noch im Herbst 1660 gelingt Stensen die Darstellung
der Tränendrüse und Tränenwege, er beginnt dann die befeuchteten
inneren und äußeren Oberflächen des Körpers auf
das Vorhandensein von Drüsen hin zu untersuchen. Gegen Ende des
Jahres 1661 ist er der Überzeugung, daß alle Flüssigkeit,
sei es auf der Haut als Schweiß, sei es auf den Schleimhäuten
oder in den Körperhöhlungen, von Drüsen über Ausführungsgänge
ausgeschieden werde und diese Drüsen von Lymphgefäßen
und Lymphknoten grundsätzlich verschiedene Organe seien. Stensen
publiziert seine Ergebnisse zum großen Teil in Briefen an seinen
ehemaligen Präzeptor Bartholin in Kopenhagen, so am 22.4. 1661
die Entdeckung des Ductus parotideus, im November desselben Jahres die
ersten Erkenntnisse um Funktion und Struktur des Tränenapparates,
im Januar 1662 seine Ausführungen zum Ursprung des Schweißes
aus den Drüsen und über die Mündung des Ductus thoracicus,
dann im Mai einen Bericht über die Brustdrüsen und seine Beobachtungen
der Wirkung von Nikotinpulver auf das Auge, weiterhin im März 1663
einen Brief über die Alveolen der Lunge und zuletzt am 30.4.1663
über seine neuen Erkenntnisse zur Struktur von Skelett- und Herzmuskel.
Auf Grund einer zunehmenden Eskalation der Auseinandersetzung mit Blasius
gibt Stensen seine Entdeckung des Ductus parotideus nun auch
offiziell bekannt, zusammen mit der Beschreibung einer Reihe weiterer
bis dahin unbekannter Drüsen des Mundraumes in der Schrift Disputatio
anatomica de glandulis oris, et nuper observatis inde prodeuntibus vasis,
die er am 6. und 9. Juli unter dem Vorsitz von van Horne verteidigt.
Diese Disputation wird Stensen 1662 als Nicolai Stenonis observationes
anatomicae, quibus varia oris, oculorum, et narium vasa describuntur,
novique salivae, lacrymarum et muci fontes deteguntur, et novum nobilissimi
Bilsii de lymphae motu et usu commentum examinatur et rejicitur
erweitert um ein Antwortschreiben an Deusing, das er als Reaktion
auf dessen und Bils‘ Kritik an den Bemerkungen Stensens zur Entstehung
des Speichels verfaßt hatte, sowie weiteren Ausarbeitungen zu
den Drüsen des Auges und einem Anhang über die Drüsen
der Nase in Leiden erneut drucken lassen.
1664, schon nach der Rückkehr nach Kopenhagen, sammelt Stensen
alle von ihm in Holland gewonnenen Erkenntnisse in einer König
Friedrich III. gewidmeten Schrift, dem Nicolai Stenonis de musculis
et glandulis observationum specimen cum epistolis duabus anatomicis.
Neben einer Zusammenfassung der Entdeckungen an Drüsen und Lymphe
aus den oben erwähnten Observationes anatomicae finden sich
in diesem Aureus libellus, wie es Albrecht von Haller, die bedeutendste
Persönlichkeit der Medizin des 18. Jahrhunderts, fast 100 Jahre
später nennen wird, die Leidener Entdeckungen Stensens zur Struktur
des Herz- und Skelettmuskels. Auch sind hier noch zwei Briefe angehängt,
der eine ist an den Amsterdamer Arzt Willem Piso gerichtet, der bisweilen
an den Sektionen Stensens in Leiden teilgenommen hatte und der nun den
Bericht über die Sektion zweier Rochen im Hause Simon Paullis erhält.
Der andere Brief ist ebenfalls an einen holländischen Arzt gerichtet,
Paul Barbette, den Stensen in Leiden kennengelernt hatte und dem er
nun auf diesem Wege seine Beobachtungen des Eidotterganges zur Ernährung
des Kükens im Ei zukommen läßt.
- Drüsen und ihre Ausführungsgänge
- Ductus parotideus stenonianus
- Entdeckung in Amsterdam
Als der 22jährige Steno nach Amsterdam gekommen war, hatte
er dort zwar einen ihn unbefriedigenden Unterricht vorgefunden,
dafür aber um so bessere Möglichkeiten zu selbstausgeführten
Sektionen. Noch im ersten Monat seines Aufenthaltes gelingt ihm
die Darstellung eines Ganges, der der damaligen Anatomie gänzlich
unbekannt gewesen war. Am 22. April 1661 berichtet Stensen - nun
schon in Leiden - in einem Brief an seinen ehemaligen Lehrer Thomas
Bartholin:
Es ist ein Jahr her, seit Blasius mich als Gast aufnahm. Als
ich nun während der Serie von Vorlesungen, die er drei Wochen
nach meiner Ankunft abschloß, eine günstige Gelegenheit
sah, zu anatomischem Material zu kommen, bat ich den berühmten
Mann, mich auf eigene Hand sezieren zu lassen, was ich mir verschaffen
könnte. Kaum hatte ich die Erlaubnis erhalten, als mir das
Glück so hold war, gleich am ersten Kopf eines Schafes, den
ich mir am 7. April gekauft hatte und allein in der Studierkammer
sezierte, einen Gang zu finden, den, soviel ich weiß, noch
niemand beschrieben hat. Als ich nämlich nach Entfernung der
gewöhnlichen Hüllen eine Sektion des Hirns beabsichtigte,
kam mir der Gedanke, zuerst die Gänge zu untersuchen, welche
die Mundhöhle durchziehen. Während ich nun zu diesem Zwecke
den Verlauf der Venen und Arterien mit einer Sonde untersuchte,
fühlte ich, daß die Spitze meines Messers nicht länger
zwischen den Häuten eingeengt war, sondern sich frei in einer
geräumigen Höhlung bewegte, und ich hörte das Eisen
bald, als ich vorstieß, an die Zähne selbst klirren.
Erstaunt über diesen neuen Fund rufe ich meinen Hausherrn herbei,
um seine Meinung zu hören. Dieser schreibt den Schall zunächst
meinem Stoße zu, nahm dann Zuflucht zu einem "Spiel der Natur"
und schließlich schlägt er im Werke Whartons nach. Aber
da er auch bei ihm nichts fand, und da die nicht gerade sorgfältig
behandelten Gefäße keine weitere Untersuchung gestatteten,
beschloß ich, dieselbe Untersuchung noch einmal, aber mit
größerer Behutsamkeit anzustellen. Sie gelang ein paar
Tage später, wenn auch nicht so gut wie das erste Mal, an einem
Hundskopf. Da nun die große Ähnlichkeit des Ganges mit
dem unteren Speichelgang [ Ductus submandibularis] seine
Funktion verriet, berichtete ich im selben Monat dem ausgezeichneten
Herrn Jacob Henrik Paulli, meinem guten Freunde, daß ich einen
kleinen Speichelgang entdeckt hätte, und ich fügte eine
flüchtige Zeichnung bei. Allein da ich wußte, daß
man etwas Ähnliches bereits entdeckt hatte, und nicht ahnen
konnte, ob meine Entdeckung vielleicht schon von andern gemacht
worden war, schwieg ich, bis ich die Gelegenheit hatte, den berühmten
Sylvius über die Sache zu befragen. Als er davon gehört
hatte, beschloß er, den Gang am Menschen festzustellen; er
hat ihn verschiedene Male gefunden und vor Zuschauern demonstriert.
Hiermit war der Weg geebnet zu einem wirklichen Verständnis
der Funktion der Parotis, die noch Wharton als Organ der Aufnahme
überflüssiger Feuchtigkeit aus dem fünften Hirnnerven
und Erwärmung des Ohres und der Ohrmuschel beschrieben hatte.
Stensen wartet mit einer Veröffentlichung noch ab, getreu
einem schon im Chaos-Manuskript formulierten Grundsatz: Zeit
soll also ... auf die Untersuchung verwendet werden und eben nicht
auf die Kunst, aus Beobachtungen einzelner Dinge überstürzte
Schlüsse zu ziehen.
Die verbleibenden drei Monate in Amsterdam verbringt
Stensen mit weiteren Sektionen und den Vorarbeiten zu seiner Disputatio
physica de thermis, im Sommer 1660 verläßt er Amsterdam
und erhält nun in Leiden bei Franz de la Boë
(Sylvius) und Joan van Horne die Möglichkeit, seine Drüsenforschung
voranzutreiben.
- Der Prioritätenstreit mit
Blasius
Zu einer intensiveren Erkenntnis der Materie wird Steno nicht nur
aus Forscherdrang getrieben, auch sein Amsterdamer Gastgeber trägt
dazu bei. Da die Entdeckung des Ductus parotideus über ein Jahr
lang unveröffentlicht blieb, fühlt sich Blasius genötigt,
die Beschreibung unter eigenem Namen vorzunehmen. Aus den Briefen
Borchs an Bartholin erfahren wir, daß Blasius spätestens
ab März 1661 vorerst mündlich vorgibt, den besagte Gang
entdeckt zu haben, um dann in seiner bald nach dem 22. März 1661
herausgegebenen Schrift Medicina generalis diesen Anspruch
auch öffentlich geltend zu machen. Hier gibt Blasius im wesentlichen
eine Zusammenstellung der damals bekannten Tatsachen, wie er auch
selbst in einer Widmung an den Leser zugesteht, an gleicher Stelle
betont er jedoch, daß er auch eine eigene Neuentdeckung vorweisen
könne, und zwar die oberen Speichelwege, welche vor
einem Jahr von mir zum ersten Mal an einem Kalbskopf aufgefunden wurden,
als ich private anatomische Übungen abhielt; danach sind sie,
als sich eine passende Gelegenheit bot, vor wenigen Monaten im Leidener
Anatomischen Theater von dem jungen Nicolaus Stenonis aus Kopenhagen,
meinem tüchtigen Schüler, am Menschenkopf den Zuschauern
demonstriert worden.
Diese offensichtliche Anmaßung Blasius’, verbunden mit einem
in der weiteren Auseinandersetzung zunehmend aggressiven Umgangston,
nötigen Stensen zu einem sich über fast drei Jahre hinziehenden
Streit, in dem letztlich Stensen die Priorität der Entdeckung
zugesprochen werden wird.
Vorerst unterrichtet der Student seinen Kopenhagener Präzeptor
in dem oben zitierten Brief vom 22. April 1661 über die wahren
Begebenheiten und betont, daß er auf eine weitere Auseinandersetzung
möglicherweise verzichtet hätte, fühlte er sich nicht
durch den Stil der Angriffe persönlich tief verletzt und wäre
sein Name nicht schon öffentlich mit der Entdeckung in Verbindung
gebracht worden. In privaten Briefen wehrt er sich nicht mit vernünftigen
Argumenten, sondern mit lautem Schimpfen, und hat mich lügnerisch,
feindselig, mißgünstig, aufgeblasen von einer Gärung
aus Neid und was nicht noch alles genannt.
Freilich hatte schon Ole Borch in einem Brief vom 3. März 1661
Bartholin den Erfolg des gemeinsamen Schülers berichtet. Borch
gibt hier - soweit es quellenmäßig zu erfassen ist - die
zeitlich erste schriftliche Beschreibung des Ausführungsganges
der Ohrspeicheldrüse: Die von unserem Nicolaus Stenonis gefundenen
oberen Speichelgänge entspringen mit verschiedenen Ästchen
aus den Parotisdrüsen unter dem Jochbein, ziehen geradewegs zu
jenem Teil der Wange, der dem dritten oberen Molaren entspricht, durchbohren
dort den Musculus buccinator und ergießen sich mit dem Speichel
in den Mund; an dieser Stelle ist im Mund auf beiden Seiten eine kleine
Papille deutlich, durch die man, wenn man einen feinen Stift hineinschiebt,
geradewegs zu den Parotiden gelangt.
Auch wenn Blasius auf "seiner Entdeckung" beharrt, fällt es
Stensen nicht schwer, die tatsächlichen Verhältnisse darzulegen,
ist es doch Blasius selbst, der uns über seine Unkenntnis der
anatomischen und funktionellen Situation der Parotis und ihres Ausführungsganges
Zeugnis gibt. Dem neuen Gang spricht er auch einen neuen Ursprung
zu, im Kapitel über die Parotis findet besagter Gang keine Erwähnung.
Der Speichel ... wird in den Maxillardrüsen abgesondert und
aus diesen durch einen Speichelgang, der am Oberkiefer wie auch Unterkiefer
zu finden ist, zu den vorderen Drüsen des Mundes geleitet, damit
er dort durch die Bewegung der Zunge ausgepreßt wird.
So leitet Stensen seine Disputation über die Drüsen mit
dem Hinweis ein, daß ihn der in der Medicina generalis
geäußerte Anspruch seines ehemaligen Amsterdamer Hauswirtes,
als erster den Ductus salivaris exterior am Kalbskopf gefunden
zu haben, bei der Ausarbeitung seiner Untersuchungsergebnisse über
diesen Gang und andere Speichelgefäße überrascht habe.
Aus der Darstellung über den Verlauf des Ganges und die Funktion
der Parotis bei Blasius gehe eine derartige Unkenntnis über den
wahren Sachverhalt hervor, daß er kaum glauben könne, daß
Blasius den Gang überhaupt jemals gesehen habe. Doch wisse er
genau, daß er ihm diesen selbst gezeigt habe.
Im folgenden bedankt sich Stensen aber auch bei Blasius, da er durch
dessen vorgebliche Entdeckung am Kalbskopf selbst daraufhin mehrere
solche zur Nachprüfung seziert habe, dazu auch Hund und Rind.
Bei diesen Sektionen habe er seine Kenntnis von den Drüsen des
Kopfes wesentlich erweitern können und sei jetzt in der Lage,
Beobachtungen über Drüsen unter den Ohren, in der Wangenregion,
unter der Zunge und am Gaumen mitzuteilen. Aus diesen Worten spricht
wohl nicht nur die Ironie, wie ZIBROWIUS meint, sondern auch das Vertrauen
auf die Sinnerfülltheit alles Geschehens, gutens wie schlechtens,
das Steno schon in seiner Kopenhagener Studentenzeit formuliert hatte:
Möge ich mich niemals verwirren lassen durch Schlechtes, das
mir oder meinen Freunden angetan wird, und möge mich niemals
ein Unglück der Meinen betrüben! Gott sieht alles, und er
sieht alles voraus, und alles was wir durchgehen, kommt von ihm und
zum Ruhm seines Namens.
Um den Befürchtungen NOLTES entgegenzuwirken und nicht einer
beschönigenden Hagiographie zu verfallen, soll noch folgendes
Zitat aus der 1664 herausgegebenen, erweiterten Auflage der De
glandulis oris...observationes angeführt werden, in der Stensen
gewissermaßen einen Schlußstrich unter den Streit mit
Blasius zieht und beweist, daß er sehr wohl der, auch beißenden,
Ironie fähig ist: Worin dieser Gang sich von dem des Blasius
unterscheidet, den außer seinem Entdecker wohl nur noch die
Mondbewohner und jene Geschöpf, die durch Epikurs Zwischenwelträume
kriechen, kennen mögen, habe ich im "Apologiae Prodromus" vor
einem Jahr recht klar dargelegt. Den Apologiae prodromus, quo
demonstratur, judicem Blasianum et rei anatomicae imperitum esse,
et affectum suorum servum hatte Stensen 1663 in Leiden verfaßt,
als Reaktion auf eine auf Veranlassung Blasius’ hin von dem jungen
Utrechter Medizinprofessor Nicolaus Hoboken (1632-1678) im November
1662 herausgegebene Schrift, Der neue Ductus salivaris Blasianus.
In dieser Publikation versucht Hoboken an Hand eidesstattlicher Erklärungen
dreier Schüler Blasius’ darzulegen, daß Blasius den besagten
Gang schon 1659 entdeckt und dann auch wenige Monate vor Eintreffen
des betrügerischen Entdeckers demonstriert und schließlich
diesem selber gezeigt hätte. In seiner kurzgefaßten Antwort
versucht Stensen, nach einer Aufzählung der ihm von seinem Kontrahenten
zugedachten Beleidigungen, wie Diebstahl, Undankbarkeit, Ungerechtigkeit,
schlechte Erziehung, Aufschneiderei, Untreue, mangelndem Anstand,
Lüge, Falschheit, Betrug, Streitsucht, Bosheit, Anmaßung,
Verkommenheit, Dreistigkeit, Unwahrhaftigkeit, Schamlosigkeit, Dummheit
und Ruchlosigkeit, in einer neuerlichen Darlegung der Tatsachen
an die Vernunft des Lesers zu appellieren.
Es bleibt zu erwähnen, daß, auch auf die Vermittlung Bartholins
hin, der Streit noch im Laufe des Jahres 1663 weitgehend beigelegt
wird und - wie Hoboken berichtet - Blasius seinen Schüler Stensen
auch wieder in seinem Haus empfangen habe.
Die endgültige akademische Anerkennung der Entdeckung des Ausführungsganges
der Ohrspeicheldrüse durch Niels Stensen erfolgt im Jahre 1664,
indem die Medizinische Fakultät der Universität Leiden den
Dänen in Abwesenheit, vor allem im Hinblick auf seine erste Disputation
Über die Drüsen des Mundes... vom Juli 1661, mit
dem Doktordiplom ehrt.
- Über die Drüsen des Mundes
Im Juli 1661, fast ein Jahr nach seiner Ankunft in Leiden, ist Stensen
nun in der Lage, seine bisherigen Entdeckungen an Drüsen und
Lymphe in einem Sammelband zusammenzufassen und als Promotionsarbeit
unter dem Vorsitz von van Horne zu verteidigen. Seine Anatomische
Disputation über die Drüsen des Mundes und der bisher unbekannten
von diesen hervorgehenden Speichelgänge ist in 55 fortlaufend
numerierte Artikel gegliedert, die sich inhaltlich in vier Abschnitte
teilen lassen. So widmen sich nach einem kurzen Vorwort und einer
Einführung in den Artikeln 1 – 5 die Paragraphen 6 – 16 der rein
anatomischen Deskription von Drüsenkörpern und Lymphknoten
im Kopf- und Halsbereich, Artikel 17 – 21 leiten mit einer Darstellung
der jeweiligen Drüsenausführungsgänge zu den die physiologischen
Funktion des Lymph- und Drüsengewebes behandelnden Artikeln 22
– 55 über.
Seine Disputation beginnt Stensen im Vorwort mit einem Lob auf die
Kraft des menschlichen Geistes. Diese von Gott dem Menschen zugestandene
Kraft verdiene die höchste Bewunderung, sei es ihr doch möglich,
wann immer es ihr gefalle, sich die Abbilder der mit den Sinnen
wahrgenommenen Dinge zu vergegenwärtigen und die abwesenden Dinge
zu betrachten, als ob sie vor ihr selbst gegenwärtig wären,
und sie alle Teile in diesem Bild in ebenderselben Form, Größe,
Farbe und Stellung sieht und zwar noch um vieles besser, als wenn
sie von Protogenes gezeichnet wären, dessen einfachste Versuche
schon mit der Wahrheit der Natur wetteiferten.
In den Artikeln 1 – 5 stellt er dann die Größe und Vollkommenheit
der ganzen Schöpfung heraus und betont die Notwendigkeit zu ihrer
genauen Untersuchung. Die Lebewesen seien das Meisterwerk eines
weisen und liebenden Schöpfers, und nichts an ihnen sei ohne
Sinn geschaffen. Es sei deshalb nicht zu verstehen, daß einige
berühmte Männer vermeintlich weniger wichtige oder gar unnütze
Körpergewebe wie eben das Drüsengewebe mit solcher Verachtung
bedächten, daß sie sich nicht einmal die Zeit zu deren
Untersuchung nähmen. Und dies obwohl die Drüsen doch mit
Krankheiten wie Angina, Scrofula, Parotitis, Bubonen und anderen Übeln
häufig das Leben bedrohten; deshalb sei die eingehendere Untersuchung
derselben sowohl zum umfassenderen Verständnis des gesamten Körperbaus
förderlich als auch notwendig, um Mittel zur Heilung und Versorgung
zu erhalten.
Die Artikel 6, 7 und 8 widmen sich dann der Beschreibung des Ductus
salivalis exterior, Stensen führt erneut dessen genauen Verlauf
und Ursprung aus der Ohrspeicheldrüse an, kritisiert Blasius
und dessen Darstellung der Verhältnisse, betont und beweist seine
Priorität der Entdeckung. Von alters her waren alle Schwellungen
und Tumoren im Ohrbereich als parotide bezeichnet worden, da
die Ohrspeicheldrüse selbst noch nicht benannt worden war, schlägt
Stensen den Namen parotis vor, ergänzt durch das Wort
conglomerata für den sezernierenden Teil und conglobata
für den mit der Drüse assoziierten lymphatischen Teil.
Im folgenden weitet Stensen sein Blickfeld auch auf die anderen Drüsen
der Mundregion: Denn neben den von Wharton beschriebenen maxillären
und tonsillären Drüsen habe ich auch andere beobachtet,
unter den Ohren, in der Wangenregion, unter der Zunge, am Gaumen:
und diesen ist allen gleich, daß das Fleisch der Drüsen
aus durch Membranen verbundenen Fragmenten zusammengesetzt ist, aus
Anhäufungen von Fasern, Nerven und Gefäßen und zwar
so, daß sie alle zu der Art gehören, die der Celeb. Vir
Sylvius conglomerate genannt hat. Obwohl sie verschiedene Farben
aufweisen würden, gehörten sie doch alle von Struktur und
Ausführungsgängen her zu einer gemeinsamen Gruppe von Drüsen,
die sich von den nach Sylvius conglobaten (also Lymphknoten)
grundsätzlich unterscheiden würden. Während nämlich
die Ausführungsgänge der letzteren all ihre Flüssigkeit
in die Venen zurückführen würden, entleerten jene,
welche aus den conglomeraten hervorgehen, ihren Inhalt in die
untersuchbaren Körperhöhlen wie Augen, Nase, Mund und Dünndarm.
Hervorzuheben sind auch die Artikeln 11 – 14, in denen Stensen eine
anatomisch exakte Beschreibung der Parotis am Kalb gibt und hierbei
sowohl ihre Oberflächenstruktur, Lage, Gefäß- und
Nervenversorgung, Ausführungsgang, Gewicht und zuletzt auch Verlauf
und in der Drüse gelegenen Plexus des Nervus facialis berücksichtigt.
An Hand einer Kritik an den beiden Größen der Drüsenlehre
seiner Zeit, Wharton und Blasius, leitet Stensen nun über zu
dem mehr physiologisch und funktionell geprägten letzten und
größten Teil seiner Arbeit, der nach MOE auf Grund seiner
bahnbrechenden Erkenntnisse zu den tatsächlich sezernierenden
Drüsen epochemachend und auf Grund der Bemerkungen zum lymphatischen
System wesentlich zur Erkenntnis desselben als Organentität beitragend
war.
Nachdem nun die Untersuchung jener Gewebe beschrieben ist, bleibt
es, sich deren Nutzen zu widmen. Von Warthon werden den Drüsen
folgende drei Aufgaben zugeschrieben: 1. Einen beträchtlichen
Teil der überflüssigen Feuchtigkeit aus dem 5. Hirnnerven
aufzunehmen, 2. das Ohr und die Ohrmuschel zu wärmen, 3. die
Grube nahe dem Ohr auszufüllen und zu begradigen. Aber es ist
kein Wunder, daß der Clarissimo Vir nichts des von ihm Behaupteten
beobachtet hat, da nun einmal außer den Gefäßen und
den übrigen gemeinsamen Teilen dort nichts ist, wie aus den am
Anfang vorangestellten Paragraphen ersichtlich ist.
Auch was Blasius in seiner Medecina generalis zu Verlauf und
Funktion des Parotis und ihres Ausführungsganges anführe,
entbehre jeder mit den Sinnen zu erfassenden Grundlage, in Wirklichkeit
sei es die wahre Aufgabe der Parotis conglomerata, jenen Speichel
zu produzieren, der durch den äußeren Speichelgang in die
äußere Mundhöhle ausgeschieden wird ...
Ausführungsgänge mit Mündung in der Mundhöhle
würden sich aber nicht nur bei der Parotis finden: die Wangendrüsen
umgeben die Mundhöhle von überall, indem sie die ganze
Wangenregion außen besetzen, aus dickeren und dünneren
diesen Drüsen entspringenden Gängen hätte er Speichelflüssigkeit
auspressen können; weiterhin hätten sich ihm auch die glandulae
sublinguales gezeigt, die am lateralen Zungenrand gelegen wären
und deren Ausführungsgänge nicht kürzer, aber enger
als die der Wangendrüsen wären, wie auch die Palatinas,
die er am 27. Mai bei der Entfernung der Tonsillen aus einem Rinderschädel
entdeckt hätte, als er plötzlich die Flüssigkeit strömen
gesehen und nachdem er den Gaumen mit dem Finger leicht gedrückt
hatte, zahllose kleine Flüssigkeitsperlen gefunden habe. Zuletzt
haben sich mir noch die Palatinas gezeigt ... aus denen zahllose Gänge
hervorgehen, die die selbe Membran durchbrechend, so fast ein Sieb
aus ihr formen.
Bis hierher haben wir an der Untersuchung der Munddrüsen
gesehen, daß deren wahre Aufgabe nicht das ist, was ihnen viele
zuschreiben. Nun, da nämlich die ihnen zugehörigen Gänge
entdeckt sind, kann niemand daran zweifeln, daß es ihre Aufgabe
sei, die Flüssigkeit zu produzieren, die sich stetig in der Mundhöhle
findet. Damit aber eine Befeuchtung der oberen wie der unteren und
der inneren wie der äußeren Teile der Mundhöhle gewährleistet
ist, gibt es zahlreiche Gänge, um die Flüssigkeit überall
gleichmäßig zu verteilen und falls es notwendig ist, den
Speichel auch reichlicher zu sezernieren. Deshalb sei es auch
nicht mehr nötig, den vermehrten Speichelfluß, wie er sich
bei bestimmten chronischen Krankheiten finde oder wie er auch durch
den Gebrauch von Entzündungsmitteln provoziert werde, durch verborgene
Wege zu erklären, da er von hier abgeleitet werden könne.
Nach einem Exkurs zu Entzündungen der Speicheldrüsen mit
einem Hinweis, daß der in den geschwollenen Drüsen sich
bildende Eiter wohl auch über die Ausführungsgänge
abgeleitet werden könnte, kehrt Stensen zu der Frage nach der
Bildung des Speichels zurück. Groß aber erscheint der
Zweifel über den Ursprung der die Mundhöhle befeuchtenden
Flüssigkeit. Einige meinten, er würde aus dem Gehirn
auf verborgenen Wegen in die Mundhöhle geleitet, andere wollten
ihn den Nerven oder dem Ductus roriferus entstammen sehen.
Im Moment können wir soviel anführen, daß wir erklären,
daß das arteriöse Blut für diese Aufgabe geeignet
zu sein scheint. Die Nerven aber, anderen Aufgaben gewidmet, sind
den Drüsen nicht umsonst beigegeben. Der Lymphe oder dem Saft
des Roriferus kann ich aber wahrlich jene Aufgabe nicht zugestehen,
ohne jede Vernunft und Erfahrung zu widerrufen. Wie er aber schon
früher eingestanden habe, könne er über die Flüssigkeit
selbst Weniges so sicher sagen, als daß sie der genaueren Untersuchung
durch einen Chemiker bedürfe.
Ob aber aller Speichel von derselben Art ist, erscheint zweifelhaft,
da er ja nicht ganz an einem Ort gebildet wird. Wenn man den
Bau der Drüsen und der zuführenden wie abführenden
Gefäße betrachtet, erkennt man keinen Unterschied.
Sie sind nämlich alle conglomeratae, und in allen findet
man Gefäße von derselben Art; dennoch lassen sich drei
Unterschiede finden: 1. Die Farbe, die nicht in allen Drüsen
immer gleich ist; zuweilen sind sie rot, wie die Parotiden und die
im unteren Teil der Wange gelegenen, die oberen Tonsillen, Gaumen-
und Sublingualdrüsen sind eher gelblich, die Maxillaris inferior
wie die übrigen sind bleich. 2. Die Anordnung der Gänge,
wobei sich bei Drüsen wie der Maxillaris inferior und jenen,
welche sich unter dem Ohr finden, genaugenommen nur ein einziger findet.
Bei anderen sind es jedoch mehrere, und diese sind entweder kurz,
wie bei den Drüsen des Gaumens, der Wangen und den Tonsillen,
oder sie sind länger, wie in den sublingualen oder unteren Wangendrüsen.
3. Die Zusammensetzung der Flüssigkeit, die sich in den längeren
Gefäßen weniger und in den kürzeren Gefäßen
mehr viskös findet.
Aus dem Mund entnommener Speichel sei etwas weniger farblos und klar
als Wasser, viskös und klebrig, beim Gesunden ohne Geschmack
und Geruch. Stensen habe selbst versucht, eine speichel-ähnliche
Flüssigkeit aus verschiedenen Grundsubstanzen zu mischen, nach
seinen Versuchen könne er dem berühmten Sylvius, der
in der chemischen Untersuchung der Körperflüssigkeiten eben
so sehr gewandt wäre, wie in der anatomischen Untersuchung des
Körpers nur zustimmen, wenn jener behaupte, in saliva
wäre viel Wasser, ein wenig spiritus volatilis, und eine
Prise sal lixiviosus enthalten, alles vermischt mit einer Spur
oleo und spirito acido.
Nachdem nun sowohl die Drüsen als auch der Speichel untersucht
worden seien, bleibe es den Wegen nachzuspüren, auf denen die
Grundsubstanzen des Speichels zu den Drüsen herangebracht würden.
Um dies zu erleichtern, wollen wir uns alle Teile, die mit den
Drüsen in Verbindung stehen [Arterien, Venen, Nerven, Lymphgefäße]
einzeln vornehmen und die Flüssigkeiten [Lymphe, Blut] und
Organe [Herz, Gehirn, Lymphknoten] von denen sie entweder
etwas empfangen oder an die sie etwas abgeben untersuchen, um ihnen
so den jeweiligen Nutzen zuordnen zu können.
Da die Drüsen sowohl von Venen als auch Arterien versorgt würden,
bestände für jeden, dem das Prinzip des Blutkreislaufes
bekannt wäre, keinerlei Zweifel, daß sie etwas vom Herzen
empfangen und auch wieder an dieses zurücksenden würden.
Verschiedene Autoren hätten gezeigt, daß sich alle Bestandteile,
die sich in den Geweben finden würden, auch im Blut nachweisen
ließen. Da nun aber dieses Blut, das alle Grundbausteine in
sich enthalte, alle Gewebe versorge und da der Chylus, der sich aus
den Nahrungsmitteln bilde, diese alles ernährende Mischung beständig
erneuere, scheine nichts der Annahme entgegenzustehen, daß die
Gewebe alles was sie zu ihrer Ernährung und zur Produktion der
jeweiligen Sekrete bräuchten, dem Blut entnehmen könnten.
Manche würden dagegen einwenden, daß sich Blutgefäße
nicht in allen Geweben finden ließen. Die Geschichte der Anatomie
hätte aber gezeigt, daß der Schluß, alles, was weder
ich noch andere gesehen hätten, existiere nicht, gänzlich
unzulässig sei. Wenn schon große Strukturen wie die Drüsen
übersehen worden wären, wen würde es wundern, daß
man die kleinen Gefäße nicht immer entdeckt hätte?
Bei genauerer Untersuchung könnte man auch überall Blutgefäße
finden, in Gehirn und Rückenmark ebenso wie in der Membran um
den Ductus salivalis exterior und zwischen den Funikeln des
V. Hirnnerven. Und wie sollte man das Vorhandensein von Blutgefäßen
in anderen Geweben leugnen, wenn diese selbst aus der strahlend weißen
Haut des Auges hervortreten, wie man es bei Entzündungen beobachten
kann?
Aus der Farbe alleine ließe sich also nicht, wie behauptet
worden sei, schließen, ob ein Gewebe nun von Blut versorgt worden
würde oder nicht. Nach einer Diskussion über die Flüchtigkeit
der ernährenden Substanzen im Blut und Gedanken zur Flußrichtung
von Chylus und Lymphe schließt Stensen seine Betrachtungen zu
den die Drüsen versorgenden Blutgefäßen in Artikel
38: Und so läßt sich aus dem vorher Gesagten leicht
ableiten, daß die Arterien die Drüsen außer mit Wärme
auch mit Nährstoffen und Grundstoffen des Speichels versorgen.
In Artikel 39 wendet sich Stensen nun den die Drüsen versorgenden
Nerven zu: Warum sie aber Nerven von dort [dem Gehirn] empfangen,
erscheint zweifelhaft, da man in jenen [den Drüsen] bis jetzt
weder Gefühl noch Bewegung festgestellt hat. Aber auch wenn
noch niemand eine Bewegung wirklich beobachtet hätte, gäbe
es doch Effekte, die auf eine solche rückschließen lassen
würden. Weshalb sollte denn Speichel reichlicher in den Mund
fließen, wenn willkommene und wohlschmeckende Speisen dargeboten
würden, wenn sich die Drüsen nicht bewegen würden.
Wenn die Ursache der vermehrten Sekretion alleine in einer vermehrten
Bereitstellung von Blut durch das Herzen begründet wäre,
müßten doch auch andere Drüsen wie die Tränendrüsen
eine erhöhte Sekretionsrate zeigen. Da der Effekt auf die Speicheldrüsen
beschränkt bleibe, müsse sich also auch eine lokalisierte
Ursache finden lassen. Da aber dieser Speichelausfluß auf
seelische Erregung hin erfolgt, ist offensichtlich, daß die
durch die Nerven einströmenden spiritus animales die Gefäße
der Drüsen auf solche Weise beeinflussen, daß durch die
Ausführungsgängen eine vermehrte Sekretion erfolgt.
Stensen vermutet diesen Gefäßeffekt in einer zeitlich begrenzten
Kontraktion der venösen Gefäße, wobei das so entstandene
mechanische Hindernis einen vermehrten Austritt von wäßrigen
Elementen aus dem Blut bewirken könnte.
Als drittes und letztes zu untersuchendes Organsystem blieben nun
die Lymphdrüsen. Auf Grund seiner Untersuchungen an den Lymphgefäßen
und –klappen sei Stensen sich sicher, daß die Bewegung der Lymphe
von der Peripherie auf das Herz hin erfolge. Die Erfahrung habe gezeigt,
daß die Lymphe von der Peripherie über die jeweiligen vorgeschalteten
Lymphknoten zu den Sammellymphknoten fließe und von dort dann
über die axillären und jugulären Lymphknotenstationen
mit dem Blut aus der oberen Körperhälfte vermischt zum Herzen
zurückkehre. Hier nun sehe ich den wohlbekannten Bilsius Widerspruch
einlegen... Der schon oben erwähnte Lodewijk de Bils hatte
sich mit seinen Ansichten zu Aufgabe und Flußrichtung von Chylus
und Lymphe in polemischer Weise gegen praktisch alle gelehrten Anatomen
des Jahrhunderts gewandt. Stensen, den wohl auch die persönlichen
Angriffe gegen seinen verehrten Präzeptor Bartholin erregen,
bezieht in ganzen zehn Artikeln Stellung zu Bils hypothetischen Aussagen
über die Lymphe, die aus der Cysterna Chylii entspringend sich
durch Ductus thoracicus und Lymphwege über den ganzen Körper
verteilen würde und gerade die Aufgaben übernähme,
die Stensen richtigerweise dem Blut zugeschrieben hatte: die Ernährung
der Gewebe und die Bereitstellung der wäßrigen Grundsubstanz
der Sekrete. Gegenüber dem Middelburger Arzt und Bils-Anhänger
Anton Everaerts (gest. 1679), der wie Bils behauptet hatte, die Lymphe
würde unter anderem auch direkt zu den mammae geleitet,
um dort als Milch abgesondert zu werden, erklärt Stensen an Hand
der ausführlichen Sektionsbeschreibung eines schwangeren Hundes,
daß auch die mammae zu den konglomeraten Drüsen
gehörten und die Milch auf die gleiche Weise sezerniert werde,
wie er an den Drüsen des Mundes gezeigt habe. Es sind diese sehr
ausführlichen und klaren Darlegungen zu Bils anatomischen System,
die den ebenfalls schon erwähnten Anton Deusing gleich nach der
Veröffentlichung der Disputatio zur Abfassung seines Vindicae
hepatis redivivi veranlassen. Auf die sich daran anschließende
schriftliche Auseinandersetzung zwischen Stensen und Deusing, die
der erweiterten Auflage der Disputation aus dem Jahr 1662 als Anhang
angefügt ist, kann hier nicht weiter eingegangen werden. Es sei
nur erwähnt, daß Stensens praktisch fehlerfreie Darstellung
der tatsächlichen anatomischen und physiologischen Situation
Deusing und Bils rückhaltlos in ihre Schranken verweisen.
Mit Artikel 55 beschließt Stensen seine Abhandlung über
die Drüsen des Mundes:
Und so fasse ich zusammen: Das Sekret der Drüsen des Mundes
wird vom arteriösen Blut abgesondert und unter dem Einfluß
der spiritus animales auf die Drüsen und benachbarten Muskeln
durch die Ausführungsgänge in den Mund ausgestoßen,
um dort den Speichel zu bilden. Die runden oder conglobaten Drüsen
aber, die in der Umgebung der vorher genannten gefunden werden können,
leiten die von den weiter peripher gelegenen Geweben empfangene Lymphe
in die Venen zurück, wo sie mit dem zum Herzen zurückfließenden
Blut vermischt wird.
- Tränenapparat und Drüsen der Nasenhöhle
Bald nach der Verteidigung seiner Disputation über die Drüsen
des Mundes bricht Stensen mit Borch und einigen weiteren Freunden
zu einer Ferienreise durch Nordholland auf. Nach der Rückkehr
am 15. August 1661 beginnt Stensen seine Untersuchungen an den Schleimhäuten
der Augen und Nasenhöhle. In einem Brief vom September 1661 an
Bartholin, Variae in oculis et naso observationes novae, erwähnt
Steno nur kurz neue Entdeckungen am Tränenapparat und verweist
auf das baldige Erscheinen einer Schrift über die Drüsen
des Auges. In den im Winter 1661/62 verfaßten De Glandulis
oculorum novisque earundem vasis observationes anatomicae... beschreibt
Stensen dann anatomische Beschaffenheit und Funktion des Tränenapparates.
Eine Zusammenfassung der De Glandulis oculorum... veröffentlicht
Steno im Frühjahr 1662 in den aus vier Teilen bestehenden Observationes
anatomicae:
Neben der um zwei Artikel über den Verlauf der Lymphbahnen und
ihr Einmünden in das Venensystem erweiterten Disputation über
die Drüsen des Mundes samt einer Antwort auf Deusings Kritik
an Bartholin und Stensen fügt Steno hier auch einen Appendix
de narium vasis an.
Wenn Stensen in seiner Arbeit über die Drüsen der Augen
von "neuen" Entdeckungen spricht, so schränkt er im Vorwort erklärend
ein: Sie hätten natürlich schon immer existiert und wären
möglicherweise auch schon von anderen erkannt worden, nur wären
sie eben für ihn neu gewesen. Im 17. Jahrhundert herrschte ja
über Sekretion, Nutzen und Abfluß der Tränen weitgehende
Unklarheit. Zwar war die eigentliche, im lateralen Augenwinkel gelegene
Tränendrüse als glandula innominata bekannt, man
hielt sie aber für zu klein, um die Tränenflut hervorzubringen.
Auch die im medialen Augenwinkel befindliche Caruncula lacrimalis,
damals oft fälschlich Glandula lacrimalis genannt, war
beschrieben, eine Funktion konnte ihr aber nicht zugeordnet werden.
In der Adenographia hatte Wharton die verbreitete Ansicht vertreten,
daß die Tränen bei Gemütsbewegungen vom Gehirn über
die hohl gedachten Nerven ausgepreßt würden, Descartes
erklärte die Entstehung derselben mit der Größe des
Sehnerven, aus dem die im Nervensystem zirkulierenden dampfartigen
Spiritus animales vermehrt austreten würden, und Lodewijk
de Bils wollte sie als Absonderungen einer wäßrigen Lymphe,
die letztlich direkt dem Ductus roriferus (=thoracicus) entstamme,
sehen.
Stensens Anatomische Beobachtungen an den Drüsen des Auges...
sind nicht nur deshalb von Interesse, da er hier eine sorgfältige
Beschreibung des ganzen Tränenapparates gibt und den einzelnen
Teilen auch die jeweils richtige Funktion zuordnet, sondern auch,
weil sich in diesen - keineswegs fehlerfreien - Ausarbeitungen in
besonderer Klarheit Stenos Denk- und Arbeitsweise zeigt: seine Beeinflussung
durch das mechanistische Weltbild der Zeit, die klare Argumentation,
die sich an den den Sinnen erfaßbaren Fakten orientiert, der
offene Verstand, der über den Einzelheiten nicht den Blick für
das Ganze verliert, der tiefe Glaube, der alles auf Gott hinordnet
und in allem die Schönheit seiner Schöpfung sieht, ohne
den Schöpfer jedoch als Erklärung für das Noch-Nicht-Verstandene
zu mißbrauchen. Aus diesem Grund seien Stensens Ausführungen
über die Drüsen der Augen hier in der Übersetzung von
SCHERZ in weiten Zügen wiedergegeben:
Was die Praxis und möglicherweise auch die Beobachtung an Tieren
die Mechaniker gelehrt hat, daß man nämlich um eine Bewegung
zu erleichtern , die Dinge, welche man bewegen will, mit einer fetten
Flüssigkeit schmieren muß, an das hat sich der genialste
aller Mechaniker vom Anfang an bei der Schöpfung der Tiere aufs
vollkommenste gehalten. Die Mechaniker haben beobachtet, daß
die Arbeit viel leichter vor sich geht, wenn man zwischen den zu bewegenden
Gegenstand und dem festen, auf dem die Bewegung stattfinden soll,
ein Drittes, leichter Bewegliches einschaltet. Sie erleichtern die
Umdrehung, indem sie die Achse, um welche das Rad sich dreht, mit
einer recht fetten Flüssigkeit einschmieren, wie man auch ein
Schiff mit untergelegten Rollen zum Meer hinausschiebt...
Am selbstbewegten Körper der Tiere aber geschieht dies alles
viel kunstfertiger, oder besser gesagt göttlicher. Hier verraten
nämlich sowohl die verwendete Flüssigkeit, wie auch die
Art und Weise ihrer Produktion eine viel größere Kunst.
Die Teile sind so angeordnet, daß die in der Umgebung in einer
Art Vorratskammer untergebrachte Flüssigkeit spärlicher
oder reichlicher ausgepresst wird, je nachdem man sie mehr oder weniger
nötig hat, und ohne dass es uns zum Bewusstsein kommt; und wenn
sie ihre Aufgabe erfüllt hat, wird sie auf eigenen Wegen weggeführt.
So werden die Bewegungen der Mundorgane vom Speichel, der einströmt,
gefördert. So wird das Schlucken durch eine schlüpfrige
Flüssigkeit erleichtert, welche der zu schluckende Gegenstand
selbst aus den Drüsen, die sich in der Schleimhaut ausbreiten,
presst. Zu demselben Zweck ist der ganze Darmkanal auf seiner Innenseite
mit zähem Schleim bedeckt, und aus demselben Grund findet sich
in den meisten anderen Teilen unseres Körpers eine geeignete
Menge einer bestimmten Flüssigkeit.
Am schönsten sieht man das an den Augen. Denn hier kann man
besondere Kanäle beobachten, die Flüssigkeit zuführen,
welche die Bewegung der Augenlider erleichtert, andere, welche die
Flüssigkeit von dort wegführen. Da ich überzeugt bin,
daß man dies noch nicht beobachtet hat (ich bin nämlich
der Ansicht, daß die zuleitenden Kanäle noch nicht beschrieben
worden sind, und wenn auch die wegführenden einen allen bekannten
Anfang haben, ist doch aus den Schriften der großen Anatomen
dieses Jahrhunderts ersichtlich, daß ihre Fortsetzung ihnen
nicht bekannt war), habe ich mir vorgenommen, sie nun mit den Drüsen
zusammen zu beschreiben, wie ich sie an verschiedenen Tieren, vor
allem an Kälbern beobachtet habe.
Es gibt zwei Gruppen von Drüsen, welche die Innenfläche
der Augenlider befeuchten. Die eine wird von dem bekannten Wharton
lacrymalis genannt, die andere innominata. Beide sind
konglomerat. Die konglomeraten Drüsen scheinen die Aufgabe zu
haben, eine besondere Flüssigkeit zu bereiten, welche durch Ausführungsgänge
ausgeschieden wird. Das hatte man früher nur am pancreas
und an der maxillaris inferior beobachtet, man kennt es jetzt
auch bei anderen Drüsen.
Die eine Augendrüse, die man innominata nennt, liegt
im oberen Teil des äußeren Augenwinkels und ist an dieser
Stelle groß und fast rund zu sehen. Von dort biegt sie zum unteren
Teil der Augenhöhle um und wird nach und nach dünner und
zipfelförmig. Ihr vorderster Teil bietet durch Zwischenräume
zwischen den Läppchen, in die sie auf elegante Weise unterteilt
ist, freien Auslauf für die Kanäle, die aus der Drüse
austreten und die von ihr abgesonderte Flüssigkeit wegführen.
Indem sie dann innerhalb der inneren Schleimhaut des Augenlides nach
vorne laufen, durchbohren sie dieselbe mit kleinen Löchern kurz
vor den Augenwimpern. Die Ausmündungen der genannten Gänge
kann man leicht sehen, wenn man das Augenlid im äußeren
Augenwinkel ein wenig anspannt, nachdem man es umgewendet hat. Sie
werden dann sofort etwa einen halben Daumen breit vor dem äußeren
Rand des Augenlides sichtbar, drei am Augenwinkel selbst, vier unterhalb,
sechs oberhalb, manchmal sieben. Man kann durch sie ohne einen Schnitt
zu machen ein Haar einführen, das leicht bis in die Drüse
selbst vordringt. Diese Kanäle fand ich vor einem Jahr, als ich
am 11. November das Augenlid eines Schafauges, das aus der Augenhöhle
herausgenommen worden war, vor eine Kerze hielt, um zu untersuchen,
ob es durchsichtig sei. Da verrieten sich die kleinen Ströme
glänzender Flüssigkeit sofort.
Die andere Drüse, die lacrymalis genannt wird, ist
beim Kalb länglich und liegt im inneren oder größeren
Augenwinkel verborgen. Außer Blutgefäßen und Nerven,
wie sie alle Drüsen besitzen, weist sie einen besonderen Knorpel
auf und ist außerdem mit zwei Kanälen ausgestattet, welche
die Flüssigkeit ableiten. Der Knorpel besteht aus zwei Teilen.
Der eine, der jedem auffällt, welcher ein Kalbsauge betrachtet,
ist dünner, breit und halbrund und sieht fast wie eine Membran
aus. Ja er ist eine Membran, die mit einem dicken Rand versehen ist.
Derselbe ist auf dem Teil, welcher das Auge berührt, glatt, auf
dem davon abgewendeten Teil uneben, mit ziemlich stumpfen Einschnitten.
Der andere wirklich knorpelige Teil ist dicker, weiß und kleiner.
Er bildet die Fortsetzung des mittleren Randes. Dann nimmt er nach
und nach an Umfang zu und verläuft zwischen der Drüse und
dem Auge, wo er, nachdem er kleiner geworden, etwa in der Mitte der
Drüse endet. Zwei abführende Kanäle entspringen in
der Drüse, indem sie zu beiden Seiten des Knorpels aufsteigen
und sich dort öffnen, wo dieser nach oben kleiner wird, zwischen
Knorpel und Auge, mit Mündungen, die nicht durch eine Papille
erkennbar sind, sondern nur durch eine Öffnung, weshalb ich auf
sie erst aufmerksam wurde, als ich heuer am 19. Juni ein Auge herausnehmen
wollte.
Die Tränenpunkte, wie ich sie am Schaf, Kalb und Hund beobachtet
habe, sind paarweise in jedem Auge am großen Augenwinkel sichtbar.
Wenn man bis zu dem den Knochen aushöhlenden foramen lacrimale
vordringt, sieht man sie sich in einem einzigen Stamm vereinigen.
Wenn dieser den knöchernen Kanal passiert hat, endet er nach
vorne, zur inneren Seite des übrigen Knochens umbiegend, nicht
weit vom äußersten Teil der Nase mit einer einfachen, aber
recht deutlichen Öffnung.
Obgleich ich die erwähnten Kanäle nur an Tieren gesehen
habe, zweifle ich nicht daran, daß sie sich auch am Menschen
finden, denn auch beim Menschen beobachtet man hier ähnliche
Drüsen, die an entsprechender Stelle liegen. Da die Flüssigkeit
unter den Augenlidern keine andere ist, muß man Kanäle
ähnlicher Art annehmen. Ähnlich verhält es sich auch
mit den bei Mensch und Tier gut sichtbaren Tränenpunkten. Sie
sind ein hinreichender Beweis dafür, daß eine Fortsetzung
sich auch beim Menschen finden muß.
Die aus den Drüsen und ihren Ausführungsgängen
ausströmende Flüssigkeit, die man zwischen den Augenlidern
und dem Augapfel beobachten kann, fließt durch die Tränenpunkte
in die Nase hinab. Sie wird bald nur spärlich abgesondert und
wird nur von wenigen beobachtet, bald kann sie heftiger strömen,
worauf dann Tränen auftreten. Was alles von verschiedenen Untersuchern
über ihren Ursprung gesagt wurde, ist jedermann bekannt. Es ist
dies auch ein Beweis dafür, und nicht der schlechteste, wie wenig
scharfsinnigste Verstandeskraft vermag, wenn sie sich nicht hinreichend
auf Versuche stützt. Was haben die verschiedensten Gelehrten
nicht darüber gedacht! Einige machen einen Unterschied zwischen
der Tränenflüssigkeit und der mehr spärlich rinnenden
Flüssigkeit und schrieben jeder einen verschiedenen Ursprung
zu. So meint Plater, daß letztere aus den Venen des Auges ausgeschwitzt
werde, während die Tränen vom Gehirn kämen. Aber auch
diejenigen, welche die Tränen auf das Gehirn zurückführen,
sind sich untereinander nicht einig. Einige, die an einen Ursprung
aus dem Gehirn denken, sind sich über die Wege uneinig. Sie haben
sich entweder Wege nach vorne in der Nasenhöhle ausgedacht, oder
postulieren Nerven, Venen, oder ich weiß nicht was für
andere Wege. Andere rechnen außer dem Gehirn noch mit anderen
Teilen. So meint Vesling, daß die zum Tränengang zusammenlaufenden
Wege teils vom Gehirn durch eine Öffnung im Keilbein, und teils
vom Scheitel und von den Seiten des Hauptes herkämen. Aber auch
die, welche das Gehirn ausschließen und andere Erklärungen
anführen, sind untereinander nicht einig. Einige leiten die Flüssigkeit
von der Lymphe des Auges, andere von Ausscheidungen der Kristallflüssigkeit
und des Glaskörpers, der berühmte Schneider von den
Arterien und der hochbegabte Cartesius von Dämpfen ab, die aus
den Augen in größeren Mengen ausströmen würden
als von irgend einem anderen Teil wegen der Größe des Sehnerven
und der Menge kleiner Arterien.
Ich meine deshalb, daß die Tränen nichts anderes als eine
Flüssigkeit zum Feuchthalten des Auges sind, wenn sie in größeren
Mengen fließt. Da in den Augendrüsen bestimmte Kanäle
beobachtet werden, muß man nicht nach anderen, verborgenen oder
fernen Wegen suchen. Ich bestreite nicht, daß neben der Flüssigkeit,
die von den Augen durch einen besonderen Gang in die Nase fließt,
diese auch von ihrem eigenen Drüsengewebe etwas Flüssigkeit
erhält, oder möglicherweise vom Gehirn salzige Flüssigkeit
durch besondere Gefäße in die Augen geleitet werden könnte.
Da es jedoch nicht meine Aufgabe ist, Vermutungen anstatt Tatsachen
anzuführen, will ich das auf sich beruhen lassen und das Sichere
schildern. Alle Phänomene, die am Auge beobachtet werden, können
so befriedigend erklärt werden.
Dem Verlauf der Tränenkanäle folgend stößt Stensens
Interesse auf eine weitere befeuchtete Körperoberfläche,
die Nasenschleimhaut. Als mögliche Quellen der Feuchtigkeit führt
er hier zuerst die Tuba auditiva Eustachii auf, jenen Gang,
der Innenohr und Nasen-Rachenraum verbindet. Viele gelehrte Männer
hätten diesem Gang die Ausleitung von im Innenohr verbliebener
Flüssigkeit zugesprochen, er selbst halte dies für möglich,
da er aber keine weiteren Untersuchungen angestellt habe, gäbe
er sich mit dem Gefundenen zufrieden und überlasse diese Aufgabe
anderen. Weiter werde die Nasenschleimhaut durch die neu gefundenen
Tränenkanäle befeuchtet und besonders durch die große
Menge Drüsengewebe, das er unter der Nasenschleimhaut gefunden
habe. Zwei Arten von Ausführungsgängen ließen sich
hier finden, die einen kurz und kaum sichtbar, die anderen, längeren,
habe er jedoch nur bei Schafen und Hunden beobachten können.
Aus den kürzeren werde jene die Nasenschleimhaut stetig anfeuchtende
Flüssigkeit ausgeschieden, die auch Schneider in seinem Werk
De Catarrhis beschrieben habe, er müsse jenem aber widersprechen,
da dieser die Sekretion der Flüssigkeit allein der Schleimhaut
zugesprochen habe und nicht auf die Drüsen verwiesen habe, die
mit den gefundenen Ausführungsgängen in Verbindung stünden.
Mit den längeren beschreibt Stensen die Ausführungsgänge
einer Drüse, die sich beim Menschen nicht findet, sehr wohl aber
beim Schaf und anderen Säugetieren. Diese Drüse, deren Ausführungsgang
im Nasenvorhof mündet und die der zusätzlichen Befeuchtung
der Atemluft dient, war bis dahin noch nicht beschrieben und trägt
nach MOE in der Veterinäranatomie die Eponymbezeichnung Stenos
Drüse. Stensen blieb deren Funktion freilich mangels des physiologischen
Grundwissens der Zeit verborgen
Durch den Gebrauch einer sich streng der Wirklichkeit unterordnenden
Vernunft hatte Stensen im Alter von 23 Jahren mit seinen Observationes
anatomicae das Studium der Drüsen als wissenschaftliches
Forschungsgebiet begründet. Noch vor der Veröffentlichung
dieses Werkes hatte er alle konglomeraten Drüsen nach Sylvius
auf ihre Ausführungsgänge hin untersucht, hatte nach dem
Ursprung der wäßrigen Flüssigkeit im Gehirn und Perikard
geforscht, nach den Quellen der Feuchtigkeit in Brust- und Bauchraum
gesucht. Im Brief an Bartholin vom 9. Januar 1662 schreibt er, er
sei nicht weit davon entfernt zu glauben, daß alle die wäßrigen
Flüssigkeiten, die man in den verschiedenen Hohlräumen antrifft,
auf Drüsen zurückzuführen sind.
- Zum Ursprung anderer Körperflüssigkeiten
Die Erkenntnis des Drüsensystems als Flüssigkeit produzierendes
Organ führt Stensen auch zu Gedanken über die die Haut befeuchtende
Flüssigkeit, den Schweiß. Wenn sich schon alle Flüssigkeiten
auf den inneren Körperoberflächen auf Drüsen zurückführen
lassen könnten, so sagt sich Stensen in einem Brief an Bartholin,
sei es da nicht fraglich, ob nicht auch der Schweiß einen ähnlichen
Ursprung hat? Im Krankenhaus habe er nämlich mehrmals an Menschen,
die von einer langwierigen Krankheit erschöpft, abgemagert und
völlig ermattet waren, zahllose feine Drüsen ganz dicht unter
der Haut ausgebreitet gesehen, teils im Unterleib, teils an anderen
Stellen, und sie waren mit der Haut durch ganz dünne Fäserchen
verbunden, die Gänge zu sein scheinen. Und als sich ihm einige
Tage später die Gelegenheit geboten habe, an einer Leiche die Haut
der stark geschwollenen Beine zu durchschneiden, hätten sich ihm
hier Drüsen, die sonst kaum sichtbar sind, so
ungewöhnlich deutlich gezeigt, daß es vollständig
klar war, zu welcher Art sie gehörten. In seinem De musculis
et glandulis observationum specimen führt Stensen dann auch
an, daß man über die Haut nichts Wahrscheinlicheres sagen
könne, als daß sie eine drüsenartige Substanz ist, die
sich nur darin von den übrigen unterscheidet, daß sie außer
den Kapillaren der Gefäße auch die in ihr verstreuten Haarwurzeln
enthält.
Aus der Tatsache, daß sich, wo auch immer am Körper eines
Lebewesens sich natürlicherweise eine wäßrige Flüssigkeit
finde, die seine Oberfläche befeuchte, diese Oberfläche von
den Ausführungsgängen einer konglomeraten Drüse durchstochen
sei, ließen sich auch mit hoher Wahrscheinlichkeit folgende Schlüsse
ableiten: daß auch das Wasser des Perikards einen ähnlichen
Ursprung habe, was die Untersuchungen eines berühmten Freundes
an der Thymusdrüse zu bestätigen scheine. Daß aber auch,
wie schon früher von anderen beobachtet worden sei, der Liquor
cerebrospinalis aus den drüsenartigen Plexus choroideii ausgepreßt
werde und auch für die Flüssigkeit, die den Bauch- und Brustraum
befeuchte, ein ähnlicher Ursprung angenommen werden müsse.
Im übrigen müßte wohl auch für die Ernährung
des Säuglings in utero nicht nach weiteren Quellen der Flüssigkeit
gesucht werden, da in Lebewesen mit Cotyledonen dieses drüsenartige
Gewebe als Quelle der Nährflüssigkeit gelten könne. Da
Stensen aber all dies nicht mit absoluter Sicherheit sagen könne,
sondern nur ex inductione geschlossen habe, müsse es in
das Heer der Mutmaßungen eingereiht werden und anderen zur genaueren
Untersuchung überlassen werden.
- Zur Muskelstruktur des Herzens
- Rückblick Stensens
Schon lange nach seiner Ordination zum Priester schreibt Stensen
nach Gesprächen mit G. W. Leibniz an diesen aus Hannover im November
1677 einen Brief, in dem er sich an eine Entdeckung im Jahr 1663 zurückerinnert,
die in ihrer Großartigkeit nicht nur zu den wichtigsten anatomische
Entdeckungen Stensens gehört, sondern sich auch in ganz besonderer
Weise auf seine persönliche Reifung auswirkt: Ich will Ihnen
also erzählen, daß mir in jenem Lande der Freiheit, wo
ich mit Leuten von sehr freisinnigen Anschauungen verkehrte, die verschiedensten
Bücher las und sehr großen Respekt vor der Philosophie
Descartes‘ hatte und vor allen, die man als Kenner dieser Philosophie
lobte, ein schwedischer Freund einmal die Lungen eines Ochsens, an
denen das Herz hing, brachte, um die Substanz der Lungen zu untersuchen.
Nachdem wir mit den Lungen fertig waren, wollten wir gerne das Herz
kochen, um zu sehen, ob die Substanz muskulös sei oder nicht,
und die ersten Herzfibern, die ich nun berührte, nachdem ich
es gekocht und die Haut abgezogen hatte, führten mich zum unteren
spitzen Teil und von der Spitze wieder aufwärts, was eine Tatsache
ist, die den ganzen Bau des Herzens erklärt, den mir bis dahin
niemand mitgeteilt hatte und die direkt mit dem im Widerspruch stand,
was alle die größten und gefährlichsten Philosophen
zusammen für bewiesene Wahrheit hielten; ja sie verstiegen sich
zu der Behauptung, daß diejenigen, die ihre Ansicht vom Herzen
nicht teilten, nichts von der Mechanik verstünden.
Kurz nachher kam mich an einem Nachmittag das Verlangen an, die Struktur
des Herzens mit der des Muskels zu vergleichen, bezüglich welcher
ich das System des Herrn Descartes für evident hielt. In dieser
Absicht nehme ich den Fuß eines Kaninchens vor, das ich kurz
vorher seziert hatte, und der erste Muskel, den ich beim ersten Schnitt
vornehme, zeigt mir die Struktur des Muskels, die bis dahin niemand
gekannt hatte und die das ganze System des Herrn Descartes umstürzte.
- Ansichten zur Funktion des Herzens
Die Vorstellung, das Herz sei ein Muskel, geht zurück bis in
die Zeit des Hippokrates. Im Corpus Hippocraticum finden
sich wiederholt Hinweise auf die Anatomie von Herzmuskel und –klappen,
die physiologische Funktion des Herzens war freilich noch gänzlich
unverstanden: Mittels der Herzvorhöfe, die als Blasebalg funktionieren,
gelangt Luft in den rechten Ventrikel und wird von hier in die Lungenarterie
gepumpt, die damit die Lunge versorgt. Etwa 500 Jahre später
geht bei Galen, der die Medizin mit seiner Lehrmeinung über
1000 Jahre hinweg dominieren wird, der richtige Ansatz der Hippokratiker
ganz verloren: Unter der Einwirkung einer dem Herzen immanenten Lebenswärme
werde aus dem Blut das sogenannte Lebenspneuma (pneuma=spiritus)
ausgekocht, das sich durch die Arterien im ganzen Körper verteile
und ihn belebe, schütze und anrege. Ein Teil dieses vitalen Pneumas
wird zusammen mit der Luft, die durch Löcher in der Nasenmuschel
aufsteigt, im Gehirn zu Seelenpneuma bereitet. Dieses ist Mittlersubstanz
für empfindendes und bewegendes Seelenvermögen, es wird
über die Nerven im Körper verbreitet, trägt die Sinneseindrücke
zum Gehirn hin und ermöglicht die Willkürbewegungen. Und
so findet sich in dem Galeni De Anatomicis Administrationibus Libri
Novem auch folgender Satz: Diejenigen verstehen nichts, die
das Herz einen Muskel nennen. Auch Stensens Zeitgenossen sind
noch gefangen von dieser Vorstellung des Herzens als geheimnisvoller
Quelle der Lebenswärme. W. Harvey hatte zwar, als er den
Blutkreislauf beschrieb, gezeigt, daß das Herz als Muskel wirkt,
aber auch er machte sich nicht frei von der traditionellen Auffassung
vom Herzen als dem Thron der Seele und der Sonne des Lebens.
- Über Muskel und Herz
Schon mit der Sektion eines Seeadlers im August 1662 beginnt Stensens
Interesse für das Herz zu erwachen: Das Herz des jungen Vogels
war so lebenskräftig, daß die Zuckungen desselben noch zwei
Stunden nach der Bloßlegung nicht im geringsten an Schnelligkeit
oder Stärke verloren... Hinweise auf eine wirkliche wissenschaftliche
Untersuchung der Herzmuskelstruktur finden sich dann aber erst mit dem
Beginn des Jahres 1663. Die von Stensen selbst in seinem Brief an Leibniz
erwähnte Sektion eines Ochsenherzens läßt sich nicht mehr
im zeitlichen Zusammenhang nachvollziehen, sicher ist aber, daß
Stensen am 30. April 1663 an Bartholin berichten kann, daß er hoffe,
bald aufzeigen zu können, daß, wenn man sich auf die wesentlichen
Strukturen eines Muskels beschränke, sich an der Substanz des Herzens
nichts finde, was nicht auch im Muskel gefunden werden könne und
dem Herzen nichts von dem abgehe, was sich auch im Muskel finde. Das folgende
Jahr bis zu seiner Abreise aus Leiden verbringt Stensen nun mit zahlreichen
Sektionen und Experimenten, um weitere Beweise für diese These zu
sammeln. Erst nach seiner Ankunft in Kopenhagen im März 1664 findet
Stensen die Ruhe, seine neuen Erkenntnisse zur Muskelstruktur zusammen
mit den schon veröffentlichten Entdeckungen an Drüsen- und Lymphsystem
in seinem De musculis et glandulis observationum specimen herauszugeben.
Seine Abhandlung beginnt Stensen mit einer Entschuldigung für die
späte Veröffentlichung. Den Plan, seine Ausführungen zur
Struktur von Herz- und Skelettmuskel in Form einer illustrierten Abhandlung
herauszugeben, habe er nun schon bald ein Jahr in sich getragen. Da seine
Studien schon in den Anfängen Anlaß zu Kritik bedeutender Männer
gewesen seien, habe er sich bemüht, die weiteren Untersuchungen möglichst
gründlich durchzuführen und sie schnellstmöglich zu veröffentlichen,
um sie so dem Urteil aller zu unterwerfen. Allein obgleich ich mir
alle Mühe gab, obgleich ich nicht genug die Freundlichkeit loben
kann, mit der man dem Gast in den Spitälern alle Hilfsmittel zur
Verfügung stellte, glückte es mir nicht, mein Ziel zu erreichen.
Teils störten verschiedene Hindernisse nicht gerade zur günstigsten
Zeit bei der Dissektion, teils und ganz besonders zogen die Untersuchungen
selbst wider alles Erwarten die Erforschung mehrerer Dinge nach sich.
Es ist ja charakteristisch für naturwissenschaftliche Untersuchungen,
daß man nichts für so isoliert halten darf, daß es nicht
die Erwägung vieler anderer Dinge nach sich zöge. Und je länger
man bei den einzelnen Dingen verweilt, desto mehr wünscht man an
allen kennen zu lernen, und auf umso reichlicheres Material zu ihrer Erforschung
stößt man dabei.
Schon nach der ersten Sektion eines Herzens wäre Stensen klar gewesen,
daß es im Herz kein von den Muskelfasern verschiedenes Parenchym
gäbe und keine Muskelfaser an der Herzspitze ende, sondern alle
vollziehen, nachdem sie abwärts gegangen sind, eine Wendung um jene
[die Herzspitze] und steigen auf der entgegengesetzten Seite aufwärts.
Auch bei der Untersuchung weiterer Herzen habe er immer diesen selben
spiraligen Faserverlauf gefunden. Nach der anfänglichen Freude, einen
leichten Weg zu einer genauen und klaren Erkenntnis des Herzens gefunden
zu haben, weil ich ja viele Zweifel, denen hervorragende Anatomen unseres
und früherer Jahrhunderte sich hingegeben hatten, binnen kurzem von
selbst verschwinden sah, hätte bei der genaueren Untersuchung
der Strukturen des Herzens jeder Tag mit jedem neuen Lichtstrahl auch
neue Rätsel gebracht. So hätte ihn die Untersuchung des
Herzens zu einer genaueren Untersuchung der Muskulatur geführt und
diese wiederum zu anderen Erkenntnissen bezüglich der Speiseröhre,
der Zunge, der Rippenheber, etc. Und nachdem schließlich fast alle
Fragen befriedigend gelöst worden seien, wäre mit dem Tod des
Stiefvaters und der damit notwendigen Rückkehr nach Kopenhagen ein
Fall eingetreten, der mich nicht nur den Büchern und Sektionen
entzog, sondern mir zugleich alle Hoffnung nahm, jemals zu ihnen zurückzukehren.
Um nun aber das angesehenen Freunden gegebene Versprechen der Veröffentlichung
einzuhalten und die so freundlich gewährte Unterstützung nicht
zu enttäuschen, wolle er so gut ich mich entsinne, in einer Art
Verzeichnis mitteilen, was ich vom Herzen und den Muskeln denke und
den genannten Beobachtungen das Wichtigste beifügen, was ich an
den Drüsen gesehen habe.
Wie falsch wären doch sowohl die Drüsen als auch das Herz in
der Vergangenheit eingeschätzt worden. Während man erstere verachtet
habe, habe man das Herz zum Sitz der angeborenen Wärme, zum Thron
der Seele, ja manchmal zur Seele selbst machen wollen. Man hat das Herz
als Sonne, ja als König begrüßt, während man doch,
wenn man genauer zusieht, nichts anderes findet als einen Muskel ... Die
Vernunft im Bunde mit den Sinnen wird genügend klar zeigen, daß
das Herz wirklich ein Muskel ist und daß die Nerven zu seiner Bewegung
beitragen.
Um nun aber das Gesagten zu beweisen, wolle Stensen einige Betrachtungen
zur Struktur und Funktion der Muskeln voranschicken. Es folgt eine genaue
Beschreibung der Faserverläufe, Ursprünge und Ansätze verschiedener
Atemhilfsmuskeln wie der Mm. intercostales externi und des Diaphragmas,
sowie eines als M. triangularis bezeichneten Faserbündels,
das wohl den Mm. subcostales entspricht. Aus Faserverlauf und anatomischer
Struktur schließt Stensen dann auf die Funktion der beschriebenen
Muskeln: Die Hebemuskeln der Rippen bewegen mit Hilfe der Mm. intercostales
externi 1. die Rippen sowohl aufwärts, wie rückwärts. 2.
Sie erweitern die Abstände zwischen den Rippen. Und zur Funktion
des Zwerchfells führt Stensen an: Je weniger gespannt [die Zwerchfellfasern]
sind, desto mehr konvex sind sie, desto weiter das Abdomen und desto enger
der Thorax. Je mehr sie aber zusammengezogen sind, desto kleiner ist die
Oberfläche des konvexen Zwerchfells, desto weiter der Thorax, und
desto enger das Abdomen. Eine Folgeerscheinung ist, daß bei der
Einatmung der Boden des Thorax sich senkt, während er sich beim Ausatmen
hebt. Diese Beschreibung der Funktion der Atemhilfsmuskulatur stimmt
sehr gut mit den tatsächlichen Verhältnissen überein.
Von einer weiteren Erforschung des Herzens wäre Stensen aber auch
durch die allgemeinen Zweifel und Unsicherheiten der Muskellehre seiner
Zeit abgeschreckt worden. Nach allgemeiner Annahme wurden die Muskeln
ja hohl gedacht, wobei bei der Kontraktion der Einfluß von succus
nervosus und spiritus vitales eine Zunahme der Muskelmasse
bewirken sollte. Um diese offensichtlich falsche Annahme, wie es sich
Stensen schon am ersten untersuchten Muskel gezeigt hätte, gründlich
zu widerlegen, beschreibt Stensen auf den folgenden vier Seiten auf genaueste
Struktur und Teile von einfachen und zusammengesetzten Muskeln inklusive
Zunge und muskulärer Wand der Speiseröhre. Aus seinen Beobachtungen
könne er sicher schließen, daß sich 1. in jedem Muskel
Arterien, Venen, Nerven, Fasern und Membranen finden ließen,
2. man keinen Muskel finden könne, dessen einzelne Fasern nicht
nach beiden Seiten hin in eine Sehne enden würden und 3. das
Muskelfleisch kein Parenchym oder Polster sei, sondern dieselben kleinen
Fasern, die eng verbunden eine Sehne bilden, machen lose verbunden das
Fleisch aus. Nach weiteren Ausführungen zu Muskelgröße
und –geometrie, zu Faserverlauf und genauerer Bezeichnung der einzelnen
Muskelteile, kommt Stensen auch auf den Mechanismus der Muskelkontraktion
zu sprechen: Was sich zusammenzieht, ist nicht die Sehne, sondern das
Fleisch zwischen den gespannten Sehnen, welches zusammengezogen bewirkt,
daß die zwei oder mehr einander gegenüberliegenden Flächen
des Bauches gegenseitig näher aneinander herantreten. ... Die Art
und Weise der Kontraktion ist schwer zu bestimmen, da viele sie von einer
Füllung der Muskelfasern ableiten, einige von einer Entleerung und
wieder andere zu beiden ihre Zuflucht nehmen. Da aber auch Stensen
selbst keine wirklich sichere Erklärung geben könne, wolle er
an einer Analogie seine Vorstellung von der Muskelkontraktion erläutern:
Um bei Fundierungen Pfähle und Stöcke in die Erde zu treiben,
würde allgemein eine Maschine benutzt, bei der eine Menge Menschen
einen Balken vermittels eines Leitseiles heben, indem jeder einzelne an
seiner Schnur ziehe. Diese Maschine könne nun aber mit einem Muskel
verglichen werden. Die Seile, die je nach dem Abstand der Leute allmählich
länger werden, sind da gleichsam die Sehnen, das mit den Schnüren
verbundene Gewicht ist der bewegliche Teil, die Leute selbst sind die
Fleischfasern. Denn geradeso wie alle die Leute, wenn sie alle die Seile
gleichzeitig anziehen, sich kürzer machen und so das Gewicht bewegen,
so bewegen die Fleischfasern, wenn sie die Sehnenfasern anziehen, den
beweglichen Teil. In einem anschaulichen Vergleich begründet
Stensen hier das Konzept der fibra motrix – der motorischen Faser
als kontraktile Grundeinheit der Muskulatur.
Nach diesen erschöpfenden Ausführungen zur Muskelstruktur kann
Stensen nun wieder zu seinem Ausgangspunkt zurückkehren: Jedes
Organ, dem weder ein dem Muskel wesentlicher Teil fehlt und das auch nicht
einen mit einem Muskel unvereinbaren besitzt und zugleich eine dem Muskel
eigentümliche Struktur hat, verdient den Namen Muskel. ... Was hier
von den Muskeln gesagt wurde, genügt, auf das Herz angewendet, um
gleich den ersten Satz zu beweisen: Das Herz ist wirklich ein Muskel.
Es folgt eine Beschreibung der verschiedenen Strukturen, die Stensen im
Herzmuskel gefunden habe, sowie eine genaue Darstellung des spiraligen
Faserverlaufes der Herzmuskelfasern von der basis cordis zum apex
und wieder zurück und schließlich deren Insertion am anulus
fibrosus. Wenn es also sicher sei, daß im Herzen nichts fehle,
was der Muskel hat, und sich im Herzen nichts finde, was dem Muskel versagt
ist, dann kann das Herz nicht mehr eine Substanz eigener Art sein,
und folglich auch nicht so etwas wie der Sitz des Feuers, der angeborenen
Hitze, der Seele, oder der Erzeuger einer bestimmten Flüssigkeit
wie des Blutes, oder auch der Ursprung gewisser Geister, nämlich
der vitalen. Mit diesem Satz stellt sich Stensen gegen die Überzeugung
aller herrschenden Autoritäten, seien es nun Harvey, Descartes oder
Bartholin.
Um seine Arbeit aber nicht zu beschließen, ohne auf die Bewegung
des Herzens eingegangen zu sein, wolle er noch folgenden Satz anfügen:
Werden die Herzfasern kürzer, muß sich, weil ihr Anfang
und Ende an der Basis liegen, die Kegelspitze notwendigerweise heben.
Aus dem Faserverlauf im rechten Ventrikel folge aber auch, daß
in der Systole der Boden des rechten Ventrikels ein wenig gegen die Basis
hin gehoben werde. Folglich wird das Herz kürzer, und an der echten
Seite auch runder. Weil aber die Wände sowohl kürzer als auch
dicker werden, werden die Höhlungen des Ventrikels auch enger, so
daß, wenn das Herz rund ist, es zu dieser Zeit nicht geräumiger
ist, als wenn es länglich ist. Aus demselben Grund ist seine runde
Form auch nicht eine Folge der Vermehrung des Blutes, und es ist zu dieser
Zeit auch keine Diastole.
Es sei erwähnt, daß Stensen mit seinen Arbeiten zum Herzmuskel
wesentlich beteiligt ist am Ausbau der größten und folgenschwersten
medizinischen Entdeckung des Jahrhunderts: der Entdeckung des geschlossenen
Blutkreislaufes. Auch wenn die Anschauungen Stensens heute in ihrer Ausschließlichkeit
nicht mehr anerkannt werden können – mikroskopische und elektronenmikroskopische
Untersuchungen haben sehr wohl Unterschiede zwischen Herz- und Skelettmuskel
aufgezeigt – ist der Fortschritt gegenüber der vorherrschenden, geradezu
mythologischen Auffassung vom Herzen bei Stensen doch sehr groß.
Auch sei noch hingewiesen darauf, daß Stensen seine Untersuchungen
zur Struktur und Geometrie des Skelettmuskels in Florenz weiter fortsetzen
und 1667 im Elementorum myologiae specimen seu musculi descriptio geometrica
veröffentlichen wird. Auch wenn sich Stensen bei der Erforschung
der Muskulatur als konsequenter Vertreter der Iatromechanik und Iatromathematik
erweist, kann er doch aus seinen Arbeiten nicht die weitreichenden Konsequenzen
für die gesamte Medizin und Naturwissenschaft ziehen, wie der führende
Iatrophysiker seiner Zeit, Alfonso Borelli (1608-1679).
- Philosophie
und Religion
- Philosophie im 17. Jahrhundert
Philosophie ist die Denkarbeit, welche in der Absicht unternommen wird,
die tägliche Lebenserfahrung und die Ergebnisse der wissenschaftlichen
Forschung zu einer einheitlichen und widerspruchslosen Weltanschauung
zu vereinigen, die geeignet ist, die Bedürfnisse des Verstandes
und die Forderungen des Gemütes zu befriedigen.
- Überblick
Mit den großen Philosophen des 17. Jahrhunderts beginnt die
neuzeitliche Philosophie im vollen Sinn des Wortes. Der grundlegende
geistige Umbruch, der Europa von der hierarchisch gegliederten Einheit
des Mittelalters durch Renaissance und Reformation hin zu einer Vielfalt
des gleichberechtigten Nebeneinander geführt hatte, offenbart
sich nun in seiner ganzen Dramatik: Der Mensch erkennt sich selbst
als Bruch, der die eigene Existenz durchzieht: Er erlebt sich in der
Differenz der Geschlechter, in seiner Ambivalenz zwischen Gut und
Böse, in der Erfahrung von Liebe und Einsamkeit, im Spannungsgefüge
zwischen Gott und Natur. Der Zusammenbruch der alten Ordnung fordert
ihn als auf sich selbst gestelltes Individuum, nötigt den Einzelnen,
Methoden zu finden, um in Zweifelsfällen zu persönlicher
Gewißheit und verantwortlicher Entscheidung zu gelangen. Auf
der Suche nach certitudo - Sicherheit der Erkenntnis - wird
die Mathematik als eine jenseits nationaler und individueller Besonderheiten
stehende, prinzipiell jedem zugängliche und einsichtige Wissenschaft
von höchster Allgemeingültigkeit zum Ideal aller Erkenntnis.
Wenn wir in der Mathematik eine Methode zur unantastbaren Beweisführung
besitzen - so fragte man -, warum sollte es dann nicht möglich
sein, die menschliche Gesamterkenntnis, also alle anderen Wissenschaften
und vor allem auch die Philosophie auf eine ähnliche Grundlage
zustellen? So sind auch die großen Philosophen des Jahrhunderts
entweder wie Descartes, Leibniz oder Pascal selbst bedeutende Mathematiker
oder errichten doch, wie Spinoza, ihr Denkgebäude more geometrico
– nach Art der Geometrie. Über alle Differenzen eines höchst
intensiven philosophischen Lebens in sämtlichen Kulturländern
des Westens hinweg, finden sich doch besonders bei den drei beherrschenden
philosophischen Sytemen von Descartes, Spinoza und Leibniz gleiche
gemeinsame Grundzüge: das mathematische Erkenntnisideal; der
Versuch, für die Philosophie eine diesem entsprechende allgemeingültige
und sichere Methode der Erkenntnis zu finden; die Vorherrschaft der
Vernunft; endlich das Bestreben, ein universales, auf ganz wenigen
sicheren Grundbegriffen ruhendes, ausgewogenes philosophisches Gesamtsystem
zu schaffen.
- Descartes
René Descartes (lat. Renatus Cartesius, 1596-1650),
den sein philosophisches Gesamtwerk zum Vater der modernen Philosophie
macht, beschäftigt zuerst die Methode, mittels derer sichere
Erkenntnis erlangt werden könnte. In seiner 1637 herausgegebenen
ersten Veröffentlichung, dem Discours de la méthode
(de bien conduire sa raison et chercher la verité dans les
sciences), stellt er vier Regeln auf, wie von intuitiv evidentem
Grundwissen mathematisch exakt zu komplexerem Wissen vorangeschritten
werden könne: Zuerst dürfe nur das als sicher und evident
Erkannte für wahr gehalten werden. Sodann müsse jedes Problem
in so viele Teile zerlegt werden, wie sie zu seiner Lösung notwendig
seien. Auf die Forderung nach Analyse folgt als drittes die Regel
der Synthese des Wissens aus den einfachsten und am leichtesten erkennbaren
Bausteinen. Zuletzt erfordere umfassendes Wissen schließlich
die Vollständigkeit aller Elemente. Auf der Suche nach einer
über jeden Zweifel erhabenen Ausgangsthese spricht er sein berühmtes
cogito ergo sum – ich zweifle, also bin ich. Wenn alles
Erkannte aus einfachsten Prinzipien abgeleitet werden soll, muß
ich mich, so sagt Descartes, zunächst und vor allem der
Sicherheit meines Ausgangspunktes vergewissern. Was aber ist wirklich
sicher? Um sicherzugehen, werde ich zu Anfang gar nichts als sicher
annehmen. Ich werde alles anzweifeln, um zu sehen, was einem solchen
radikalen Zweifel standhält. ... Beginne ich nun also das Philosophieren
damit, daß ich schlechthin alles in Frage stelle, so gibt es
doch etwas, das ich nicht nur nicht bezweifeln kann, sondern mir vielmehr,
gerade indem und je mehr ich zweifle, immer gewisser werden muß:
nämlich die einfache Tatsache, daß ich jetzt, in diesem
Moment, zweifle, das heißt denke. Alles was ich von außen
wahrnehme, könnte Täuschung sein, alles, was ich denken
mag, könnte falsch sein – aber im Zweifel werde ich jedenfalls
meiner selbst als denkendes Wesen gewiß. Ausgehend von dieser
Descartes so klar und deutlich (clare et distincte) vor Augen
stehenden Gewißheit der eigenen Existenz will er dann auf dem
Wege der Deduktion zu einem umfassenden Weltbild gelangen.
Gleich die ersten Schritte führen ihn an die Quellen menschlichen
Seins. In seinem 1641 erschienenen Hauptwerk, Meditationes de prima
philosophia in quibus Dei existentia, et animae humanae a corpore
distincto demonstrantur , den Meditationen über die erste
Philosophie [also Metaphysik], in denen das Dasein Gottes und die
Verschiedenheit der menschlichen Seele vom Körper bewiesen werden
soll, will er die beiden den Menschen so sehr bewegenden Grundfragen
nach Gott und einer unsterblichen Seele seinen vorher genannten Regeln
unterwerfen, um so zu einem auch Ungläubigen einsichtigen Beweis
von deren Existenz zu gelangen. Im Rahmen dieses ontologischen Gottesbeweises,
der häufig nicht recht schlüssig erscheinen will und den
Eindruck erwecken kann, Descartes würde vor sich selbst und
seinen Lesern ein Theater des Zweifelns mit Ich und Gott als Hauptpersonen
vollführen, entwickelt Cartesius auch den Begriff der Substanz.
Substanz sei, wie er in einer ausführlicheren Darlegung seiner
Gedanken in den Principia philosophiae 1644 schreibt, etwas,
das so existiert, daß es zu seiner Existenz keines anderen
Dinges bedarf. Bei der Durchmusterung des menschlichen Geistes
hätte er zunächst die Idee Gottes als der unendlichen und
unerschaffenen Substanz gefunden. Weiterhin ließen sich aber
auch zwei weitere, geschaffene Substanzen definieren, die als solche
keines Beweises und keiner Rückführung auf andere Ideen
fähig wären und deren auch nicht bedürften: Zum einen
sei dies der Geist, das Denken, das letztlich alleine einen Menschen
zweifelsfrei bestimme. Das Wesen des Menschen bestehe darin res
cogitans zu sein: Ein Wesen, das zweifelt, einsieht, bejaht,
verneint, will, nicht will und das sich auch etwas vorstellt und empfindet.
Demgegenüber stünde nun die Welt des Materiellen, deren
bezeichnende Eigenschaft die Ausdehnung wäre – res extensa.
Materie definiert sich also nach Descartes durch die Erfüllung
des Raumes: Die Körper sind Raum, und der Raum besteht aus Körpern,
leeren Raum gibt es nicht.
Körper und Geist können also in ihrem Wesen unabhängig
voneinander begriffen werden, weshalb es ihnen zumindest durch die
Kraft Gottes auch möglich sei, unabhängig voneinander zu
existieren. Hiermit seien die philosophischen Voraussetzungen für
die Unsterblichkeit der Seele gegeben. An die Stelle einer als Lebensprinzip
verstandenen Seele war der seiner selbst bewußte Geist getreten,
die Lebensfunktionen, ja sogar alle durch die Gewohnheit oder sonstwie
automatisierten Handlungen, werden dem mechanisch interpretierten
Körper zugeschrieben. Diese Einengung des Seelischen auf das
reine Denken hatte auch zur Folge, daß der gesamten Tierwelt
eine Teilnahme an der geistigen Welt abgesprochen wurde, sie letztlich
zu reinen Mechanismen, Maschinen degradiert wurden. Wenn ein Tier
schreit, das man schlägt, so bedeute das nicht mehr, als wenn
die Orgel ertönt, deren Tasten man niederdrückt. Von dieser
im Sinne des cartesischen Denkens zwar konsequenten, aber unannehmbaren
Ansicht war es nur noch ein Schritt zu der von späteren Materialisten
gezogenen Folgerung, daß auch der Mensch nichts als eine besonders
komplizierte Maschine sei.
Besondere Schwierigkeit bereitete Descartes die unbestreitbare Koexistenz
von Geist und Materie in dem einen menschlichen Körper. Es
gibt aber nichts, was mich die Natur ausdrücklicher lehrte, als
daß ich einen Körper habe, der sich schlecht befindet,
wenn ich Schmerz empfinde, der Speise oder Getränk braucht, wenn
ich Hunger oder Durst leide und dergleichen. Diese Tatsache aber,
daß der Mensch Hunger, Durst und Schmerzen nicht intellektuell
erkenne, sondern affektiv empfinde, beweise, daß der Geist im
Leib nicht nur wie ein Seemann im Schiff, sondern ganz eng mit
ihm verbunden und gleichsam vermischt sei, so daß er mit
ihm eine Einheit bilde. Nachdem wir sämtliche ausschließlich
dem Körper zukommenden Funktionen betrachtet haben, erkennt man
ohne weiteres, daß man der Seele nur das Denken zuschreiben
kann. Hier gibt es hauptsächlich zwei Arten: actions de l’âme,
ihr tätiges Verhalten, und passions, ihre Leidenschaften. Denn
wir machen die Erfahrung, daß sie unmittelbar aus der Seele
stammen und nur von ihr abhängen. ... Mir scheint, daß
man die Leidenschaften der Seele definieren kann als Wahrnehmungen
oder Empfindungen oder Erregungen der Seele. Sie sind im besonderen
Sinne auf die Seele bezogen. Verursacht, unterhalten, verstärkt
werden sie durch irgendeine Bewegung der "Lebensgeister". ... Ist
die Seele auch mit dem ganzen Körper verbunden, so muß
man doch wissen, daß es im Körper eine gewisse Stelle gibt,
wo stärker als in allen anderen Teilen der eigentliche Sitz ihrer
Tätigkeit ist. Man glaubt gewöhnlich, das Gehirn oder vielleicht
das Herz sei dieser Ort. Das Gehirn, weil darauf sich die Sinnesorgane
beziehen; das Herz, weil man in ihm die Leidenschaften fühlt.
Ich glaube, nach sorgfältiger Prüfung des Sachverhaltes
einleuchtend erkannt zu haben, daß der Teil des Körpers,
wo die Seele unmittelbar wirkt, weder das Herz noch das ganze Gehirn
ist, sondern nur der innerste Teil des Gehirns. Dies ist eine gewisse,
ganz kleine Drüse, die in der Mitte der Gehrinmasse sitzt. Sie
ist über dem Verbindungsgang zwischen den Lebensgeistern [spiritus
vitales] derart aufgehängt, daß die geringste Bewegung
in dieser Drüse die Richtung der Lebensgeister ändern und
umgekehrt die kleinste Änderung im Lauf der Lebensgeister großen
Einfluß auf die Bewegung dieser Drüse haben kann. Als
die Schaltstelle zwischen Geist und Materie fungiere also die Epiphyse,
die zwischen den lichtartigen geistigen spiritus vitales und
den flammenartigen, in Blut und Nerven zirkulierenden spiritus
animales vermittle.
Neben seiner Methode beeinflußt Descartes vor allem durch die
radikale Gegenüberstellung von Geist und Materie, also von innen
her zugänglichem Ich-Subjekt und nur von außen her erkennbaren
materiellem Objekt, in kaum zu überschätzender Weise Philosophie
und Weltbild bis in unsere Tage hinein. Die ganze moderne Technik
konnte nur dadurch entstehen, daß Descartes die Menschen in
eine Position gegenüber der Natur brachte, von wo aus eine durchgreifende
Naturbeherrschung erst möglich wurde. Descartes hat die Menschen
so denken gelehrt, daß sie die Technik erschaffen konnten.
Das psychophysische Grundproblem, das sich aus der Trennung von Geist
und Materie, die doch im Menschen offensichtlich vereint sind, ergibt,
wird zum fundamentalen Problem für ganze Generationen von Denkern
und Philosophen. Okkasionalismus, monistischer Parallelismus (Spinoza),
prästabilierte Harmonie (Leibniz), Materie als Erscheinung (Leibniz,
Kant), spiritualistischer (Berkeley) oder materialistischer Reduktionismus,
idealistische oder materialistische Dialektik können als Versuche
gewertet werden, an Descartes‘ Verständnis von Geist und Materie
festzuhalten und dabei doch die Einheit von Mensch und Welt zu denken.
- Spinoza
Ein Lösungsansatz soll hier noch skizziert werden, da sein Verfasser
auf besondere Weise mit Stensen verbunden ist. Lebt Spinoza doch zur
selben Zeit wie Stensen in Leiden und trifft dort auch wiederholt mit
ihm zusammen.
Benedictus (portug. Bento, hebr. Baruch) de Spinoza (1632-1677)
wurde in Amsterdam als Sohn aus Portugal ausgewanderter Juden geboren.
Vom Vater ursprünglich für den Beruf des Rabbiners bestimmt,
wird er noch nicht 24-jährig auf Grund mündlicher Äußerungen
des Vergehens der Ketzerei angeklagt und offiziell aus der jüdischen
Gemeinde verstoßen: verbannt, verflucht und verdammt mit allen
Flüchen, die im Buche des Gesetzes niedergeschrieben sind – wie
es in der uns erhaltenen Urkunde heißt. Für den unter einem
fremden Volk lebenden Juden, dem die Gemeinde nicht nur religiösen
Halt, sondern in der Regel auch die einzige wirkliche Heimat bedeutete,
war die Exkommunikation ein besonders schmerzlicher Schlag. Weit davon
entfernt zu verzweifeln, sind die Folgen dieses Ereignisses aus Spinozas
Leben doch nicht wegzudenken: Sie bestehen einerseits in einer grenzenlosen,
erst später durch den Briefwechsel mit führenden Geistern
gemilderten Vereinsamung, auf der anderen Seite aber in einer inneren
Unabhängigkeit und Freiheit von Vorurteilen, wie sie nur wenige
Menschen jemals erreicht haben.
Spinoza lebt in größter Bescheidenheit und Zurückgezogenheit
an verschiedenen Orten in Holland, in Rijnsburg bei Leiden, Voorburg,
zuletzt in Den Haag. Nach jüdischer Tradition, nach der der Gelehrte
auch ein Handwerk beherrschen sollte, hatte er in seiner Jugend das
Schleifen optischer Gläser erlernt. Dieses Handwerk übt er
auch weiterhin aus, verdient so seinen Lebensunterhalt. Von den wesentlichen
Schriften, die Aufschluß über Spinozas Denken geben, wurde
zu seinen Lebzeiten nur eine veröffentlicht, 1670 der Tractatus
theologico-politicus. Sein philosophisches Hauptwerk, die Ethica
ordine geometrico demonstrata, hielt er Zeit seines Lebens in seinem
Schreibpult verschlossen, wobei er in seinen letzten Lebensjahren in
steter Angst lebte, das Buch könnte nach seinem Tode verlorengehen.
Tatsächlich wurde es aber von Freunden noch in seinem Todesjahr
1677 zusammen mit seinem Tractatus politicus veröffentlicht,
fand jedoch vorerst nur wenig Zustimmung. Erst mit dem Streit J.H. Jacobis
(1743 – 1819) und Moses Mendelsohns über den Spinozismus Lessings
erwachte ein allgemeineres Interesse an Spinozas Werk, das schließlich
durch Herder und Goethe (1749 – 1832) zu hohem Ansehen gelangte.
Bei Spinoza ist vom eigentlichen Grundgedanken die diesen Grundgedanken
später ausgestaltende Methode wohl zu unterscheiden. Ausgehend
von dem Begriff der Substanz, dem Einen oder Unendlichen, das unter
oder hinter allen Dingen steht, das alles Sein in sich vereinigt und
begreift, will Spinoza in radikaler Anwendung der cartesischen Methode
alles Weitere mit logischer Notwendigkeit deduzieren. Die Substanz ist
ewig, unendlich, aus sich selbst existierend. Es gibt nichts außerhalb
von ihr. So verstanden ist aber der Substanzbegriff gleichbedeutend
mit dem Begriff Gott und als Inbegriff alles Seienden zugleich auch
gleichbedeutend mit dem Begriff der Natur. Von den unendlich vielen
Attributen der Substanz, also dem, was der Verstand als zu ihrem
Wesen zugehörig erkennt, könnten wir nur Denken und Ausdehnung
wahrnehmen. Das Denken (bzw. die Ausdehnung) ist ein Attribut Gottes,
oder Gott ist ein denkendes ( bzw. ausgedehntes) Ding. Da aber alles
in Gott ist, kann auch jedes Einzelwesen unter diesen zwei Gesichtspunkten
betrachtet werden: Unter dem Gesichtspunkt des Denkens erscheint es
als Idee, unter dem Gesichtspunkt der Ausdehnung erscheint es als Körper.
Sowenig wie es zwei verschiedene Substanzen gibt (wie Descartes gelehrt
hatte), sondern nur eine, die unter zwei Aspekten zu betrachten ist,
sowenig besteht auch ein Einzelwesen, insbesondere der Mensch, aus zwei
getrennten Substanzen Körper und Seele, sondern beides sind die
zwei Seiten ein und desselben Wesens. Geistiges und Materielles sind
für ihn nur verschiedene Aspekte ein und derselben Substanz, die
sich mit Notwendigkeit in ihren Attributen entfaltet. Die Welt wird
sozusagen zur Analyse Gottes und das Ich zu einem Element der allgemeinen
Notwendigkeit. Die Erkenntnis dieser Zusammenhänge ist Religion.
So wird Spinoza zum "Schöpfer des liberalen Menschenbildes der
Aufklärung" (Betschart 1958), das sich immer mehr zum christlichen
Menschenbild in Widerspruch setzt.
Ohne daß hier auf weitere Einzelheiten der Philosophie Spinozas
eingegangen werden kann, soll hier noch eine Beurteilung des Schriftstellers
Arnold ZWEIG angeführt werden, die in bemerkenswerter Kürze
einen Eindruck von Größe und Bedeutung dieses hervorragenden
Philosophen vermittelt: Seine Darstellungsmethode, ordine geometrico,
hat doppelten Zweck und doppelte Wirkung: bis zur Evidenz sicherzustellen,
was erkannt werden soll, und bis zur Glashärte auszuschließen,
was etwa an Gefühlsmomenten und anderen Trübungen sich ins
Denken einmischen könnte. Ihm ist wichtig, aus möglichst wenigen
Grundsätzen und Definitionen ein lückenloses Gebäude
des Denkens zu errichten, in dem sich eines aufs andere bezieht. So
fügt sich die bewirkende Natur (natura naturans) und die bewirkte
Natur (Natura naturata) zusammen zu jenem Pantheismus, der durch Spinoza
eine neue Epoche der Weltbeseelung eröffnete, ohne die Gültigkeit
der Naturgeschichte anzutasten. Daß dieser grandiose Pantheismus
auf Dichter und dichterische Naturen, auf faustische Charaktere besonders
gewirkt hat, bedarf keiner Erklärung. Darum sind vom Ende des achtzehnten
Jahrhunderts an Lessing und Herder, Goethe und Novalis, Schleiermacher,
Schelling und Hegel die Wiederentdecker und Verkünder von Spinozas
Größe, Eigentümlichkeit und universeller Bedeutung.
- Prägungen der Weltanschauung Stensens
- Religiöse Erziehung
Über die frühen Prägungen Stensens sind uns nur spärliche
Mitteilungen aus eigener Hand erhalten, wertvollstes Dokument diesbezüglich
ist das im letzten Kopenhagener Studienjahr begonnene Chaos-Manuskript.
Stensen ist sicher im Geist einer strengen lutherischen Orthodoxie
erzogen worden. Seine Vorfahren sind ja über Generationen hinweg
als Geschlecht lutherischer Prediger bezeugt, auch die beiden Brüder
des leiblichen Vaters haben diese Berufung eingeschlagen. Jakob Winslöw,
Großneffe Stensens, schildert in seiner Autobiographie lebendig
die tief religiöse Erziehung, welche sein Vater ihm und seinen
zwölf Geschwistern in bezug auf gemeinsames tägliches Gebet,
regelmäßigen Gottesdienstbesuch und Religionsunterricht,
Gehorsam, Genügsamkeit und Sorge für die Armen zuteil werden
ließ. Eine ähnliche Erziehung hat sicher auch Stensen erhalten.
So schreibt er auch nach seiner Konversion seine frühere feste
konfessionelle Überzeugung seinen Eltern und ersten Lehrern
zu und faßt den Ausgang seiner Glaubenskrise, die er in Holland
im Ringen mit Cartesianismus und Spinozismus durchmachte, in den Worten
zusammen: Doch hielt ich weiterhin am väterlichen Glauben
fest.
Eine gründliche Ausbildung in lutherischer Frömmigkeit
erfährt Stensen in seiner Zeit als Lateinschüler an der
Liebfrauenschule. Christentum und Humanismus gaben dieser Schule das
entscheidende Gepräge, vor allem übte das religiöse
Element einen Einfluß aus, den wir uns heute kaum vorstellen
können. Nicht Gelehrsamkeit, sondern die exercitia pietatis
war die vornehmste Pflicht der Schule. Der Religionsunterricht kreiste
von der ersten bis zur achten Klasse um Luthers Katechismus, der de
verbo ad verbum gelernt werden mußte. Lebenshaltung, religiöse
Übungen und Kirchenpflichten bestimmten das Auftreten der Schüler.
Ein orthodoxes Luthertum, das das in der Bibel offenbarte Wort Gottes
als oberste Autorität anerkennt und im Glauben an die Sakramente
die Erlösung aus der Erbsünde als Gnade Gottes empfindet,
ergänzt durch erste Ansätze des Pietismus, der individuelle
Bekehrung und ein Leben in Frömmigkeit betont, bilden das geistige
Fundament, auf dem Stensen sein Leben baut.
Im Chaos-Manuskript zeichnet sich uns aus den zahlreichen persönlichen
und religiösen Anmerkungen, die Stensen zwischen die vielen wissenschaftlichen
Zitate und Gedanken fügt, das Bild eines tiefgläubigen Studenten,
der im Begriff steht, die Reise seines Lebens zu beginnen. Diese Anmerkungen,
die sehr wahrscheinlich nur zum kleinsten Teil eigene Gedanken Stensens
wiedergeben, sondern vielmehr häufig Zitate aus geistlicher Literatur
oder auch dem sonntäglichen Gottesdienst darstellen, können
uns doch durch das ihnen gezollte Interesse eine Ahnung von Stensens
weltanschaulichen Grundlagen geben. Eine besondere Betonung erfährt
hier der Glaube an die gütige Vorhersehung Gottes, der sicher
nicht mit der von Calvin proklamierten doppelten Prädestination
verwechselt werden darf. Stensen ist erfüllt vom Glauben an einen
liebenden Gott, der täglich neu das eigene Lebensgeschick fügt
und den Menschen doch nicht der eigenen Verantwortung enthebt: Überlassen
wir alles der göttlichen Vorsehung, seien wir nicht über
das Morgige besorgt , und zweifeln wir nicht an seiner Hilfe, aber
meiden wir jede Ungerechtigkeit und suchen wir durch unsere Arbeit
den Lebensunterhalt für uns und die Armen zu erwerben! Nutzen
wir also die Gaben Gottes und mißbrauchen sie nicht! Und
an anderer Stelle: Möge ich mich niemals verwirren lassen
durch Schlechtes, das mir oder meinen Freunden angetan wird, und möge
mich niemals ein Unglück der Meinen betrüben! Gott sieht
alles und er sieht alles voraus und alles was wir durchgehen, kommt
von ihm und zum Ruhm seines Namens. Stensen unbedingtes Vertrauen
auf die göttliche Vorsehung äußert sich auch in den
erschöpfenden Zitaten aus Jeremias Drexels Joseph Aegypti
prorex descriptus, die sich wie ein roter Faden durch das gesamte
Chaos-Manuskript ziehen. Jeremias Drexel (1581 – 1639), ein bayerischer
Jesuit, erzählt hier die alttestamentliche Geschichte von Joseph,
Stellvertreter des ägyptischen Königs, die eine der schönsten
und beeindruckendsten Darstellungen eines durch göttliche Vorsehung
geführten menschlichen Lebens ist.
Neben Hinweisen auf den regelmäßigen Besuch des Gottesdienstes
und ein aktives Gebetsleben finden sich im Chaos-Manuskript auch Anspielungen
auf Probleme, denen sich der junge Christ ausgesetzt sieht: Bei
der Predigt war ich unaufmerksam, und ich habe nur wenig Gutes getan.
Verzeih mir, Gott, und schenke mir die Gnade, wieder zu mir selbst
zu kommen. Stensen mahnt sich immer wieder zur Ordnung in Leben
und Arbeit, plant seinen Tag mit festen Stunden für Studium und
Gebet, bittet Gott um seinen tätigen Beistand: Fast den ganzen
Tag hat mein zerstreuter Geist nichts Anderes getan, als überall
umherzustreifen und alle Dinge sofort wieder zu verlassen. Wende ab
von mir, o Gott, eine solche Pest, und gib mir die Fähigkeit,
den Sinn von jeder Zerstreuung zu befreien, eines zu tun, und mich
mit meinen Medizintabellen vertraut zu machen.
- Cartesianismus
Gegen Ende seiner Studienzeit begegnet uns in Stensen aber auch ein
überzeugter Cartesianer. Aus verschiedenen im Chaos-Manuskript
verstreuten Anmerkungen geht klar hervor, daß Stensen sich mit
der Gedankenwelt Descartes‘ auseinandergesetzt hatte und nun bestrebt
ist, entsprechend der Cartesischen Methode genau und der Ordnung
nach zu arbeiten. Stensens Sympathie für das philosophische
System Descartes‘ zeigt sich ebenso im Studium der Werke Hendrik de
Roys (lat. Henricus Regius, 1598-1679, Professors der Medizin und
Botanik in Utrecht und eifrigster Verfechter des Cartesianismus in
Holland, wie in der Kritik am Descartes-Gegner Christian Nold, dem
Stensen eine falsche Interpretation der Worte Descartes vorwirft.
Zwar sind im Chaos-Manuskript auch Kritiker des Cartesianismus erwähnt,
eigene Zweifel erwachsen in Stensen aber erst auf dem Boden seiner
anatomischen Forschung an Drüsen, Herz und Gehirn in Leiden und
Paris.
- Ole Borch
Wesentlichen prägenden Einfluß übt – neben anderen
Lehrern – vor allem auch der Naturwissenschaftler und Philologe Ole
Borch (Borrichius, 1626 –1690) auf Stensen aus. Einst Lateinlehrer an
der Liebfrauenschule wird er durch seinen medizinischen Einsatz während
der Pest-Epidemie 1654 zur Naturwissenschaft geführt. Neben seinem
Interesse für alte Sprachen und Lyrik, widmet er sich nun vor allem
chemischen und botanischen Fragestellungen. Borch trägt nicht nur
zur Ausbildung Stensens als hervorragender Lateiner bei, sondern weist
den Schüler auch hin auf die Erfahrung als Königsweg zur
Erkenntnis, und ist letztlich durch das eigene Vorbild wohl auch
maßgeblich an der Entscheidung Stensens zum Medizinstudium beteiligt.
Im Chaos-Manuskript finden sich zahlreiche Hinweise auf Borch, der
den jungen Studenten verschiedentlich zu iatrochemischen und physikalischen
Untersuchungen anregt, mit ihm in zahlreichen Gesprächen naturwissenschaftliche
und philosophische Grundgedanken der Zeit diskutiert, und ihm nach Kräften
Orientierung und Führung zu geben sucht. Auch an der Auswahl der
Bücher, die Stensen in seiner Kopenhagener Studienzeit bearbeitet,
scheint Ole Borch wesentlich beteiligt gewesen zu sein. Mit Stensen,
der ihn als Polyhistor und Naturforscher, hochberühmten und
hervorragenden Mann und hochverdienten Lehrer ehrt, verbindet
ihn eine lebenslange Freundschaft und Teilnahme an dessen wissenschaftlicher
und moralischer Reifung.
- Wege zur Bildung einer eigenen Weltanschauung
- Konfessionelle Vielfalt in Holland
Mit der Ankunft in Holland beginnt für Stensen eine Zeit der
inneren Erschütterung und geistigen Reifung. Die Auseinandersetzung
mit einer relativen Vielfalt gleichberechtigt nebeneinander existierender
Glaubensbekenntnisse und der kritische Umgang mit den philosophischen
Systemen von Spinoza und Descartes öffnen den Weg zu einem tieferen
Überdenken der eigenen Überzeugungen und somit zur Bildung
eines eigenständigen Weltbildes.
Geeint in der Utrechter Union hatten sich die nördlichen Niederlande
in einem 80 Jahre andauernden Kampf von der spanischen und somit katholischen
Vorherrschaft befreit. Nach der Anerkennung der Republik der Vereinigten
Niederlande als unabhängigen, überwiegend protestantischen
Staat im Westfälischen Frieden entwickelt sich die Region mit
ihrer wichtigsten Provinz Holland unter der Einwirkung verschiedener
miteinander konkurrierender protestantischer Bekenntnisse zu einem
Land weitgehender Toleranz und einer Zufluchtsstätte
unabhängiger Geister. Der Cartesianismus war heftig umstrittenes
Diskussionsthema an den Universitäten von Utrecht, Leiden und
Amsterdam, in Rijnsburg lädt Baruch Spinoza Studenten und Professoren
zu gedanklichem Austausch und philosophischer Disputation.
Die Calvinisten stellten die größte konfessionelle Gruppe
des Landes, von einer Konfessionalisierung der Gesamtbevölkerung
wie in den anderen europäischen zentralistisch-bürokratischen
oder absolutistischen Staaten kann aber keine Rede sein. Die niederländische
Republik duldete Arminianer, Lutheraner und Mennoniten, Sozinianer,
Juden, Labadisten und andere konfessionelle Splittergruppen, und faktisch
bestand in Amsterdam, als Stensen die Stadt betrat, eine Vielfalt
religiöser Richtungen wie kaum anderswo auf dem Kontinent. Stensen
sieht sich hier zum ersten Mal dem ganzen Subjektivismus des Protestantismus
ausgesetzt und es ist kein Zufall, daß er sich in seinen späteren
Konversionsschriften fast ausschließlich mit dem Schriftprinzip
des Protestantismus als der Hauptquelle des Irrtums und der immerwährenden
Spaltung befaßt. So formuliert Stensen dann auch in seiner Epistola
de propria conversione eine Frage, die sicher diesem Studienaufenthalt
in Holland entspringt: Somit läuft am Ende alles auf die einzige
Frage hinaus, welche von den verschiedenen Schrifterklärungen
eigentlich als göttlich zu erachten sei, die Auslegung Luthers,
Calvins oder der anderen Reformatoren, oder meine bzw. jene Interpretation,
welche unsere Vorfahren vor Luthers Zeiten als Gottes Wort verehrt
haben, weil sie durch die Zeugnisse so vieler heiliger Väter
und durch das Blut so vieler Märtyrer bestätigt sind, also
in jener Kirche, durch die Gott eben diese unsere Vorfahren vom Heidentum
zum Evangelium bekehrt hat.
- Anatomische Kritik des Cartesianismus
Anders als Descartes, der auf der Suche nach Sicherheit der Erkenntnis
alles und jedes bezweifeln will, kann Stensen seinen Sinnen vertrauen.
Von Borch im Gebrauch der Sinne geschult, vertraut er der eigenen
Erfahrung mehr als allen Autoritäten. Erste Zweifel am cartesischen
System, dem in seiner Absolutheit geradezu religiöse Autorität
zugesprochen wurde, kommen dem Studenten auf Grund seiner Untersuchungen
zur Absonderung der Tränenflüssigkeit. Der von dem geachteten
Philosophen postulierte Sekretionsmechanismus, entbehre jeder faßbaren
Grundlage: Die ja recht geistreiche Erklärung von Descartes,
wie die Tränen entstehen sollen, wird durch keinerlei überzeugenden
Grund gestützt. Diese Zweifel werden noch bestärkt durch
die Untersuchungen an Herz- und Skelettmuskel. Im Hinblick auf die
eklatanten Irrtümer, denen Descartes und seine Anhänger
in ihren Gedanken zu Bau und Funktion von Herz und Muskel unterlegen
sind, schreibt Stensen in seinem schon weiter oben im Anfang zitierten
Brief an Leibniz: Wenn diese Herren, die von allen Gelehrten sozusagen
angebetet werden, für unumstößliche Beweise hielten,
was ich im Lauf einer Stunde von einem zehnjährigen Knaben so
präparieren lassen kann, daß der Anblick allein, ohne jedes
Wort, die genialsten Systeme dieser großen Geister über
den Haufen wirft, welche Sicherheit bieten mir dann die anderen Spekulationen,
derer sie sich rühmen. Ich meine damit, wenn sie sich in den
natürlichen Dingen, die den Sinnen zugänglich sind, so getäuscht
haben, welche Garantie gegen Täuschungen bieten sie mir dann,
wenn sie sich mit Gott und der Seele beschäftigen? Auch die
cartesische Lehre von den Tieren als unbeseelte Automaten findet Stensen
bei selbst ausgeführten Vivisektionen nicht bestätigt: Ich
muß gestehen, daß ich sie [eine Hündin] nicht ohne
Grauen so langen Qualen unterwerfe. Die Cartesianer rühmen sich
so sehr der Sicherheit ihrer Philosophie, ich würde wünschen,
sie könnten mich ebenso sicher überzeugen, wie sie selbst
überzeugt sind, daß die Tiere keine Seele haben, und daß
es keinen Unterschied macht, ob man die Nerven eines lebendigen Tieres
stundenlang berührt, zerschneidet und brennt oder die Schnüre
einer selbsttätigen Maschine.
Neben Herz- und Muskellehre bilden in Stensens Augen die cartesischen
Vorstellungen zur Hirnanatomie die wohl schwerwiegendsten Kritikpunkte.
Schon 1662 schreibt er in einem Brief an Bartholin: Kürzlich
wurde Cartesii Tractatus de Homine mit Abbildungen von Florentinus
Schuyl herausgegeben ... Man sieht darin nicht unelegante Abbildungen,
die sicherlich von einem klugen Gehirn erdacht worden sind. Ob jedoch
das Gehirn wirklich so aussieht, möchte ich bezweifeln. Stensen
beginnt nun bei seinen Sektionen auch das Gehirn zu untersuchen. Wiederholt
stößt er hier auf offensichtlich falsche Behauptungen Descartes,
wobei sich besonders dessen Theorie von der Epiphyse als Sitz der
Seele und Schaltstelle zwischen Geist und Materie als unhaltbar erweist.
Ein halbes Jahr später kann Steno an Bartholin berichten: Je
mehr Gehirne verschiedener Vögel und anderer Tiere ich seziere,
um so weniger scheint mir die von dem hochedlen Cartesius ausgedachte
Hirnstruktur für die Tiere zutreffend zu sein, mag sie sonst
recht geistreich sein und eine Erklärung für die tierische
Bewegung abgeben. Auch wenn Stensen seine Kritik an der cartesischen
Vorstellung des Körpers und vor allem des Gehirns erst im Frühjahr
1665 in seinem Discours sur l’anatomie du cerveau ganz ausformuliert
und dort eben diese Vorstellungen gründlich widerlegt, hat doch
schon mit dem Ende seines Leidener Aufenthaltes der Cartesianismus
für Stensen erheblich an Autorität eingebüßt.
So schreibt er in seinem De musculis et glandulis observationum
specimen mit Blick auf die anatomischen Beobachtungen Descartes
und seiner Anhänger: Aber wenn es den genannten sehr berühmten
Männern hier nicht mehr um den Beweis ihrer eigenen Behauptungen
denn um das Finden der Wahrheit gegangen wäre, wenn sie die von
ihnen selbst gesetzten Prinzipien nicht jenen, die aus den Naturdingen
geschöpft werden, vorgezogen hätten, würden sie hier
wie an verschiedener anderer Stelle nicht so voreilig geurteilt haben.
Erst nach vielen inneren Kämpfen und einer langdauernden Suche
ist Stensen 1680 in seiner Defensio et plenior elucidatio Epistolae
de propria conversione in der Lage, das nach FALLER reifste Urteil
über die Cartesianische Philosophie zu sprechen: Für
tadelnswert halte ich diese Philosophie nur darin, daß ihr Vater,
seine eigene Methode vergessend, als wahr voraussetzte, was er nicht
mit Vernunftgründen dargelegt hatte. Die cartesische Methode
sei wohl lobenswert, da sie helfe, eigene Vorurteile zu erkennen und
zu bekämpfen. Zu verurteilen sei aber, daß Descartes und
seine Anhänger eben diese Methode so häufig vernachlässigt,
und somit viel Falsches als unumstößliche Wahrheit dargestellt
hätten. Ich tadle bei Descartes nicht die Methode, sondern
deren Vernachlässigung. Der Methode verdanke ich die Erkenntnisse
meiner Vorurteile, ihre Vernachlässigung hätte mich, wie
die Beispiele so vieler zeigen, dem Studium der Religion entfremdet.
Descartes wird von Stensen nicht als Philosoph, sondern als Anatom
widerlegt. In Verinnerlichung der cartesischen Methode als geeignetem
Instrument zur Wirklichkeitserkenntnis wehrt sich Stensen gegen eine
unzulässige Ausweitung dieser Methode auf nicht zu Beweisendes.
Mit der Aufdeckung der verschiedenen anatomischen Irrtümer verliert
Descartes für Stensen seine Glaubwürdigkeit als solche auch
auf allen Gebieten, wo er unbewiesene Behauptungen aufstellt.
- Stensen und Spinoza
Über Stensen Umgang mit Spinoza in Holland sind uns praktisch keine
Nachrichten erhalten. Trotzdem kann der Einfluß Spinozas auf Stensens
Denken hier nicht unerwähnt bleiben.
Schon in Amsterdam hatte Steno in unmittelbarer Nähe Spinozas gewohnt,
von 1661 bis 1664 lebte Spinoza in einem kleinen Haus in Rijnsburg, nahe
Leiden. Daß Stensen Spinoza auch persönlich gekannt hat, steht
außer Zweifel: Im einzig erhaltenen Brief Stenos an Spinoza von 1671
(gedruckt 1675) erinnert er an die gemeinsame Freundschaft, und auch der
Amsterdamer kalvinistische Prediger Johannes Sylvius bezeugt eine freundschaftliche
Beziehung.
Zuerst mag die edle Lebensweise Spinozas, die so ganz mit seiner Philosophie
in Einklang stand, Stensen angesprochen haben. Spinoza überzeugte so
sehr durch Anspruchslosigkeit und Selbstbeherrschung, Ruhe und Freundlichkeit,
daß selbst ein erklärter Gegner seiner Philosophie ein Jahrhundert
später ausrufen mußte: Sei du mir gesegnet, großer,
ja heiliger Benediktus. Wie du auch über die Natur des höchsten
Wesens philosophieren und in Worten dich verirren mochtest, seine Wahrheit
war in deiner Seele und seine Liebe war in deinem Leben.
Stensen war aber auch sicherlich beeindruckt von der unerbittlichen Logik,
mit der sich Spinoza der cartesischen Methode bediente. Der Drang nach sicherer
Erkenntnis, der Stensen schon zu Descartes geführt hatte, führte
ihn nun zu Spinoza, der noch größere Sicherheit versprach. Sucht
dieser doch, indem er das Schema der euklidischen Geometrie auf die Philosophie
überträgt und über Menschenwesen schreiben [will], als
ob ich es mit Linien, Flächen und Körpern zu tun hätte,
die cartesische Philosophie zu vervollkommnen und ein in sich geschlossenes
naturphilosophisches System zu errichten, dessen moralische, religiöse
und philosophische Prinzipien sich alleine aus mathematischen Regeln ableiten
ließen. Wie SCHERZ betont, ist Spinozas System aber vielmehr eine
destructio der cartesischen Philosophie, als deren perfectio.
War Descartes noch bestrebt, sowohl das Wissen als auch den Glauben zu rechtfertigen,
geht diese Harmonie bei Spinoza verloren. Er engt bewußt die Erkenntnis
der Wahrheit auf den Bezirk der reinen Vernunft ein. Nutzt Spinoza zwar
noch Begriffe wie Gott und Seele, Freiheit, Tugend und Ewigkeit, so sind
diese Worte doch begrifflich ganz verschieden von denselben Ausdrücken
in der bisherigen christlichen Philosophie. Der Antagonismus zum Christentum,
den Spinoza in Rijnsburg schon denkt und zehn Jahre später auch in
seinem Tractatus theologico-politicus aus Angst vor Verfolgung anonym
veröffentlicht, ist aber nicht zu leugnen. Er verwirft die Dogmen,
selbst voller dogmatischer Sicherheit, lehnt die Schrift als inspirierte
Glaubensquelle ab und sieht die Erzählungen der Bibel als nur für
das einfache Volk bestimmt. Allein der Vernunft sei das Reich der Wahrheit
und Weisheit vorbehalten, der Religion aber das der Frömmigkeit und
des Gehorsams. Die Religion steht unter dem Staat, dem alle Macht gegeben
wird .
Wie sehr Spinoza tatsächlich auf Stensen eingewirkt hat, wie weit
seine achristlichen und antikirchlichen Gedanken schon ausgeformt waren
und inwiefern er sie dann auch in Gesprächen zu artikulieren wagte,
wissen wir nicht. Sicher läßt sich die Glaubenskrise, die Stensen
gegen Ende seines Leidener Aufenthaltes gleichzeitig mit der Freundschaft
zu Spinoza durchlebt, nicht auf dessen Einfluß allein zurückführen.
Und doch war es wohl in besonderer Weise die Auseinandersetzung mit dem
gedanklichen Systems eines Mannes, der einst mein vertrauter Freund war,
und mir auch jetzt, wie ich hoffe, nicht Feind ist (denn ich bin überzeugt,
daß die Erinnerung an den ehemaligen vertrauten Umgang auch jetzt
noch die gegenseitige Liebe wachhält), wie Steno sieben Jahre später
schreiben wird, die Stensens orthodoxen Glauben besonders erschüttert
und fordert.
So ist auch die Kritik an Spinoza, die Stensen schon nach seiner Ordination
zum Priester verfaßt, sehr deutlich. Auch Spinoza hätte – wie
Descartes – seine eigene Methode vergessen und Unbewiesenes als sicher vorausgesetzt.
Tadelnswert erachte ich diese Philosophie dort allein, wo ihr Urheber
seine eigene Methode vergißt und als sicher voraussetzt, was er noch
nicht aus der Vernunft bewiesen hatte. So lassen viele, zu noch Schlimmerem
fortgerissen, alles Christentum, wenn sie es auch nicht ganz ablegen, so
absterben, daß außer dem Namen und einem wesenlosen Schatten
kaum etwas übrig bleibt. Das sieht man deutlich bei Spinoza und seinen
Anhängern, welche der Ausbau, wie sie sagen, tatsächlich aber
die Zerstörung der cartesianischen Philosophie zu völligen Materialisten
gemacht hat. Sie vergaßen ebenfalls die erwähnte Methode und
gaben ihre Vermutungen als Beweise aus. Und weil sie nicht mit Descartes
ihre Unkenntnis von der Verbindung von Geist und Körper, Denkendem
und Ausgedehntem eingestehen wollten, gerieten sie in die schwersten Irrtümer
und behaupteten, beides seien Attribute ein und derselben Substanz, ohne
vorher bewiesen zu haben, daß ein Ausgedehntes ohne Bewegung nicht
möglich sei, oder welcher Art eine solche für das Ausgedehnte
notwendige Bewegung sein müsse, noch die Art wie diese sich dem Ausgedehnten
mitteilen könne. So verwandelten sie durch ihre unbewiesenen Behauptungen
die ganze Theologie in einen Mischmasch von tausend Absurditäten. Weil
sie nur noch Materie kennen, machen sie die Gesamtheit aller materiellen
Dinge zum Gott und erlauben dem Menschen allen Sinnesgenuß, weil es
keinen freien Willen gibt, weil es keinen Sinn hat zu beten und weil dem
Tod weder Strafe noch Belohnung folgt.
- Zur Stellung Niels Stensens in
der Geschichte der Medizin
Wie schon in der Einführung angedeutet, erleben Medizin und Naturwissenschaft
mit der Mitte des 17. Jahrhunderts einen Höhepunkt in so geballter
Konzentration hervorragender Forscher, wie er kaum je wieder erreicht worden
ist. Stensen unter so großen und allseits bekannten Namen wie Galilei,
Descartes, Newton und Leibniz aufzuführen, erscheint anmaßend,
und er ist wohl auch nicht mit so bedeutenden Medizinern seiner Zeit wie
Harvey, Sydenham, Malpighi und Borelli gleichzustellen.
Auch wenn Steno mit seiner feinen anatomischen Sektionstechnik und klaren
Beobachtungsgabe beiträgt zu den Erfolgen seiner Zeit: Harvey in seiner
Lehre vom Blutkreislauf bestätigt und ergänzt, Sylvius‘ System
von den conglobaten und conglomeraten Drüsen weiter ausbaut und mit
vielen Beispielen festigt, Swammerdam und de Graaf in ihren Ansichten zur
Embryonallehre durch Tatsachen stützt, Wesentliches zur Beschreibung
des Lymphsystems beisteuert, und mit seiner Auffassung des Herzens als Muskel
seinen vielleicht größten Beitrag zur Entwicklung der Medizin
leistet – ein eigenes umfassendes System oder Lehrgebäude kann er –
im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen - nicht aufweisen.
Drüsen und Lymphe waren seit den Zeiten der griechischen Medizin
bis zu Beginn des Jahrhunderts nicht weiter untersucht worden. Erst mit
der Entdeckung der Chylusgefäße 1622 durch Aselli und den sich
anschließenden Untersuchungen von Hoffmann, Wirsung und Pecquet beginnt
das Interesse für drüsiges Gewebe neu zu erwachen. Stensens Lehrer
Bartholin beschreibt 1652 als erster das Lymphsystem in seiner Gesamtheit
am Menschen, Wharton gibt 1649 in seiner Adenographia einen umfassenden
Überblick über das System der Drüsen, Sylvius unterscheidet
1661 und 1663 als erster Lymphknoten von echten Drüsen. Mit der Untersuchung
von Drüsen und Lymphe nimmt Stensen also ein Thema seiner Zeit und
seiner Lehrer in Angriff. Stensens Leistung auf diesem Gebiet besteht in
der systematischen Untersuchung aller befeuchteten Körperoberflächen,
in dem anatomischen Nachweis der Flußrichtung der Lymphe und der vorurteilslosen
Interpretation seiner Ergebnisse.
Mit seinen Ausarbeitungen zur Geometrie der Muskelkontraktion, die
Stensen in Leiden beginnt und in Florenz vollendet, erweist er sich als
konsequenter Vertreter von Iatromechanik und Iatromathematik – beides grundlegende
Bestrebungen in der Medizin des 17. Jahrhunderts. Wie schon oben erwähnt,
kann Stensen mit seinen Untersuchungen zwar einen Beitrag zu einem besseren
Verständnis der Muskelfunktion leisten, nicht jedoch, wie Borelli,
die ganzen sich für Medizin und Naturwissenschaft ergebenden Konsequenzen
erfassen.
Die das 17. Jahrhundert beherrschende anatomische Entdeckung und Diskussion
war zweifellos die Beschreibung des Blutkreislaufes durch William Harvey
1628. Hatte der große englische Anatom und Physiologe auch vom Herzen
in Anlehnung an Galen noch als Thron der Seele und Sonne des Lebens
gesprochen, so konnte er doch Systole und Diastole, die beiden Phasen der
Herzmuskelkontraktion aufs genaueste beschreiben, und dem Herzen auch seine
Pumpenfunktion im Blutkreislauf richtig zuordnen. Wenn Stensen das Herz
als reinen Muskel beschreibt, begibt er sich also auch hier nicht auf gänzlich
neues Gebiet. In den Lehrbüchern der Geschichte der Medizin sicherlich
noch nicht ausreichend gewürdigt ist aber der Beitrag, den Stensen
durch die Darstellung des Verlaufes der kardialen Muskelfasern zu einem
besseren Verständnis der Herzkontraktion leistet, und somit auch zu
einer Entscheidung für das bis ins späte 17. Jahrhundert heftig
umstrittene System des Blutkreislaufes .
Auch die zahlreichen Einzelsektionen des Gehirns, die Stensen in
Leiden durchführt, und deren Ergebnisse er in Paris 1665 vorstellen
kann, sind von Scherz wohl zu hoch bewertet, wenn er sagt, Stensen stelle
in seinem Vortrag ein Programm auf, das noch die folgenden 200 Jahre
hindurch der neurologischen Forschung wegweisende Impulse geben kann.
Ohne den Mut Stensens zur eigenen Unkenntnis schmälern zu wollen und
die Bedeutung zu mindern, die aus dem Erkennen der cartesischen Irrtümer
für Stenos Weltsicht erwachsen, muß hier doch auf Descartes,
Willis (1621-1675) und Sydenham (1624-1689) als die eigentlichen Wegbereiter
der Neurologie und Neuroanatomie im 17. Jahrhundert hingewiesen werden.
Stensens Größe und Bedeutung liegt also nicht in einer grundsätzlichen
Revolution medizinischer Anschauungen – praktisch alle seine Entdeckungen
bilden die folgerichtige Weiterentwicklung sich anbahnender Strömungen
der Zeit -, seine Großartigkeit gründet sich in der konsequenten
und kritischen Anwendung der eigenen Gaben am ihm jeweils zugedachten Ort.
Hierbei bildet die glückliche Synthese seiner kritischen Vernunft mit
seinen Überzeugungen von der Zweckmäßigkeit der Welt und
ihrer Leitung durch einen liebenden Schöpfergott, die Stensen zu einem
typischen Barockmenschen macht, keinen inneren Widerspruch, sondern ist
Ausdruck seines Strebens nach einer möglichst umfassenden Erkenntnis
der Wirklichkeit.
Mehr als seine anatomischen Entdeckungen sind es diese innere Kongruenz
und rückhaltlose Konsequenz, die Stensen dem Anatomen Winslow (1669-1760)
zum Leitstern und Vorbild seines anatomischen Studiums machen, ihn
PLENKERS einen der größten und edelsten Söhne
der Dänen nennen lassen, und zum stolzen Bekenntnis des Anatomen
FALLER führen, Stensen als einen der wahrhaft Großen seines
Berufes aufzählen zu dürfen. Mit seinem unbedingten Streben
nach Erkenntnis der Wahrheit und Wahrheit der Erkenntnis bleibt Stensen
auch in unserem Jahrhundert Ärzten und Wissenschaftlern wegweisendes
Vorbild. Denn wie NIEDERMEYER im Hinblick auf Stensen sagt: Nicht darauf
kommt es an, daß der Gelehrte der Welt etwas Neues zu sagen hat, sondern
daß er ihr das Wahre sagt...
- Zusammenfassung
Diese Arbeit versteht sich als Beitrag zur Geschichte der Medizin. Medizin
wird hier nicht als auf den Bereich der reinen Naturwissenschaften eingegrenzte
technisierte Heilkunde verstanden, sondern als die Wissenschaft vom Menschen
und seinen vielfältigen Leiden, und umfaßt somit organische Grundlagen
von Krankheit und Gesundheit ebenso wie philosophische und religiöse
Aspekte der menschlichen Existenz.
Nach Anmerkungen zur Entstehung dieser Arbeit und einer Eingrenzung des
Themas auf Stensens Studienzeit in Leiden erfolgt in Kapitel 2 eine knappen
Darstellung kultureller und naturwissenschaftlicher Strömungen im Europa
des 17. Jahrhunderts, sowie eine umfassende Hinführung zu Stensens
Persönlichkeit im Nachvollzug seiner wichtigsten Lebensstationen.
Kapitel 3 bildet mit seinen zwei Teilen das Zentrum dieser Arbeit. Werden
in Abschnitt 3.1 Stensens anatomische und physiologischen Arbeiten auf dem
Gebiet der Drüsen-, Lymph- und Muskelforschung in Leiden dargestellt,
widmet sich Abschnitt 3.2 den Konsequenzen, die sich für Stensen aus
seinen Forschungsergebnissen, der Begegnung mit Spinoza und dem Erleben
religiöser Zersplitterung in Holland für sein Weltbild ergeben.
Die vielfältigen Entdeckungen zu Anatomie und Physiologie von Drüsen,
Lymphe, Muskel, Herz und Gehirn, die Stensen zahlreiche grundlegende Irrtümer
an den anatomischen Auffassungen bedeutender Autoritäten wie Descartes
offenbaren, führen ihn zu einer weit kritischeren Betrachtung sowohl
der vorher fast unreflektiert angenommenen neuen Philosophie als auch jeglicher
auf reiner Tradition beruhenden Lehrmeinung gegenüber. Die anatomische
Kritik an Descartes wird für Stensen aber nicht zum Grund, den Cartesianismus
ganz zu verlassen, sondern zur Aufgabe, die cartesische Methode weiter zu
verinnerlichen. So gestärkt kann er auch in der Begegnung mit dem pantheistischen
Materialismus Spinozas standhalten und seinen christlichen Glauben bewahren.
Stensens anerzogene lutherische Orthodoxie wird aber doch in Holland stark
erschüttert und in ihrem Absolutheitsanspruch geschwächt. Die
Konfrontation mit einer Vielzahl an Konfessionen und philosophischen Systemen,
die alle für sich die ganze Wahrheit beanspruchen, ist für Stensen
wichtiger Schritt auf der Suche nach einer alles umfassenden Wahrheit, die
er drei Jahre später in der katholischen Glaubenslehre findet.
Mit einem Beitrag zur Stellung Stensens in der Geschichte der Medizin in
Kapitel 4 wird diese Arbeit abgeschlossen. Literaturverzeichnis, Bemerkungen
zu verwendetem Material und zur Methode der Bearbeitung, sowie Anmerkungen
zu der Verwirrung der Datumsangaben im 17. Jahrhundert und der Vielfalt
der gebräuchlichen Namensformen für Stensen finden sich zusammen
mit einer Danksagung im Anhang (Kapitel 6).
- Anhang
- Literaturverzeichnis
- Orginalausgaben und Übersetzungen
der Werke Stensen:
- Nicolai Stenonis Epistolae Et Epistolae Ad Eum Datae. Ed. Gustav
Scherz adjuvante Joanne Raeder. Hafniae-Friburgi. Vol. I – II. 1952.
- Nicolai Stenonis Opera Philosophica. Ed. by Vilhelm Maar. Vol.
I – II. Copenhagen. 1910.
- Nicolai Stenonis Opera Theologica cum prooemiis ac notis germanice
scriptis ediderunt Knud Larsen et Gustav Scherz. Vol. I – II. Hafniae. 1941/47.
- Niels Stensen Das Feste im Festen. Vorläufer einer Abhandlung
über Festes, das in der Natur in anderem Festen eingeschlossen ist.
Florenz 1669. Mieleitner, Karl. Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften.
Neue Folge Bd.3. Frankfurt a. M. 1967.
- Niels Stensen in seinen Schriften (Pionier der Wissenschaften).
Auswahl und deutsche Übersetzung von Gustav Scherz. Copenhagen. 1963.
- Niels Stensen. Chaos. Ziggelaar, August. Niels Stensen's Chaos-manuscript
Copenhagen, 1659. Complete edition with Introduction, Notes and Commentary.
The Danish National Libary of Science and Medecine. Copenhagen. 1997.
- Sacra Congregatio pro Causis Sanctorum. Officium Historicum. Osnabrugen.
Beatificationis et Canonizationis Servi Die Nicolai Stenonis Episcopi Titiopolitani
POSITIO super introductione Causae et super Virtutibus ex officio concinnata.
Romae. 1974.
- Schepelern, H. D., Niels Stensen. A Danish Student in his Chaos-manuscript
1659. Acta hist. scient. nat. et med. Kopenhagen. 1987.
- Scherz, Gustav. Niels Stensen. Eine Biographie. Leipzig. 1987.
- Scherz, Gustav. Nicolaus Steno and his Indice. Acta hist.
Scientiarium Nat. et Med. 15. 1958
- Wicklein, Eva-Maria. Nicolaus Steno nach seiner Konversion im Jahre
1667. Kath. Akademie, Hamburg. 1991.
- Sekundärliteratur:
- Ackerknecht,
E. Murken, A. Geschichte der Medizin, 6. Aufl., Stuttgart 1989.
- Agostini, Franco. DuMont’s Spielbuch der Mathematik und Logik,
Köln 1988.
- Approbationsordnung für Ärzte (ÄAppO). Stand 1993.
Deutscher Ärzte-Verlag Köln.
- Bayer-Lindauer. Lateinische Grammatik. München. 1974.
- Bertholet, Alfred. Wörterbuch der Religionen. Stuttgart. 1985.
- Bierbaum, Max. Faller, Adolf. Niels Stensen. Anatom, Geologe
und Bischof. Münster. 1959.
- Clévenot, Michel. Licht und Schatten - das Zeitalter des
Barock. Edition Exodus. Luzern. 1997.
- Coreth, Emerich. Philosophie des 17. und 18. Jahrhunderts. 2. Aufl.
Stuttgart. 1990.
- Engel, Ulrich. Der Abschied vom Einem. In: Orientierung Nr. 61.
Zürich. 1997. p. 143.
- Faller, Adolf. Niels Stensen - Die philosophischen Voraussetzungen
des Anatomen und Biologen. In: Arzt und Christ 8. Salzburg. 1962.
- Forster, Michael. Lectures on the history of physiology during
the sixteenth, seventeenth and eighteenth centuries. Cambridge. 1901. Reprint:
Dover Publications. New York. 1970.
- Gäber, Lüde. Descartes. Meditationes de prima philosophia.
Lateinisch - Deutsch. Hamburg. 1659.
- Gebser, Jean. Ursprung und Gegenwart. Stuttgart. 1966.
- Guardini, Romano. Gebet und Wahrheit. Würzburg. 1960.
- Hall, A. Rupert: The Correspondence of Henry Oldenburg. Milwaukee.
1965.
- Hauss, Friedrich. Väter der Christenheit. Wuppertal., 1991.
- Heida, Ulrike: Niels Stensen in den Beziehungen zu medizinischen
Fachkollegen seiner Zeit. Berlin. 1986.
- Heilen - Ärzte, Apotheker, Pflegeberufe, Seelsorger im Gespräch.
Hrsg. von der Niels-Stensen-Gemeinschaft e.V. Heft 4/87. 1/90. Bonn. 1990.
- Helweg, Ludwig. Den danske Kirkes Historie efter Reformationen.
Bd. 1. København. 1851.
- Herrlinger, R.: Auf der Suche nach dem Sitz der Seele. Kopenhagen.
1966.
- Jensen, Michael. Bibliographia Nicolai Stenonis. Mørke.
1986.
- Jerusalem, Wilhelm. Einleitung in die Philosophie. 8. Aufl. Wien
1919.
- Jung, Kurt M. Europäische Geistesgeschichte. Berlin. 1963.
- Jung, Kurt M. Weltgeschichte in einem Griff. Berlin 1994.
- Langenscheidt. Taschenwörterbuch der lateinischen und deutschen
Sprache. Berlin. 1956.
- Meinsma, K. O. Spinoza und sein Kreis. Berlin. 1909.
- Meyenn, Karl. Lust an der Erkenntnis. Triumph und Krise der Mechanik.
München. 1990.
- Meyers großes Taschenlexikon. Mannheim. 1983.
- Mieleitner, Karl. Das Feste im Festen. Vorläufer einer Abhandlung
über Festes, das in der Natur in anderem Festen eingeschlossen ist.
Niels Stensen. Florenz 1669. Ostwalds Klassiker der exakten Wissenschaften.
Neue Folge Bd.3. Frankfurt a. M. 1967.
- Moe, Harald. Nicolaus Steno. An illustrated Biography. Rhodos.
Copenhagen. 1994.
- Norpoth, Leo. Die Stellung Niels Stensens in der Medizingeschichte.
In: Arzt und Christ 8. Salzburg. 1962.
- North, Michael. Geschichte der Niederlande. München. 1997.
- Pius XII. Nikolaus Steno. Arzt und Christ 8. 1962.
- Ploetz. Auszug aus der Geschichte. 30. Aufl. Würzburg. 1986.
- Preller, C. p. du Riche. Italian Mountain Geology. London. 1918.
- Putzger. Historischer Weltatlas. 100. Aufl. Berlin. 1979.
- Richter, L. C. René Descartes - Dialoge mit deutschen Denkern.
Hamburg. 1942.
- Schepelern, H. D., Niels Stensen A Danish Student in his Chaos-manuscript
1659. Acta hist. scient. nat. et med. Kopenhagen. 1987.
- Scherz, Gustav. In Wahrheit und Liebe. Niels Stensen gegenüber
Andersgläubigen. Arzt und Christ 8. 1962
- Scherz, Gustav. Nicolaus Steno and his Indice. Acta hist. Scientiarium
Nat. et Med. 15. 1958.
- Scherz, Gustav. Niels Steensen (Nicolaus Steno). Kopenhagen. 1984.
- Scherz, Gustav. Niels Steensen's first dissertation. Journal of
the history of medecine and allied sciences 15. New York. 1960.
- Scherz, Gustav. Niels Stensen Bildbuch. Würzburg. 1962.
- Scherz, Gustav. Niels Stensen. Denker und Forscher im Barock. Stuttgart.
1964.
- Scherz, Gustav. Niels Stensen. Eine Biographie. Leipzig. 1987.
- Scherz, Gustav. Pionier der Wissenschaften. Niels Stensen in seinen
Schriften. Copenhagen. 1963.
- Schmidt, Heinrich. Philosophisches Wörterbuch. Neu bearb.
Von Georgi Schischkoff. 22. Aufl. Stuttgart. 1991.
- Schott, Heinz. Meilensteine der Medizin. Dortmund. 1996.
- Schulz, Daniel. Die Stellung Thomas Whartons in der Lehre von den
Drüsen im 17. Jahrhundert. Med. Diss. Köln. 1960.
- Siegerist, Henry E. Große Ärzte. 6. Aufl., München.
1970.
- Sourina. Poulet. Matiny. Illustrierte Geschichte
der Medizin. Salzburg. 1980. Bd. 1-9.
- Spinoza, Baruch. Ethik. Übersetzung von Jakob Stern (1888).
Hrsg.: Helmut Seidel. Leipzig. 1987.
- Störing, Hans Joachim. Kleine Weltgeschichte der Philosophie.
Frankfurt a. M. 1992.
- Stowasser, Josef M. Der kleine Stowasser. Lat.-Dt. Schulwörterbuch.
München. 1980.
- Troels, Kardel. Steno. Life, Science, Philosophy. Acta hist. Scient.
Nat. et Med. Vol. 42. Copenhagen. 1994.
- Wicklein, Eva-Maria. Nicolaus Steno nach seiner Konversion im Jahre
1667. Kath. Akademie, Hamburg. 1991.
- Zibrowius, Dieter. Die historische Entwicklung der Kenntnisse und
Anschauungen über die Anatomie und Funktion der Ausführungsgänge
der großen Speicheldrüsen des Mundes bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts.
Gießen, 1978.
- Ziggelaar, Ausgust. Niels Stensen's Chaos-manuscript Copenhagen,
1659. Complete edition with Introduction, Notes and Commentary. The Danish
National Libary of Science and Medecine. Copenhagen. 1997.
- Zöllner, N. Die Erziehung zum Arzt. Eröffnungsrede beim
Wiesbadener Kongreß 1986.
- Zu Material und Methodik
- Orginaltexte und ihre Translation
Auch wenn große Teile des Schriftwerkes Stensens schon in deutscher
Übersetzung zugänglich sind, sind doch auch weite Teile seines
Werkes bis heute unübersetzt geblieben. Die große Aufgabe
einer vollständigen Übersetzung sämtlicher von SCHERZ,
RAEDER, MAAR und ZIGGELAAR in vorbildlicher Weise kompilierten lateinischen,
französischen oder deutschen Orginaldokumente Stensens harrt noch
der Bearbeitung durch einen Übersetzter, der in ähnlicher
Weise universal gebildet sein müßte, wie Stensen selbst es
war. Nur so ließe sich die ganze Tiefe seiner Werke, die zumeist
in hervorragendem klassischen Latein geschrieben, so unterschiedliche
Themen wie Anatomie, Geologie und Theologie behandeln, erfassen.
In dieser Arbeit wurde – im Bewußtsein der eigenen mangelhaften
Kenntnisse - so weit als möglich auf schon vorhandene Übersetzungen
zurückgegriffen. Wenn eigene Übersetzungen notwendig wurden,
ist der lateinische Orginaltext in den Fußnoten angegeben. Der
Gebrauch vorhandener Übertragungen in das Deutsche birgt aber auch
eine Gefahr: Wie Prof. Carl SCHIRREN betont, war Gustav SCHERZ, dessen
Übersetzungen bei weitem den größten Teil der veröffentlichten
Translationen Stensens Werke ausmachen, weder Sprach- noch Naturwissenschaftler,
sondern Priester. Auf die hieraus erwachsende Problematik in den zitierten
Textstellen sei ausdrücklich hingewiesen.
- Quellen zu Stensens Biographie
Der Abriß aus Stensens Lebensweg orientiert sich vornehmlich
an der sehr detaillierten Darstellung in der Niels-Stensen-Biographie
von Gustav SCHERZ. Soweit auf die sehr empfehlenswerte illustrierte
Biographie von Harald MOE zurückgegriffen werden mußte, sind
die englischen Orginalstellen nicht in den Fußnoten angegeben,
sondern nur die entsprechenden Seiten zum Vergleich angegeben.
- Zu Fussnoten und Paginierung
Im Allgemeinen wurde auf eine möglichst vollständige Paginierung
geachtet, um eine schnelle Referenz zu ermöglichen. Aus dem selben
Grund sind die zitierten Werke auch, in gleicher Weise wie im Literaturverzeichnis,
in den Fußnoten vollständig aufgeführt. Nur folgende
Kurzformen wurden bei häufig zitierten Werken benutzt:
OPH I et II: Nicolai Stenonis Opera Philosophica. Ed. by Vilhelm
Maar. Vol. I - II. Copenhagen. 1910.
OTH I et II: Nicolai Stenonis Opera Theologica cum prooemiis
ac notis germanice scriptis ediderunt Knud Larsen et Gustav Scherz.
Vol. I - II. Hafniae. 1941/47.
Epistolae I et II: Nicolai Stenonis Epistolae Et Epistolae Ad
Eum Datae. Ed. Gustav Scherz adjuvante Joanne Raeder. Hafniae-Friburgi.
Vol. I - II. 1952.
Chaos: Ziggelaar, Ausgust. Niels Stensen's Chaos-manuscript
Copenhagen, 1659. Complete edition with Introduction, Notes and Commentary.
The Danish National Libary of Science and Medecine. Copenhagen. 1997.
- Zu den Datumsangaben
Niels Stensens Leben fällt in die Zeit der Kalenderreform. Während
in der katholischen Welt schon ab 1582 der Gregorianische Kalender (st.n.
= stili novi) gebraucht wurde (so zum Beispiel in Frankreich und Italien,
Holland und Teilen Deutschlands, wie zum Beispiel in Münster),
wird in Ländern wie Dänemark, England und anderen Teilen Deutschlands,
wie zum Beispiel Hannover, noch bis zu Beginn des 18. Jahrhunderts der
Julianische Kalender (st.v. = stili veteris) verwendet. Die Datumsdifferenz
beträgt im 17. Jahrhundert 10 Tage. Hierzu kommt, daß in
England und Florenz nach alter Sitte das Jahr noch mit dem Fest Mariä
Verkündigung am 25. März beginnt, während in den restlichen
Teilen Europas der Jahreswechsel wie heute üblich am 1. Januar
begangen wird. Zu den in dieser Arbeit verwendeten Datierungen sei erwähnt,
daß auf eine sorgfältige Überprüfung und Kennzeichnung
der Datumsangaben verzichtet wurde. Im allgemeinen kann gelten, daß
in katholischen Ländern Datumsangaben nach dem Gregorianischen
Kalender erfolgen, während sie im protestantischen Dänemark
nach Julianischen Kalender wiedergegeben werden. Niels Stensen wurde
also am Neujahrstag (st.v.) bzw. 11. Januar (st.n.) 1638 geboren und
ist am 25. November (st.v.) bzw. 5. Dezember (st.n.) 1686 verstorben.
- Zu den Verschiedenen Namensformen Stensens
Zu den verschiedenen geläufigen Formen des Namen Stensen schreibt
SCHERZ in dem Additamentum zu Epistolae II: Der Name Stensen
besagt soviel wie "Sohn des Sten", lateinisch: filius Stenonis
oder verkürzt Stenonis, also der Genitiv des lateinischen Wortes
für den Rufnamen Sten: Steno. Die weit verbreitete Benennung
"Nikolaus Steno" ist also ein grammatikalischer Irrtum, der wohl von einer
falschen Auffassung der adjektivistischen Form des Familiennamens (lat.
Stenonius, ital. Stenone, franz. Sténon) stammt. Die einzige noch
existierende dänische Unterschrift von Stensens eigener Hand -–er
unterschreibt sich sonst gewöhnlich mit Nicolaus Stenonis
– zeigt die ältere Schreibweise mit der Dehnung durch Verdoppelung
des Vokals: Nicolaus Steensen. ... Dieselbe Verdoppelung findet sich oft
im Vornamen des Vaters, und in der Unterschrift des Halbbruders Johann,
aber ohne Konsequenz; es kommen auch die Formen Sten, Sthen, Stehen etc.
vor, und auch der übrige Namen erscheint vielfach in verschiedener
und altertümlicher Orthographie: Stehen Pederßen, Johan Steensön,
etc. Am konsequentesten dürfte es deshalb sein, die heutige dänische
Form, Niels Stensen, anzunehmen (wie A. D. Jörgensen), die auch im
internationalen Gebrauch eine phonetisch richtige Aussprache garantiert
und weniger Anlaß zur Verwechslung mit holländischen oder englischen
Namen bietet. In dieser Arbeit wurde darauf geachtet, Stensen nur
mit der dänischen Form, Stensen, und der vor allem in der
englischen Literatur sehr häufig benutzten lateinischen Form seines
Namens, Steno, zu benennen.
- Danksagung
Vor allen sei hier meinem Doktorvater und Lehrer der Geschichte der Medizin
tiefster Dank und die allergrößte Bewunderung ausgeprochen. Von
den vielen Lehrern, die meinen Weg bis hierher begleitet haben, hat mich Prof.
Emil Schultheisz mit seiner weisen Güte, seinem liebenden Feingespür
und seinem umfassenden Wissen am meisten beeindruckt und auch am tiefsten
begeistert.
Ein ganz besondere Dank gilt auch meiner Verlobten, Kathrin Nagel,
die mir mit ihrem warmen Zuspruch und ihrer Liebe, besonders in der Zeit der
endgültigen Abschrift dieser Arbeit, immer zur Seite gestanden ist und
durch manches Tal geholfen hat. Ihrem kritischen Geist und Ihrer praktischen
Frömmigkeit möchte ich meine Achtung und Verehrung aussprechen.
Ausdrücklich hervorheben will ich auch den Dank, den ich meinen Eltern
schulde. Durch das Geschenk des "Glauben Dürfens und Könnens" haben
sie mir die größte und schönste Lebensaufgabe ermöglicht.
Dafür und auch für die beständige administrative und praktische
Hilfe, sei ihnen mein lebenslanger Dank gewiß.
Auch meine Schwester Maria-Jacinta und ihr Ehemann Hubertus Frhr.
v. Roeder sollen hier erwähnt werden, die nach dem Tod ihres zweiten
Sohnes Lorenz mit ihrer mutigen Akzeptanz dieses nahezu unerträglichen
Schicksals immer als leuchtendes Lebensbeispiel vor mir stehen werden.
Stellvertretend für die Mitglieder der Niels-Stensen-Gemeinschaft/Bonn
sollen Stanis-Edmund Szydzik und Felicitas Estermann genannt
werden. Die Mitglieder dieser Gemeinschaft aus Ärzten, Apothekern, Pflegeberufenen
und Seelsorgern waren mir gegenüber, wie auch der Niels-Stensen-Historiker
Sebastian Olden-Joergensen, von größter Freundlichkeit
und Hilfsbereitschaft geprägt.
Nicht zuletzt seien hier noch genannt: Meine ehemalige Lateinlehrerin Michaela
Hoiboom, die mich zurück auf die Fährte der alten Sprachen geführt
hat, die beiden Franziskaner-Mönche Pater Eusebius und Heinrich,
die mir mit ihrem Lebensrat gänzlich unerläßlich geworden
sind, der unbekannte Bibliothekar der Staatsbibliothek München,
der mir mit Begeisterung bei Kennenlernen des Bibliothekswesens und Auffinden
von Stensens Schriften geholfen hat.
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niels stensen in leiden
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